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Der Hobby-Glöckner vom Grossmünster

Der Sigrist Michael Frauenfelder wird das neue Jahr einläuten. Die Anstellung in der Kirche gab seinem Leben wieder Halt.

MeinungAnke Fossgreen
Läutet sonntags die Dachreiterglocke im Grossmünster per Hand mit einem 28 Meter langen Seil: Sigrist Michael Frauenfelder. Foto: PD
Läutet sonntags die Dachreiterglocke im Grossmünster per Hand mit einem 28 Meter langen Seil: Sigrist Michael Frauenfelder. Foto: PD

Wie viele der vier Glocken im Grossmünster Michael Frauenfelder am 31. Dezember läuten wird, weiss er noch nicht. «Zwei bis vier, je nach Lust», sagt er. Der 39-Jährige wird die fast 200 Stufen des Nordturms hinaufgestiegen sein und die Seile an die Balken der Glocken gebunden haben. «Das ist mein Fitnesstraining», sagt er ­lachend. Die Arbeit wird schweisstreibend: Die Glocken wiegen zwischen 420 Kilo und vier Tonnen. Frauenfelder wird von 23.45 Uhr an das alte Jahr aus­läuten und um Mitternacht – beim ersten Stundenschlag der Glocken von St. Peter – noch einmal eine Viertelstunde das neue Jahr 2020 einläuten.

«Ich habe schon über 520 Kirchtürme besichtigt.»

Michael Frauenfelder, Sigrist im Grossmünster

Er wird von weit oben auf die Stadt blicken, die er auch von ganz unten kennt. Aus einer Zeit, als er mehrere Monate obdachlos war. Er hatte seinen Job verloren und seine Wohnung, war nicht einmal mehr krankenversichert. «Ich lernte, mit sehr wenig auszukommen, musste stets organisieren, wo ich etwas zu essen bekomme, wo ich schlafen könnte», sagt er und meint rückblickend: «Das war auch eine interessante Zeit.» Hilfe fand er beim Sozialwerk von Pfarrer Sieber. Von Februar 2012 bis Juli 2015 lebte er in der Notwohnsiedlung und nahm Gelegenheitsjobs an.

Einer davon war speziell. Frauenfelder hatte erfahren, dass im Grossmünster die Glocken wieder ab und zu von Hand geläutet werden sollten. «Es fing an mit der Glocke des Dach­reiters», erzählt Francesco Gargiulo, Haupt­sigrist im Grossmünster. Als vor einigen Jahren ein deutsches Fernsehteam den Gottesdienst aus dem ­Frauenmünster live übertrug, entstand die Idee, zum Gebet «Unser Vater» die Glocken zu läuten – so wie es in Deutschland üblich ist. Ein schönes Ritual, fand Gargiulo und führte es fortan ein.

Das Glockenläuten als Herzensangelegenheit

Frauenfelder war einer der Ersten, die sich freiwillig meldeten, sonntags die Dachreiterglocke per Hand mit einem 28 Meter langen Seil zu läuten – und macht es bis heute. Zunächst bekam Frauenfelder einen Stundenlohn, seit 2014 ist er fest angestellt für weitere Tätigkeiten. Gargiulo lobt seinen Mitarbeiter: «Michael Frauenfelder ist sehr zuverlässig und vor allem bei technischen Arbeiten versiert.» Frauenfelder ist gelernter Maschinenmechaniker und oft bei Kirchenkonzerten gefragt. Seine Hilfe kann das Sigristenteam auch sonst gut gebrauchen, schliesslich besuchen 3000 Menschen pro Tag das Grossmünster.

Für Frauenfelder ist das Glockenläuten eine Herzensangelegenheit. Den gebürtigen Bassersdorfer ziehen seit seiner Kindheit Glockentöne magisch an. Am Grossmünster macht er auch Glockenführungen auf Anfrage. Wenn sich einer auskennt, dann er. Sogar in den Ferien sucht Frauenfelder ­Glockentürme auf. «Ich habe schon über 520 Kirchtürme besichtigt», sagt er. Welche Glocken ihn am meisten beeindrucken, kann er schwer be­urteilen. Auf jeden Fall habe ihn das Geläut des Freiburger Münsters mit den 19 Glocken fasziniert und selbstverständlich die Kirchenglocken im Kölner Dom. Darunter die 24 Tonnen schwere Petersglocke, eine der grössten Glocken der Welt.

Am besten kennt er aber die ­Grossmünster-Glocken, mit den vier verschiedenen Tönen. Nur eines tun sie nicht: regelmässig die Stunde schlagen. Das Grossmünster hat nämlich gar keine Turmuhr.

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