Der doppelte Heer

Die Zürcher SVP war der Motor des nationalen SVP-Triumphs. Nun ist die Partei im Umbruch – und er ist gefordert: Alfred Heer, Kantonalparteipräsident, Politiker alter SVP-Schule mit Affinität zu Europa.

Ein ganzer SVPler, aber keiner, der vor Blocher kuscht: Alfred Heer, Präsident der Zürcher SVP. Foto: Dominique Meienberg

Ein ganzer SVPler, aber keiner, der vor Blocher kuscht: Alfred Heer, Präsident der Zürcher SVP. Foto: Dominique Meienberg

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Seine Welt wird umgekrempelt, doch er wirkt gelassen: Alfred Heer (54), Mitinhaber einer kleinen Computerfirma, vor allem aber Nationalrat und Präsident der Zürcher SVP.

Seine Welt: Das ist die SVP. Diese ist gerade daran, sich ein neues Gesicht zu geben – oder besser: neue Gesichter. Christoph Blocher und Walter Frey treten als Vizepräsidenten der SVP Schweiz zurück. Gemeinsam haben die beiden Zürcher in den letzten Jahrzehnten die SVP zur nationalkonservativen Bewegung formiert. Sie sind die Baumeister des SVP-Triumphs. Blocher wirkte an der Front, Frey war etwas diskreter.

Nun geben sie – und mit ihnen Parteipräsident Toni Brunner – ihre Ämter ab. Morgen Samstag wird der Umbruch an der Parteispitze auch an der Versammlung der SVP-Delegierten in Wil SG zu reden geben. Wenn auch nicht offiziell – traktandiert ist das Thema nicht.

SVP-Spitze ohne Zürich?

Die SVP Zürich war Kern und Motor des Aufstiegs der Volkspartei. Sie war die Avantgarde: schärfer, rechter, lauter, ­finanzstärker und cleverer als andere Sektionen. Nach und nach gelang es der Zürcher Sektion und ihrem Langzeitpräsidenten Blocher, die Gesamtpartei auf ihren Kurs zu bringen. Umso bemerkenswerter, dass nach den Rücktritten von Blocher und Frey das Risiko besteht, dass in der künftigen SVP-Spitze Zürich nicht mehr vertreten ist.

Ein Szenario, das Alfred Heer um den Schlaf bringt? Die Antwort kommt rasch: «Nein! Wir brauchen an der Spitze fähige Leute, die Zeit haben. Wenn darunter Zürcher sind, ist das gut. Wenn diese Leute aus anderen Kantonen kommen, ist es auch kein Problem.»

Alfred «Fredi» Heer sitzt im Sekretariat der Zürcher SVP in Dübendorf, hinter sich Stellwände mit Abstimmungsplakaten, vor sich ein Espresso. Ist der Gleichmut, den er zur Schau stellt, echt? Man könnte ja die These vertreten, es spiele sich hier eine Art griechisches Drama ab: Zuerst exportiert die Zürcher SVP ihren Geist nach Bern und schwört die einst grösste Rivalin, die Berner SVP, auf ihre Linie ein. Dann übernehmen die verzürcherten Berner – mit Fraktionschef Adrian Amstutz und dem designierten Präsidenten Albert Rösti – die Macht in der Partei und drängen die Original-Zürcher an den Rand.

Man könnte noch weiter gehen und behaupten: Dass sich das Machtzentrum von Zürich nach Westen verschiebt, ist auch eine Botschaft an Alfred Heer. Nämlich das Signal aus der Parteizentrale, dass man dort seine Sololäufe und eigenwilligen Positionen nicht sonderlich schätzt. Heer erlaubte sich, mitten im Wahlkampf den SVP-Song öffentlich als «gaga» zu bezeichnen und zu monieren, die SVP-Kampagne fokussiere allzu exklusiv auf Ausländerthemen.

Heer und alle anderen angefragten SVP-Grössen weisen solche Thesen von sich. «Das Standing der Zürcher SVP in der nationalen Partei ist nach wie vor hoch», sagt der Zürcher Nationalrat Mauro Tuena.

Weniger poltern?

Mit Alfred Heer steht ein Mann an der Zürcher SVP-Spitze, der das, was die Partei stark gemacht hat, geradezu exemplarisch verkörpert. Offen ist aber, wie sehr diese Eigenschaften in der SVP 2.0, die sich derzeit am Formieren ist, noch gefragt sind.

Als Heer vor knapp sieben Jahren Präsident wurde, hatten Partei-Dinosauriere wie Toni Bortoluzzi, Hans Fehr, Max Binder oder Christoph Mörgeli noch Macht und Einfluss. Heute dominiert eine neue Generation die Sektion – jüngere Akademiker mit guten Manieren, elegantem Auftritt und geschliffener Sprache, gezähmt im Stil, aber nicht im Inhalt. Die Durchsetzungsinitiative oder die Landesrecht-vor-Völkerrecht-Initiative zeugen davon. Banker-Nationalrat Thomas Matter – wie seine Ratskollegen Gregor Rutz, Hans-Ueli Vogt oder Roger Köppel ein Vertreter der neuen Generation – sagt es so: «Die SVP war früher eine 10-Prozent-Partei und ist heute eine 30-Prozent-Partei. Eine grosse Partei braucht eine andere Struktur und einen anderen Auftritt. Heute müssen wir weniger poltern als früher.»

Es ist das Verdienst von Alfred Heer, dass die Partei den Generationenwechsel hin zur Neo-SVP vollziehen konnte. Doch er selbst ist kein Vertreter der neuen, schicken 30-Prozent-SVP. Alfred Heer: das ist alte Schule. Steht er auf der Bühne, teilt er aus, gegen Linke, gegen Europa, gegen Zuwanderer, gegen den Staat. Kompromisslos, laut im Ton und unzimperlich in der Wortwahl.

Es ist das Verdienst von Alfred Heer, dass die Partei den Generationenwechsel hin zur Neo-SVP vollziehen konnte.

Alte SVP-Schule ist auch eine andere Eigenschaft Heers: die Underdog-Attitüde, die Lust an der Establishment-Kritik, am Poltern gegen die Oberen. Freilich – und das unterscheidet Heer nun von anderen in der Partei: Bei ihm macht diese Lust auch vor der eigenen Partei-Elite nicht halt. Das ist nur konsequent: Die SVP und ihre Chefrepräsentanten sind heute selbst Teil der «Classe politique», des Establishments. Damit geraten sie in Fredi Heers Visier.

Koni Loepfe, einst Präsident der Stadtzürcher SP, sieht es so: «Fredi Heer ist kein braver Parteimann, sondern einer, der auch einmal sagt: ‹Blocher macht einen Seich.› Heer ist keiner, der kuscht.» Er habe ihn unlängst an einer Delegiertenversammlung der kantonalen SVP erlebt, so Loepfe. Heer habe eine Stunde gesprochen, Blocher habe eine Viertelstunde reden dürfen, und als er dabei ein paar kritische Bemerkungen zum Zürcher Wahlkampf platzierte, habe Heer kühl gekontert. «Er hat nie zur Blocher-Clique gehört. Heer passt in den Kreis 4, aus dem er kommt. Er ist hemdsärmlig. Er hat eine grauenhafte Sprache, er übertreibt und bellt. Deshalb wird er unterschätzt. Fredi Heer ist viel gescheiter, als man meint.»

«Wie ein Schauspieler»

Die politischen Konkurrenten sind sich bemerkenswert einig, wenn es um Heer geht: Einer, der loslegt, sobald das ­Mikrofon offen ist. Einer, der kein SVP-Feindbild auslässt, wenn er einmal in Fahrt ist. Einer, der – trotz seiner brummligen, bärbeissigen Art – bei der Basis gut ankommt. Aber auch einer, der bemerkenswert unabhängig argumentiert, sobald das Flutlicht aus ist. «Er kommt mir wie ein Schauspieler vor», findet der Zürcher SP-Präsident Daniel Frei. Koni Loepfe sagt: «Ich habe manchmal das Gefühl, seine Fremdenfeindlichkeit sei nur gespielt.»

Heer protestiert gegen das Schauspieler- wie gegen das Etikett des Fremdenfeinds. Er vertrete Überzeugungen und kämpfe für diese. Zum Beispiel – im Fall der Masseneinwanderungsinitiative – dafür, dass ein Volksentscheid umgesetzt werde. Das habe nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun.

Doch dann folgen Neben- und Nachsätze, die aufzeigen, dass nicht ganz falsch liegt, wer den Eindruck hat, es gebe den offiziellen, linientreuen «Heer eins» und den inoffiziellen, zweifelnden «Heer zwei». Der Politiker erklärt sich so: «Wenn man sich für etwas entschieden hat, muss man dafür klare Worte finden. Gleichzeitig ist es aber unverzichtbar, dass alle Meinungen einfliessen, wenn es um die Gesetzgebung geht. Gäbe es nur die SVP, würde die Schweiz früher oder später in ein Desaster laufen. Man würde faul und träge, wie eine Firma, die keine Konkurrenz hat.» Gleiches geschähe, wenn eine andere Partei ein Monopol besässe.

Politik, so Heer, sei ein ewiges Sich-Hinterfragen: «Ist es richtig, was ich sage? Bin ich zu hart? Gerade jetzt, bei der Durchsetzungsinitiative, kommt ja dieser Vorwurf.» Und? Ist die Initiative tatsächlich zu hart? Heer eins sagt: «Das Volk hat der Ausschaffungsinitiative zugestimmt. Also muss man sie durchsetzen.» Heer zwei ergänzt: «Aber es ist tatsächlich so, dass die Initiative zu Härtefällen führen kann.» Dann wieder Heer eins: «Doch die Härtefälle sind Ausnahmen. Ich stehe voll hinter der Initiative.»

Der Mann beim Europarat

Seit vergangener Woche haben Heer eins und Heer zwei eine weitere Bühne, auf der sie sich bewegen. Per Akklamation wurde er zum Präsidenten der parlamentarischen Delegation beim Europarat gewählt – ein Zürcher SVP-Politiker als Chef der Schweizer Europarats-Abordnung? Geht das? Heers Vorgängerin in dieser Rolle, die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala, sagt: «Alfred Heer ist ein sehr aktiver Europarat. Er beteiligt sich intensiv am internationalen Engagement.» Das Spannungsfeld mit seiner eigenen Partei, so Fiala, wolle sie jedoch nicht kommentieren. «Da muss er sich selber arrangieren.»

Von diesem Arrangement wird abhängen, welcher Heer die Schweizer Delegation in Strassburg führen wird: der weitgereiste, mehrsprachige Alfred Heer, der sich in seiner Freizeit und mit eigenem Geld in der «Inter-Parlamentary Coalition for Global Ethics» für die interreligiöse Verständigung einsetzt? Oder SVP-Politiker Heer, der zu seinem Europarats-Engagement sagt: «Es gibt viele Fehlentwicklungen, die aus dem Europarat kommen. Die muss man aufhalten. Darum bin ich dort.»

Erstellt: 21.01.2016, 22:47 Uhr

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