«Der freiwillige Tod kann ein Weg sein»

Cornelia Rüther von den Zürcher Alterszentren sagt, weshalb diese für die Sterbehilfe nicht verantwortlich seien und ob es neue Gesetze brauche.

Bild: Sabina Bobst

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Albert Wismers Haltung war klar: «Wenn ich ganz behindert würde und nicht sterben könnte», sagte der damals 98-jährige Senior vor drei Jahren, «dann würde ich mich zu Tode hungern.» Das war zum Glück nicht nötig. Er starb friedlich in seinem Bett. Seinen 100. Geburtstag durfte er noch feiern.

Wismers Zuhause war das städtische Alterszentrum Sydefädeli. Dort leben auch Ann-Irma Furrer und Walter Carlen-Sieber, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet von ihrem Umgang mit der letzten Etappe erzählt haben. Im Sydefädeli entscheiden die Bewohner autonom, wie sie leben, aber auch, wie sie sterben möchten. Cornelia Rüther arbeitet bei der Stabsstelle Betreuung und Pflege in den städtischen Alterszentren. Sie weiss, was das bedeutet:

Frau Rüther, wie geht man in Zürcher ­Alterszentren mit Sterbehilfe um?
Die Bewohnerinnen und Bewohner sind im Alterszentrum zu Hause. Sie leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich. Dazu gehören auch Entscheide zum Lebensende. Entschliesst sich jemand, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, nimmt sie oder er selbst Kontakt zu einer Sterbehilfeorganisation auf. Die Verantwortlichen der Alterszentren werden meist dann informiert, wenn der Termin feststeht.

Sie greifen also nicht in den ­Sterbeprozess ein?
Das ist richtig, unsere Bewohnerinnen und Bewohner handeln selbstständig, und wir respektieren ihren Willen, gehen auf ihre Wünsche ein. Wir würden dann aktiv werden, wenn der Verdacht bestünde, dass sie oder er den Schritt unter Druck von aussen vollziehen will.

Wer trägt die Verantwortung?
Ob die Bedingungen für einen assistierten Suizid erfüllt sind, entscheidet die Ärztin oder der Arzt, der das Rezept ausstellt. Die Verantwortung liegt nicht bei den Alterszentren.

Kommt der Wunsch nach einem assistierten Suizid oftmals überraschend?
Innerhalb der ersten sechs Monate nach dem Einzug wird das Thema Patientenverfügung angesprochen. Wir sprechen auch über Palliative Care und handeln danach. Diese hat zum Ziel, die Lebensqualität bis zum letzten Tag aufrechtzuerhalten. Dazu gehören medizinische Behandlungen, pflegerische Interventionen sowie psychologische, soziale und spirituelle Unterstützung. Trotzdem kann das freiwillige Ausscheiden aus dem Leben ein Weg sein.

Wie geht man mit Fragen der ­Angehörigen um?
Wenn Angehörige Rat suchen, stehen die Verantwortlichen des Alterszentrums jederzeit zur Verfügung. Sei es für ein Gespräch oder sei es für einen professionellen Rat. Die Sterbehilfeorganisationen begleiten die Familie aber ohnehin sehr nah.

Schweizweit nimmt die Zahl der Sterbehilfefälle zu. Experten sagen, die Zahlen würden noch weiter steigen.
Wenn wir die Jahresvergleiche anschauen, ist in den städtischen Alterszentren keine signifikante Zunahme zu beobachten. Wir sprechen von null bis acht Menschen, die pro Jahr den assistierten Freitod wählen.

Braucht es aus Ihrer Sicht eine gesetzliche Regelung der ­organisierten Sterbehilfe?
Der Stadtrat hat im Jahr 2000 den Beschluss gefasst, den assistierten Freitod in den städtischen Alters- und Pflegezentren zuzulassen. Damit kommen wir gut zurecht.

Erstellt: 12.12.2016, 16:09 Uhr

Cornelia Rüther arbeitet bei der Stabsstelle Betreuung und Pflege in den städtischen Alterszentren (Bild: PD)

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