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Der erste Böögg kommt aus der Agglo

In der Limmattaler Gemeinde Unterengstringen brennt schon an diesem Sonntag ein Böögg. Er ist nicht nur früher dran als sein Zürcher Leidensgenosse, sondern geht auch entschieden mehr mit der Zeit.

Der Böögg mit seinen Meistern Ralph Pfister und Willy Haderer (r.). Foto: Urs Jaudas
Der Böögg mit seinen Meistern Ralph Pfister und Willy Haderer (r.). Foto: Urs Jaudas

Der erste Böögg im Kanton ist ein «Undereistringer», kommt aus Unterengstringen. Er ist der erste Böögg im Jahr, denn er hat bereits zu Mittefasten, also am kommenden Sonntag, seinen grossen Auf- und hitzigen Abtritt – einen ganzen Monat vor seinem Zürcher Leidensgenossen. Und er geht auch mehr mit der Zeit. Während der Zürcher Böögg höchstens einmal bei den Accessoires auf die Mode reagiert, ist derjenige aus Unterengstringen nahezu ein Trend­setter. Heuer trägt er das Handy im ­Revers, hat Kopfhörer über den Ohren und ist mit Zahndiamanten gepierct.

Bööggmeister Ralph Pfister spricht von einem «schönen Böögg». Wie sieht das Informationsmeister Willy Haderer, einst SVP-Kantonsrat und Gemeindepräsident? Kann ein Handymann ein schöner Böögg sein? Er nickt – und musste auch schon mehr über seinen Schatten springen, paffte doch vor gut zehn Jahren der Böögg einen dicken Joint. «Es sind unsere Sechstklässler, die den Kopf nach eigenen Gutdünken gestalten», sagt Haderer. Und betont die grosse «integrative Wirkung dieses Brauchs».

Tatsächlich kann – oder will – das Sechseläuten auch in dieser Kategorie mit dem Böögg vom Lande nicht mithalten. Während das Stadtzürcher Frühlingsfest den Ruf hat, nicht zünftige Menschen auszugrenzen, kommt in Unterengstringen kein Kind am Mitte­fasten-Fest vorbei. Spätestens in der sechsten Klasse, wenn es den Böögg bastelt, wird es zum Einheimischen – und die Eltern gleich mit, wollen die doch die Bastelarbeit ihres Sprösslings an der Limmat auf dem Scheiterhaufen stehen und danach brennen sehen. Dazwischen gibt es Gratiswurst, Fussballturnier, Platzkonzerte und keine oder nur kurze Reden. Wer will da nicht dazugehören?

Arbeit für die Dietiker

Auch Bööggmeister Ralph Pfister zog es damals als Sechstklässler «den Ärmel rein» – allerdings weniger beim Bööggbasteln als beim Böllern, wie er heute zugibt. «Sonntagmorgens in aller Frühe aufstehen, dann um 6 Uhr Böllerschiessen an der Limmat, das war das wahre Abenteuer.» Noch immer böllern die ­Unterengstringener am Mittefasten-Sonntag um 6 Uhr morgens das Limmattal wach. Dafür entschädigen sie ihre Nachbarn spätabends mit einem Feuerwerk. Der Böögg vom Lande ist aber kein Knallkopf wie der Städter. Er schweigt sich auch darüber aus, wie der Sommer wird. Dafür schickt Unterengstringen ein Feuerschiffchen limmatab. Kommt es ohne grosse Turbulenzen über die Gemeindegrenze hinaus, verheisst das einen guten Sommer – und zuweilen Arbeit für die Dietiker Feuerwehr. Vor einigen Jahren hat nämlich das Schiffchen im Bereich des Bezirkshauptorts einen Steg in Brand gesetzt. «Seither muss es von der Feuerwehr ­begleitet werden», sagt Haderer. Und ­ärgert sich parteiliniengetreu über die überbordende Bürokratisierung.

Stadt- und Landböögg unterscheiden sich überdies in der Form des Scheiterhaufens. In Unterengstringen muss er viereckig sein, in Zürich ist er rund. ­Bööggmeister Pfister erklärt: «Die Regel ist klar: Links des Flusses werden die Scheiterhaufen viereckig geschichtet, rechts rund.» Weshalb? «Kein Ahnung, das war schon immer so», sagt Haderer. Und was der Informationsmeister nicht weiss, lässt sich auch nicht durch «googlen» eruieren. Vielleicht kann das sein Nachfolger klären, denn Haderer tritt von seinem Amt zurück. Der bereits Designierte dafür ist sein Sohn.

Welches ist aber nun wirklich – also historisch – der erste Böögg im Kanton? «Unserer», sag Haderer im Brustton der Überzeugung. Die Mittefasten-Feier ist in Unterengstringen tatsächlich seit 1542 verbrieft. In der Stadt Zürich gibt es allerdings Frühlingsfeiern bereits seit 1525. Der Böögg gehört aber erst seit 1902 zum Sechseläuten – bereits im 18. Jahrhundert wurde jedoch ein Böögg am Lindenhofhang verbrannt, im 19. Jahrhundert wurde das auch im Kratzquartier zum Brauch. «Die haben uns das abgeschaut», ist man in Unterengstringen überzeugt. Klar ist dagegen, welches der letzte Böögg ist: Derjenige von Bassersdorf brannte 2004 das erste Mal.

Feuerschiff und Bööggverbrennen am Sonntag, 26. März, um 21 Uhr auf dem Limmatdamm in Unterengstringen. Danach Feuerwerk. www.mittefasten.ch

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