Der «Kaiserschnitt» mitten durchs Quartier

Sie sind allgemein zufrieden, die Bewohner in Wipkingen. Wäre da nicht die Sorge um die Gentrifizierung des Quartiers.

Was die Bevölkerung in Wipkingen beschäftigt. Video: Lea Blum

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An diesem sonnigen Mittwochnachmittag sitzt im Restaurant Nordbrücke in Wipkingen der Schweizer Musiker James Gruntz vor einem Eistee und bespricht mit dem Schlagzeuger Yannik Till letzte Details vor der Veröffentlichung seines neuen Albums. Das Nordbrüggli befindet sich am Röschibachplatz und ist quasi die Seele von Wipkingen. Hier trifft sich Krethi und Plethi – und ab und zu auch Prominenz. Vom Restaurant aus hat man einen guten Überblick über den Platz, auf dem bis 1964 die Tramlinie 12 wendete und wo viele Jahre der Durchgangsverkehr das Verweilen zur Qual machte. Deshalb ging für das Quartier ein grosser Wunsch in Erfüllung, als der Röschibachplatz vor drei Jahren umgestaltet wurde.

Die «graue Eminenz»

«Mit gefällt Wipkingen sehr gut, der neue Platz ist gelungen», sagt Yannik Till. An jedem Samstag finde ein Markt statt mit Gemüse, Früchten, Spezialitäten, Blumen, Bioprodukten und vielem mehr. «Der Markt ist ein Highlight, und er ist innert kurzer Zeit zu einer Institution im Quartier geworden», sagt Till, der seit vier Jahren im Kreis 10 wohnt.

«Der Swissmill-Tower raubt mir die Sicht auf die Alpen, aber das ist für mich ein First-World-Problem.»Yannik Till, 4 Jahre in Wipkingen

Weniger Freude hat er an der «grauen Eminenz» des Quartiers, dem Swissmill Tower. Dieser raubt ihm die Sicht auf die Alpen, wenn er auf der Dachterrasse seiner Wohnung sitzt. Wobei, gibt er zu bedenken, das ein First-World-Problem sei. Kürzlich besuchte er einen Freund, der im 22. Stock eines der Hardhochhäuser wohnt. Till: «Von dort aus gesehen relativiert sich die Grösse des Betonklotzes doch enorm.» Seit zehn Jahren wohnt der 31-Jährige in der Schweiz, in zwei Jahren will er sich einbürgern lassen.

Kritik an Bahnhof-Abwertung

Schon viel länger, genauer seit seiner Geburt, wohnt der ehemalige Bademeister Franz Reimann in Wipkingen. Für ihn ist das Quartier in erster Linie ein Stück Heimat. Er schätze die grünen Oasen und die Nähe zur Stadt. Was dem 67-Jährigen überhaupt nicht gefällt, ist die Abwertung des Wipkinger Bahnhofs. Seit Eröffnung der Durchmesserlinie im Jahr 2014 habe sich das Angebot der ­S-Bahn verschlechtert. Zu seinem Leidwesen ist der Bahnhof nur noch im Halbstundentakt mit der City und Oerlikon verbunden. «Für mich total unverständlich. Ein Stadtbahnhof braucht doch einen Viertelstundentakt.»

«Wipkingen braucht mehr Zugverbindungen, und der Bahnschalter darf nicht abgeschafft werden.»Franz Reimann, 67 Jahre in Wipkingen

Reimann wohnt seit 37 Jahren in einer städtischen Wohnung der Schindelhäuser. «Mein erster Monatszins betrug 160 Franken», erinnert er sich. Das Gemeinschaftsbad befand sich im Keller. Heute zahle er 900 Franken Miete, und das Bad befinde sich in der Wohnung.

Kritisch kommentiert er noch ein weiteres Projekt. Stadt und Kanton wollen die Autos am Rosengarten durch einen Tunnel leiten. Im Gegenzug soll auf der Rosengartenstrasse ein Tram fahren. «Der Rosengartentunnel ist unnötig und keine Lösung für das Quartier. Der kostet nur Millionen von Franken und bringt nichts ausser noch mehr Verkehr», sagt Reimann.

«Der Röschibachplatz sollte autofrei sein. Aber trotzdem ist Wipkingen für mich Hitkingen.»Denise Birchmeier, 4 Jahre in Wipkingen

Ist Wipkingen das neue Trendquartier Zürichs? «Auf alle Fälle ist Wipkingen für mich Hitkingen», sagt Denise Birchmeier. Die Heilpädagogin wohnt seit vier Jahren hier und schätzt die Nähe zu Fluss und Wald. Es habe sich ­einiges verändert, beispielsweise seien zahlreiche lässige Szenecafés entstanden. «Das Quartier befindet sich im Aufwind und hat deutlich an Attraktivität gewonnen.» Der Markt belebe den Platz, obwohl sie nicht verstehen könne, weshalb hier nach der Umgestaltung nach wie vor Autos verkehren. «Ich hätte den neuen Röschibachplatz komplett autofrei gemacht», sagt sie.

Zudem würde sie sich ein wenig mehr Dorfcharakter wünschen. Ihr fehlt zum Beispiel eine Pestalozzi-Bibliothek, wie sie der Lindenplatz in Altstetten hat.

«Lebensqualität pur»

Der 67-jährige Nino Haslach sitzt an einem Bistrotisch beim Bahnhof Wipkingen vor der Konditorei Kleiner, wo er öfters in aller Ruhe das Treiben auf dem Röschibachplatz beobachtet. «Hier gibt es einfach das beste Birchermüesli der Stadt», schwärmt er. Er komme gerade vom Joggen und habe Hunger verspürt. Der visuelle Gestalter ist im Quartier aufgewachsen und dort auch zur Schule gegangen. «Wipkingen ist toll, Lebensqualität pur», sagt er.

«Die Rosengartenstrasse, im Quartier auch als ‹Kaiserschnitt› bekannt, trennt Wipkingen in Ost und West.»Nino Haslach, 10 Jahre in Wipkingen

Er erzählt vom Wipkingerpark an der Limmat, vom Röschibachplatz und vor allem vom Restaurant Nordbrüggli, «das war viele Jahre so eine richtige Chnelle mit allem Drum und Dran». Die wenigen Autos, die um den Platz herumkurven, stören ihn überhaupt nicht, denn «irgendwo müssen die ja auch durchfahren», sagt er. Welchem Stadtrat er im Frühling seine Stimme geben wird, wisse er noch nicht. Es sei noch zu früh, sich jetzt schon Gedanken drüber zu machen.

Wie eingangs erwähnt: Der Promifaktor ist in Wipkingen nicht zu unterschätzen. Wer steht an diesem Nachmittag beim Bancomaten und wartet, bis die Maschine Geldscheine ausspuckt? Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin, Unternehmerin und seit zwölf Jahren wohnhaft in Wipkingen.

«Wipkingen droht eine Gentrifizierung. Zum Glück gibt es im Quartier viele Genossenschaften.»Jacqueline Badran, 12 Jahre in Wipkingen

Bei einem Cappuccino im Nordbrügg­­li erzählt die Politikerin, was sie als Bewohnerin am Quartier schätzt. «Wipkingen ist für mich noch ein richtiges Quartier, mit einem Zentrum, einer guten ­sozialen Durchmischung, fast wie ein Dorf.» Migros, Coop, Cafés, Bioladen, Kiosk, alles befindet sich in unmittelbarer Nähe, um die tägliche Versorgung sicherzustellen. Und den Röschibachplatz liebe sie heiss, sagt sie. «Hier trifft sich täglich Jung und Alt, Hübsch und Hässlich, Reich und Arm. Auf diesem Platz fühle ich mich wohl.»

«Die grösste Schande»

Beim nächsten Thema sind die Wohlgefühle der 56-Jährigen aber blitzschnell verschwunden. Beim Stichwort Rosengartenstrasse oder in den Worten der Politikerin: dem «Kaiserschnitt», der das Quartier seit Jahren in zwei Teile trennt. «Grässlich, diese Rosengartenstrasse ist für mich die grösste Schande im Quartier.» Und gleich noch etwas anderes bereitet der SP-Frau Sorgen: Wipkingen drohe eine Gentrifizierung, wenn auch nicht im gleichen Ausmass wie im Seefeld, «weil es in Wipkingen viele Genossenschaftswohnungen gibt». Badran hat sich in Fahrt geredet, sie ist in ihrem Element. Es fallen Begriffe wie Immobilienspekulanten, Finanzmafia und Grosskapitalisten.

Zum Abschluss des Gesprächs nähert sich ein älterer Mann mit einer Torte in der Hand und ruft: «Jacqueline, gut gemacht, hab dich vor zwei Wochen im Fernsehen gesehen. Super cooler Auftritt.» Sie lacht und ruft zurück: «Am kommenden Sonntag bin ich wieder auf Sendung. Dann geige ich dem Blocher so richtig die Meinung.»

Erstellt: 18.08.2017, 10:41 Uhr

Wipkingen in Zahlen

Bemerkenswertes

28,4 Prozent

Das ist der Ausländeranteil von Wipkingen. Die häufigste Nationalität ist Deutschland (1462), gefolgt von Italien (458) und ­Österreich (226).

1301

Wohnhäuser gibt es in Wipkingen. 14 Prozent davon sind Einfamilienhäuser, 62,3 Prozent Mehrfamilienhäuser, 23,7 Prozent sind andere Gebäude.

16'141

Personen umfasst die Wohnbevölkerung in Wipkingen. Von ihnen sind 8175 Frauen und 7699 Männer.

210,19

Hektaren gross ist Wipkingen. Von dieser Fläche sind 29,08 Hektaren mit Häusern überbaut. Deutlich mehr Platz als die Häuser selbst brauchen Umschwung und Garten­anlagen, nämlich 78,86 Hektaren. Dem Verkehr stehen 35,60 Hektaren zur Verfügung. Immerhin 50,16 Hektaren von Wipkingen sind bewaldet, und 4,29 Hektaren gehören in die Kategorie Wiesen und Äcker.


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