Der geplatzte Traum von der Seilbahn

Per Standseilbahn von Höngg auf die Waid: Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Zürich ein weit fortgeschrittenes Projekt für eine Ausflugsbahn.

Blick von der Waid im Jahr 1905 – hier sollte die Bahn zu stehen kommen. <nobr>Foto: Baugeschichtliches Archiv</nobr>

Blick von der Waid im Jahr 1905 – hier sollte die Bahn zu stehen kommen. Foto: Baugeschichtliches Archiv

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Die ZKB-Gondelbahn über den See und die Zoo-Seilbahn geben derzeit viel zu reden. Anfang des letzten Jahrhunderts sorgten Pläne für eine andere Ausflugsbahn in Zürich für Aufsehen: eine Drahtseilbahn von der Rotwand in Höngg, der heutigen Tram­station Eschergutweg, auf die Waid, bis ganz in die Nähe des Ausflugsrestaurants.

Ein entsprechendes Konzessionsgesuch reichten der Ingenieur J. H. Kuhn aus Zürich, Baumeister Theodor Bertschinger aus Lenzburg sowie ein gewisser A. Boller-Schinz im September 1899 beim Bund ein. 340 Meter lang sollte die Bahn mit elektrischem Antrieb werden und eine Höhendifferenz von 105 Metern überwinden, wie aus Akten im Bundesarchiv hervorgeht.

Die Pläne sahen eine zweischienige Anlage mit einer Ausweichstelle in der Mitte vor, ähnlich wie bei der 1895 eröffneten Dolderbahn. Vorgesehen waren zwei Wagen mit 32 Sitz- und 18 Stehplätzen, die Fahrzeit sollte drei Minuten betragen. Geschätzte Kosten: 250'000 Franken.

Bahn fürs Villenquartier

«Die Waid bei Zürich, mit ihrer unvergleichlich schönen Aussicht auf die Stadt Zürich, den See, einen Teil des Limmattales, den Zürich- und Uetliberg und im Hintergrund den ganzen Gebirgskranz vom Säntis bis zu den Berner Alpen, ist von Alters her bekannt als einer der schönsten, vielleicht der schönste Aussichtspunkt der Umgebung Zürichs», schwärmten Kuhn und Co. im Konzessionsgesuch.

Hinter ihren Plänen steckten nicht nur touristische Überlegungen: «Aber nicht nur wegen der herrlichen Aussicht, sondern auch wegen der gesunden und sehr geschützten, im Winter oft ganz nebelfreien Lage (…) eignet sich die Waid, wie wohl kein ­anderes in gleicher Nähe von ­Zürich verfügbares Land, für die Anlage eines Villenquartiers», betonten die Initianten. Die Seilbahn sollte für die Bewohner dieses geplanten Villenquartiers und für Ausflügler eine möglichst kurze Verbindung mit der Stadt herstellen.

Die «finanzielle Krisis»

Zuerst lief alles nach Plan. Der Regierungsrat stimmte dem Gesuch im Oktober 1899 zu, im Dezember erteilte der Bund die Konzession. Der Beschluss regelte auch die Taxen: Bergfahrt 25 Rappen, Talfahrt 20 Rappen, Hin- und Rückfahrt 40 Rappen.

An der Strassenbahnstation bei der Rotwand wurde bereits das Baugespann für das Stationsgebäude aufgestellt. Die Bahn harre nur noch der Ausführung durch ein Konsortium, berichtete die «Schweizer Handwerker-Zeitung» damals.

Doch dann geriet das Projekt ins Stocken. Immer wieder mussten die Bahn-Promotoren beim Bund eine Verlängerung der Konzession beantragen. Im November 1901 teilten sie dem Bundesrat mit, «dass die technischen Vorlagen schon lange zur Einreichung bereit seien, dass dagegen die seit zwei Jahren in Zürich herrschende finanzielle Krisis (…) es bis heute unmöglich gemacht habe, das Unternehmen auf solider Grundlage zu finanzieren».

Doch sie machten weiter. «Der Höhepunkt der Krisis scheint nun überschritten zu sein», schrieben sie 1901 hoffnungsvoll.

Der Bund glaubte den Konzessionären und verlängerte die Frist zur Einreichung der finanziellen Unterlagen immer wieder. Als die Bahn 1910 allerdings noch immer nicht fuhr, reagierte der Bundesrat ungeduldig: Die Frist zur Einreichung der Unterlagen werde «zum letzten Mal um zwei Jahre verlängert», heisst es im Entscheid ultimativ.

Es nützte nichts. Bertschinger und Kuhn brachten die Finanzierung nicht zustande. Schliesslich liessen sie das Projekt fallen.

Keine Neuauflage in Sicht

Und wie wird eine solche Ausflugsbahn auf die Waid heute beurteilt? Bei den Verkehrsbetrieben Zürich hält sich das Bedauern über die gescheiterte Verbindung in Grenzen. «Grundsätzlich kann eine Seilbahn, die als direkte Lösung zur Überwindung der Topografie – wie etwa die Seilbahn Rigiblick – eingesetzt wird, durchaus ihren Reiz haben», sagt Sprecherin Daniela Tobler. Heute sei das Gebiet im Raum Höngg allerdings gut erschlossen. Die Nachfrage nach einer Verbindung vom Hardturm oder vom Eschergutweg aus werde «sehr schwach eingeschätzt».

Auch der Quartierverein Höngg trauert der Bahn nicht nach. «Die Investoren, die ihr Geld nicht in eine Bergbahn auf die Höngger Waid investierten, dürften richtig gelegen haben – und zwar nicht nur aus finanziellen Gründen», sagt Vorstandsmitglied Andreas Egli. Es habe keine verkehrstechnische Notwendigkeit bestanden, den Eschergutweg und die Waid miteinander zu verbinden. Das sei auch heute noch so, sagt Egli.

Und er fügt an: «Der Quartierverein Höngg empfiehlt allen, auch ohne Bergbahn, den herrlichen Blick von der Waid über Rest-Zürich zu geniessen.»

Erstellt: 06.01.2020, 08:08 Uhr

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