«Der Fasnacht in Zürich fehlt die Elite»

Am Donnerstag beginnt die Zürcher Fasnacht. Zürcher was? Kulturwissenschaftler Konrad Kuhn erklärt, warum das Fest hier so unbedeutend ist. Und was ihn daran trotzdem fasziniert.

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Warum ist die Zürcher Fasnacht weniger aufregend als jene in Basel oder Luzern?
Da bin ich anderer Meinung. Aber dazu komme ich später. Der wichtigste Unterschied zwischen den Städten ist ein konfessioneller. Fasnacht ist die Zeit vor der katholischen Fastenzeit, bei der man es nochmals krachen lässt, ist also tief im kirchlichen Jahreskalender verankert. Deshalb ist sie besonders in den katholischen Regionen ausgeprägt, etwa im Oberwallis, oder in der Innerschweiz. Die Basler Fasnacht ist ein Spezialfall und findet deshalb auch erst später statt. In Zürich ist die Festkultur weniger kirchlich geprägt. Lange Zeit war Fasnacht im protestantischen Zürich sogar verboten.

Dann ist es also einfach die fehlende Tradition?
Das auch. Aber genauso wichtig ist, in Basel wie auch in Luzern sind die Fasnachten in einer Art Zünften organisiert, also meist fest in bürgerlicher Hand. Es sind arrivierte Persönlichkeiten, die bestimmen und gestalten. Leute in ähnlichen Positionen organisieren in Zürich das Sechseläuten, ein Frühlingsfest, wobei hier nur die Elite aktiv teilnehmen kann.

Ist die Zürcher Fasnacht eine Art Gegenveranstaltung zum Sechseläuten?
Das kann man schon so sehen. Doch leider hat sich die Fasnacht in Zürich nie als solche etablieren können. Es funktioniert nicht richtig, auch wenn es hier starke proletarische und migrantische Traditionen gibt, die diese Stossrichtung vorgeben würden.

Warum funktioniert es nicht?
Schwierige Frage. Vielleicht weil die Elite in Zürich nicht an der Organisation beteiligt ist.

«Es fehlen heute Gelegenheiten, an denen man ritualisierte Grenzüberschreitungen erleben kann.»

Können Sie das erklären?
Fasnacht ist zwar ein Spiel mit der Grenzüberschreitung und Kritik an der Obrigkeit. Doch geschieht dies in der Regel innerhalb einer gewissen Ordnung. Dialektisch gesprochen bestätigt die Fasnacht stets die bestehende Ordnung. Wenn die bürgerliche Verankerung fehlt, ist die Fasnacht scheinbar viel wirkungsloser. Das ist aber erst eine These, die es noch zu untersuchen gilt.

Wie könnte man die Zürcher Fasnacht aufpeppen?
Zürich definiert sich als Stadt anders als Luzern oder Basel, viel mehr durch Beziehungen nach aussen. Dazu kommt eine grosse Dynamik innerhalb der Stadt, verursacht durch eine grosse Zuwanderung. Zudem fehlt die Tradition. Es wird also schwierig, von aussen der Stadt etwas ganz Neues aufzuzwingen.

Dann müssen wir also mit einer vergleichsweise zurückhaltenden Fasnacht leben?
Ich finde die Zürcher Fasnacht durchaus interessant. Das Migrantische an der Zürcher Fasnacht zum Beispiel ist einzigartig. Die Fasnacht heisst ja hier seit ein paar Jahren auch Carneval. Es fliessen südamerikanische und Schweizer Traditionen zusammen, und dies auf recht natürliche Weise. Das passt zu Zürich, denn auch die Stadt ist von all diesen Einflüssen geprägt. In Luzern oder Basel ist es zum Beispiel für türkische Einwanderer sehr viel schwerer, einer Clique beizutreten und so an der Fasnacht teilzunehmen.

Damit ist Zürich näher bei der wahren Bedeutung von Fasnacht?
Wenn man davon ausgeht, dass Fasnacht etwas ist, bei dem die ganze Gesellschaft involviert ist, bei dem untere Schichten spielerisch gegen die Herrschenden opponieren, kann man das definitiv so sehen.

Man streicht auch gerne die Ventilfunktion der Fasnacht heraus. Mit der Street Parade haben die Zürcher ja etwas Vergleichbares.
Das kann man so sagen. Das Kostümieren, die Ausgelassenheit, der Rausch sind schon sehr offensichtlich gleich.

Gibt es noch andere Bereiche, wo Sie diese Ventilfunktion sehen? Die Ritualisierte Gewalt bei Hooligans vielleicht, die in Zürich ja offensichtlich ist, ist eine vergleichbare Grenzüberschreitung, ganz ähnlich wie auch viele Bräuche ritualisierte Gewalt beinhalten und von jungen Männern gestaltet werden, so etwa die wilden maskierten Tschäggättä im Lötschental. Es fehlen heute ansonsten Plätze, an denen man ritualisierte Grenzüberschreitungen erleben kann.

Erstellt: 13.02.2018, 16:46 Uhr

Konrad Kuhn ist Kulturwissenschaftler und befasst sich mit Bräuchen und Kulturerben. Er lehrt und forscht an der Uni Innsbruck.

Die Zürcher Fasnacht in der Geschichte

Eine eigenständige Fasnachtskultur hat sich in Zürich erst nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert. In den späten Vierzigerjahren galt etwa der Künstlermaskenball als Nonplusultra für Schweizer Ballnächte und Verkleidungskunst. Es trafen sich dort einflussreiche Leute aus Finanz und Wirtschaft, Künstler oder Leute aus dem grafischen Bereich. In den ersten Nachkriegsjahren hatten auch die Zürcher Fasnächtler Anschluss an das Brauchtum an der katholischen Innerschweiz gesucht, vor allem in Luzern. Da die Zürcher Fasnacht nach dem Aschermittwoch stattfindet, nahmen zu Beginn auch viele Luzernen an den Zürcher Umzügen Teil. Was aber nicht lange andauerte. Später pflegten die Zürcher Fasnächtler Beziehungen mit Gruppen aus dem Süddeutschen Raum. Über die spontane Fasnacht, jener Teil des Festes also, bei dem alle mitmachen können, schreibt der Festtagsforscher Paul Hugger in düsterem Ton: «Im Gegensatz zur traditionellen Fasnacht, wo das Intigrieren, das wortreiche Eingehen auf den anderen Trumpf ist, wirken diese Zürcher Masken abwesend, introvertiert, einsam, selbst in den Wirtschaften. Ein depressiver Charakter, eine oft fast endzeitliche Stimmung ist unverkennbar.» Weiter schrieb Hugger 1986, dass die Zürcher Fasnacht stark individualisierte Züge trage. Auch, dass der Zürcher Fasnacht etwas «Kleinkariertes» anhafte. Das Anknüfpfen wollen an Traditionen sieht er allerdings als grossstädtische Eigenschaft an. (dsa)

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