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Der Eklat im Kinderspital war voraussehbar

Die Krise in der Zürcher Kinderherzchirurgie ist die Folge einer schlechten Personalführung.

MeinungSusanne Anderegg

Herzchirurgen, die fähig sind, komplizierte Operationen an kleinen Kinderherzen durchzuführen, sind in der Schweiz an einer Hand abzuzählen. Das wissen auch die Führungsverantwortlichen im Zürcher Kinderspital. Dennoch stellten sie ihren Chef-Herzchirurgen Michael Hübler letzten November frei. Über die Gründe für die Trennung ist offiziell nichts zu erfahren. Laut Insidern waren Spannungen zwischen Hübler, den Kardiologen und der Intensivpflegestation eskaliert.

Diese Spannungen bestanden seit vielen Jahren. Denn es gibt einen Grundkonflikt: Der Chirurg will operieren, auch wenn die Überlebenschancen minim sind; die Mitarbeitenden auf der Intensivpflegestation hingegen, welche die Kinder nach der Operation übernehmen, sehen manchen Eingriff als Quälerei.

Konfliktlösung wäre die Aufgabe der Spitalleitung. Doch offensichtlich ist Personalführung nicht deren Stärke. Das zeigte sich auch, als sie kürzlich ohne Einbezug der Betroffenen ein neues Lohnmodell einführte und damit einen Aufruhr der Kaderärzte provozierte. Oder als sie einen Assistenzarzt nach einer längeren Krankheitsabwesenheit ohne Begründung entliess.

Auf die Länge ist die Situation für alle zu belastend und auch zu labil.

Die Freistellung Hüblers war eine Hochrisikoaktion. Immerhin hatte die Kispi-Führung vorher noch sondiert, ob Hüblers Vorgänger René Prêtre aushelfen könnte. Prêtre, seit 2012 Herzchirurgie-Chef im Unispital Lausanne, sagte zu. Er gab seine Managementfunktionen ab und operiert seither an einem, oft auch an zwei Tagen pro Woche die schwierigsten Fälle in Zürich, wobei er öfters notfallmässig anreisen muss.

Als Übergangslösung geht das vielleicht noch. Auf die Länge ist die Situation für alle zu belastend und auch zu labil. Doch genau ein solches Providurium droht nun. Denn Hübler, der ein ausgezeichneter Chirurg ist, kann nicht einfach ersetzt werden.

Der Nachwuchs bei den Kinderherzchirurgen ist äusserst dünn gesät. Und die wenigen Fachärzte verteilen sich überdies auf drei Standorte: Zürich, Bern und Lausanne/Genf. Pro Standort ergibt das eine schwache Präsenz von ausgewiesenen Fachärzten. Ein Problem, das schon vor Hüblers Ausscheiden bestand.

Die Sache geriet erneut ins Stocken

Dazu kommt, dass die einzelnen Kinderherzkliniken gemessen an internationalen Standards eigentlich zu wenig Fälle behandeln, was der Qualität ebenfalls nicht förderlich ist. Auch dies ist seit langem erkannt, eine Änderung aber nicht absehbar.

2014 hatte die Gesundheitsdirektorenkonferenz, die für die Koordination der hoch spezialisierten Medizin in der Schweiz zuständig ist, den Fachbereich Kinderherzmedizin zwar aufgegriffen. In der Folge entstand ein erster Bericht zu dem Thema, der Ende 2017 in die Vernehmlassung ging. Danach geriet die Sache aber erneut ins Stocken. Nicht dringlich, befand die Fachgruppe, welche die Gesundheitsdirektoren berät. Aus ihrer Sicht gibt es Bereiche, namentlich die Bauchchirurgie, wo eine Konzentration auf weniger Spitäler weitaus dringender ist.

Es ist ein aufwendiger und mühsamer Prozess, in der föderalistischen Schweiz medizinische Behandlungen zu koordinieren, denn niemand will auf etwas verzichten. Schon gar nicht freiwillig. Das ist auch bei den Kinderherzchirurgen so. Welche Folgen dies haben kann, zeigt sich jetzt.

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