Der Islamisten-Leitwolf

Der verhaftete S. gilt als potenzieller Drahtzieher der Winterthurer Islamistenszene. Im Zentrum der Debatte: Wieder einmal die An'Nur-Moschee.

Mutmasslicher Islamist in U-Haft: S. aus Winterthur. (Foto: Facebook)

Mutmasslicher Islamist in U-Haft: S. aus Winterthur. (Foto: Facebook)

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Es wird zunehmend deutlich: Die Stadt Winterthur hat ein Problem mit islamistischen Extremisten. Dafür spricht schon länger einiges – nun kam ein neuer Hinweis hinzu. Im Fokus steht die Verhaftung des 30-jährigen Muslims S. (Name der Redaktion bekannt), welche die SRF-Sendung «Rundschau» gestern publik machte. Er sitzt seit vergangenem Februar im Regionalgefängnis Bern in Untersuchungshaft.

Beobachter vermuten, dass es sich beim gebürtigen Italiener um eine einflussreiche Persönlichkeit in der Winterthurer Islamistenszene handelt. Laut dem Journalisten Kurt Pelda, der S. gemäss eigener Aussage mehr als ein Jahr lang beobachtete, gehört der Konvertit zu den mutmasslichen Drahtziehern, wenn es darum geht, muslimische Jugendliche zu radikalisieren. «Man kann ihn als Islamisten-Leitwolf bezeichnen», sagt der Kriegsreporter zum TA. Im Raum steht der Verdacht auf Unterstützung und Mitgliedschaft einer Terrororganisation. Die Bundesanwaltschaft möchte sich nicht zum Verhafteten und zu Tatbeständen äussern, da es sich um ein laufendes Verfahren handle.

Klar ist, dass S. in der An’Nur-Moschee in Winterthur-Hegi verkehrte – jenem Gotteshaus, das zuletzt immer wieder in der Kritik stand. Mindestens fünf der jungen Leute, die aus Winterthur in den Jihad gezogen sind, verkehrten dort zeitweise. S. wohnte mit seiner Frau in unmittelbarer Nähe der Moschee. In Tiefgaragen des Wohnviertels soll er sich regelmässig mit Jugendlichen der An’Nur-Moschee versammelt haben. Ihnen habe er etwa Handyvideos mit islamistischen Gesängen der Terrormiliz IS gezeigt. Mit mehreren Imamen der Moschee sei er zudem in engem Kontakt gestanden.

Atef Sahnoun, Präsident der An’Nur-Moschee, widerspricht: «S. verkehrte höchstens einen Monat lang bei uns.» Wann das war, daran kann sich Sahnoun nicht mehr genau erinnern. Es müsse aber «irgendwann in der Zeit vor seiner Verhaftung» gewesen sein, sagt er auf Anfrage des TA. «Möglicherweise», räumt Sahnoun ein, sei es während längerer Zeit zu Treffen mit Jugendlichen ausserhalb der Moschee gekommen. Was dort genau geschehen sei, könne er nicht sagen. Die Jugendlichen hätten ihm in vertraulichen Gesprächen versichert, dass die Treffen «unproblematisch» gewesen seien.

«Unproblematische Treffen»

Er sei froh, dass S. verhaftet wurde, sagt Sahnoun. «Das hat ihm möglicherweise das Leben gerettet.» Der 30-Jährige sei auf die schiefe Bahn geraten – womöglich habe er mit einer Ausreise nach Syrien geliebäugelt. Familiäre Probleme hätten S. belastet. Seine katholischen Eltern hätten nicht akzeptieren wollen, dass ihr Sohn zum Islam konvertiert sei. Es kam zum Streit.

Bis zu seiner Verhaftung im Februar war S. unter einem Pseudonym auf Facebook aktiv. Die Einträge zeigen ein widersprüchliches Bild: Er veröffentlichte Beiträge über muslimische Enthaltsamkeit und liess sich gleichzeitig beim Essen im edlen Sushi-Lokal ablichten. Dazwischen immer wieder Bilder von schnellen Autos und ein Koran-Zitat: «Unter euch gibt es welche, die das Diesseits wollen, und unter euch gibt es welche, die das Jenseits wollen.» S. wollte beides. Er kritisierte den westlichen Lebensstil und klimperte dabei mit dem Autoschlüssel seines Mercedes-Benz. Während er seine Muskeln zelebrierte, trug seine Frau einen Niqab – eine Ganzkörper-Verschleierung. Der Schweizer Nachrichtendienst hat momentan 500 potenzielle Jihadisten auf dem Radar. Rund 60 davon stammen aus der Eulachstadt – sprich mehr als jeder Zehnte. Mindestens ein Dutzend junger Menschen reiste aus Winterthur in den Heiligen Krieg nach Syrien. Darunter der 19-jährige Doppelbürger Christian I., der – obschon für tot erklärt – von der Schweiz ausgebürgert werden soll. Andere wurden von den Behörden abgefangen, bevor sie ihre Reise ins Kriegsgebiet antreten konnten.

Verbindung zu Fitnesscentern

Möglich, dass mit S. nun erstmals einer der Hintermänner der Extremistenszene verhaftet wurde. Darauf deutet das Umfeld, in dem sich der Winterthurer bewegte. So nahm er mehrmals am Projekt «Lies!» teil. Aus dem Dunstkreis der umstrittenen Koran-Verteilaktion, die von Deutschland aus orchestriert wird, zogen schon mehrere junge Männer in den Jihad. Gemäss Pelda soll S. für den Aufbau des Ablegers in der Schweiz verantwortlich gewesen sein.

Weitere Verbindungen gibt es zu mehreren Fitnesscentern, in denen S. verkehrt haben soll. Darunter das nicht mehr existierende MMA-Sunna-Gym, das von Valdet Gashi gegründet worden war – jenem erfolgreichen Kampfsportler, der sich Anfang 2015 nach Syrien abgesetzt hatte. Dazu passt, dass S. offenbar von der Zürcher Kantonspolizei wegen Anabolikaverkaufs verhaftet wurde, ehe er später für weitere Ermittlungen der Bundesanwaltschaft übergeben wurde. Die Kantonspolizei will sich auf Anfrage des TA nicht zum Fall äussern.

Nährboden für Extremismus

Der aktuelle Fall S. verdeutlicht: Winterthur bietet einen Nährboden, auf dem extremistisches Gedankengut gedeiht. Im Fokus stehen immer wieder die An’Nur-Moschee, die «Lies!»-Aktionen und die Kampfsport-Zentren. Auch wenn die meisten Besucher dieser Institutionen wohl harmlos sind, so sind sie doch Teil eines Netzwerks, durch das regelmässig Jihadisten rekrutiert werden. Mit S. könnte ein erster Drahtzieher gefasst sein.

Erstellt: 22.06.2016, 13:56 Uhr

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