Kampf um die Langstrasse: Erster Sieg der 115

Vor drei Jahren wehrten sich Anwohner aus dem Langstrassenquartier gegen den Partylärm. Politisch sind sie nicht weitergekommen. Nun hoffen sie auf die Gerichte.

Der umstrittenste Zürcher Kilometer: Die Langstrasse im Kreis 4. Foto: Urs Jaudas

Der umstrittenste Zürcher Kilometer: Die Langstrasse im Kreis 4. Foto: Urs Jaudas

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115 Anwohner aus dem Langstrassenquartier machten 2015 Krach. Der zunehmende Partylärm verhindere ein normales Leben, schrieben sie in einer Petition. Jetzt, drei laute Sommer später, haben sie ihren ersten Sieg errungen: In einem Innenhof an der Zwinglistrasse hat das Bundesgericht eine Gartenwirtschaft mit 70 Sitzplätzen verhindert.

Zwei Nachbarn hatten geklagt: Auf der Strasse machen die Ausgehenden schon genug Lärm, im Innenhof hätten Anwohner Ruhe verdient. Das Bundesgericht gab ihnen recht. Und korrigierte damit die Entscheide der Stadt Zürich, des Baurekursgerichts und des Verwaltungsgerichts. Sie alle hatten die Belastung von geschätzten 65 Dezibel für zumutbar erklärt.

Die zwei Kläger gehören zur Gruppe der 115 Anwohner. «Der Sieg war bitter nötig», sagt einer von ihnen. Er will anonym bleiben, weil er Belästigungen befürchtet. Ihr Ziel sei es, dass zumindest die Innenhöfe ruhig bleiben, «verschont von weiteren kommerziellen Gastrobetrieben».

Ruhige Innenhöfe sind sinnvoll

Dieser Grundsatz der ruhigen Innenhöfe sei sinnvoll, sagt auch Alexandra Heeb, Quartierdelegierte des Sicherheitsdepartements. Trotzdem müsse man wohl jeden Fall separat ansehen.

Das findet auch Alexander Bücheli, Sprecher der Bar- und Clubkommission (BCK), einer Interessensgruppe des Nachtlebens. Den neusten Entscheid hält Bücheli für unzeitgemäss, weil das Bundesgericht von 19 bis 22 Uhr wie üblich eine Art Vor-Nachtruhe ansetze. «Das entspricht nicht mehr den heutigen Lebensgewohnheiten. Die Leute sitzen gerne draussen, manche Läden haben bis 22 Uhr geöffnet.» Ausserdem werde der Grenzwert bei offenen Fenstern gemessen, «also ob Schallschutzfenster noch nicht erfunden wären», sagt Bücheli. Er würde es sogar begrüssen, wenn die Stadt an gewissen Orten bediente Aussenwirtschaften länger als bis Mitternacht zuliesse.

Was brachte der runde Tisch?

Die Positionen der Party-Kritiker und der Nachtlebenvertreter liegen nach wie vor weit auseinander. Dabei hatte Richard Wolff (AL), damaliger Vorsteher des Sicherheitsdepartements, nach dem Protestschreiben im Frühling 2015 drei «runde Tische» einberufen. An diesen Gesprächen konnten Anwohner, Clubbetreiber und Behörden über ihre Schwierigkeiten reden. «So haben sich die Beteiligten kennen gelernt. Jetzt gibt es direkte Kontakte zwischen den Kontrahenten, man kann diskutieren», sagt Alexandra Heeb. Gleichzeitig hat die Stadt kleine «Interventionen» durchgeführt, an der Piazza Cella etwa stellt sie über den Sommer Pissoirs auf.

Die Clubbetreiber haben zusätzlich eine «Sensibilisierungskampagne» gestartet. Auf ihren Plakaten standen Sprüche wie «Diese Strasse ist uns nicht lang wie breit» oder «Vor der Bar ist vor dem Nachbar». «Alle Massnahmen zusammen haben die Stimmung verbessert», sagt Clubvertreter Alexander Bücheli. «An einigen Orten bleibt es aber laut.» Auch Alexandra Heeb sagt: «Insgesamt ist es wohl nicht leiser geworden.»

Für die kritischen Anwohner ist das der zentrale Punkt. Die Intensität des Partylärms habe sich in den letzten Jahren sogar noch verstärkt, sagen sie. Die Massnahmen des runden Tisches seien «Schönfärberei», das «Wirtetelefon» habe nie richtig funktioniert. Gemäss BCK liegt das auch an den Anwohnern: Bisher habe sich nur ein Nachbar gemeldet, um die Nummer eines Clubs zu erhalten, sagt Bücheli.

Die Anwohner sagen, dass sie nicht ständig zum Telefon greifen wollen. Aus ihrer Sicht würde nur etwas helfen: eine Verschärfung der Bewilligungspraxis. Es gebe zu viele Nachtcafés, also Bars und Clubs, die länger offen haben als bis Mitternacht; und vor allem gebe es zu viele 24-Stunden-Shops, in denen sich die Partygänger mit Alkohol versorgen. «Von den bisherigen zehn Shops sollte man etwa neun schliessen», sagt der Anwohner. Die Stadt vergebe Bewilligungen viel zu grosszügig.

Man könne nicht einfach Geschäfte zumachen, sagt Alexandra Heeb, selbst wenn man dies wolle. Die Behörden müssten sich an Gesetze halten und an die Bewilligungspraxis der Gerichte. Nun werde man schauen, wie sich der jüngste Entscheid des Bundesgerichts auswirke.

Befürchtetes Clubsterben trat nicht ein

Bereits im Sommer 2015 hatten die Gerichte beschlossen, Nachtcafés strenger zu behandeln. Diese brauchen nun zusätzlich eine Baubewilligung mit Lärmschutzkonzept, die Anwohner dürfen mitreden. Diese Verschärfung werde zu einem Clubsterben führen, warnten Branchenvertreter damals. «Das ist zum Glück nicht passiert», sagt Alexander Bücheli von der Bar- und Clubkommission. Allerdings wisse man nicht, wie viele Gastrounternehmer durch die strengeren Regeln abgeschreckt worden seien.

«Bei den Nachtcafés hat sich in den letzten Jahren wenig verändert», sagt Alexandra Heeb. Ende 2017 gab es in Zürich 605 solche Betriebe. 156 davon liegen rund um die Langstrasse im Kreis 4, das sind mehr als doppelt so viele wie in anderen Quartieren. An zweiter Stelle folgt das Niederdorf mit 71.

Den kritischen Anwohnern aus dem Quartier wird gerne Folgendes vorgeworfen: Mit ihren Rekursen gefährdeten sie die urbanen Qualitäten des Kreis 4, die man sonst kaum finde in der Schweiz. Quatsch, findet der Anwohner. Es sei gerade die «exzessive Partyszene», welche die Vielfalt – und damit die Urbanität des Kreises 4 – kaputt mache. Bereits seien Galerien und Anwohner weggezogen, auch einige aus der Protestgruppe. Dabei lebten viele von ihnen seit Jahrzehnten im Quartier, Prostituierte und Alkoholiker hätten schon früher dazugehört. «Aber derzeit entsteht eine Einheitsnutzung, die nur noch eine Lebensform zulässt.» Das zeige sich an den neuen Zuzügern: Es würden vor allem junge Leute kommen, die einige Jahre Party machten und dann an ruhigere Orte weiter wanderten.

Der Juni wird wegen der Fussball-WM wohl ein besonders lauter Monat werden. Neben den Partygängern strömen dann erfahrungsgemäss auch die Fussballfans an die Langstrasse.

Erstellt: 31.05.2018, 11:42 Uhr

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