Zürich ist Ansichtssache

Karten bilden die Wirklichkeit ziemlich eigenwillig ab. Und jede Karte spiegelt ihre Zeit. Drei Zürcher Beispiele aus einem neuen Atlas – darunter «Zürich für Männer» aus den 70er-Jahren.

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1698, das ist in Zürich Barock, Ancien Régime, gefestigte Herrschaft – erst ein Jahrhundert später wird Napoleon das eidgenössische Machtgefüge erschüttern. 1698 zeichnet Kartograf Johann Heinrich Streulin Zürich und seine Landschaft als Löwenkopf. Die Vogteien koloriert er unterschiedlich.

Streulins Löwenkopfkarte ist ein schönes Beispiel dafür, dass Karten nicht einfach die Wirklichkeit abbilden. Vielmehr interpretieren sie sie oder erschaffen sie gar. Streulin zelebriert mit seinem Werk Zürcher Selbstbewusstsein; bekanntlich ist der Löwe in der Wappenkunde das Tier der Stärke, der Macht, des Mutes.

Abgedruckt ist der Zürileu im eben erschienenen Atlas «Mit 80 Karten durch die Schweiz. Eine Zeitreise». Der in Bern lebende Engländer Diccon Bewes lancierte vor zwei Jahren mit «Der Schweizversteher» einen Bestseller. Nun legt er ein ebenso originelles Werk nach; es ist lehrreich und sehr amüsant.

Zürich als Kriegsschauplatz

Natürlich könnte man den Atlas in dieser Zeitung auch im Schweizteil, in der Kultur, im Wissen abhandeln. Beim Durchschauen fällt aber auf, dass ein guter Teil der Karten mit Zürich zu tun hat, daher ist auch der Lokalteil als Rezensionsort legitim. Da ist etwa eine sehr alte Karte der Schweiz, verfertigt 1479 durch Albrecht von Bonstetten aus Uster, Dekan des Klosters Einsiedeln. Bonstetten stellt die Schweiz als Kreis dar, um den sich ein blauer Ring rankt. In der Mitte des Kreises findet sich nicht, wie damals bei dieser Art Karte im sogenannten Mappa-Mundi-Stil üblich, Jerusalem. Sondern die Rigi als Dreifachzacken. Um sie gruppieren sich die damaligen acht Orte der Eidgenossenschaft samt Zürich.

Wer den Band von vorn nach hinten durchschaut, schreitet vorwärts Richtung Neuzeit und Gegenwart. Eindrücklich die Schweizkarte des Zürcher Stadtarztes Konrad Türst kurz vor 1500. Die Mercator-Karte samt «Züricher See» von 1595. Oder auch eine militärische Planskizze Zürichs als Kriegsschauplatz 1799 im Zweiten Koalitionskrieg. Die Moderne kommt dann nicht zu kurz. Eine Karte des Eidgenössischen Statistischen Bureaus von 1914 zeigt die Phasen des Eisenbahnbaus in der Schweiz in verschiedenen Farben. Schwarz steht für die Pionierphase bis 1850 und ist einer einzigen Linie vorbehalten: Der Spanisch-Brötli-Bahn, deren Züge ab 1847 von Zürich nach Baden und retour dampften.

Kontaktbars, Saunas, Bordelle

Nun zu den zwei noch nicht erwähnten Abbildungen auf dieser Seite. Die mittlere Karte zeigt ein fettes Zürich; im Vergleich sind das Tessin und das Wallis jämmerlich klein. Wieder ein Beispiel dafür, wie verschieden Karten die Realität eines Landes spiegeln können. Die Darstellung stammt aus der Gegenwart und kommt von einem unter dem Künstlernamen «atheist raskalnikow» wirkenden Zürcher. Sie illustriert die Grösse der Kantone, wenn man statt der Fläche die Bevölkerungszahl heranzieht.

Zuunterst abgebildet ist der «Zürich-Stadtplan für Männer» aus den 1970er-Jahren. Kontaktbars, Intimsaunas, Strip-Lokale, Bordelle sind ebenso eingezeichnet wie der «Strassenstrich mit jungen Mädchen». Zu der Karte gehört eine Liste der Preise für die verschiedenen Dienstleistungen, 300 Franken bezahlt der Freier für «Spezialwünsche im ­SM-Bereich». Die Siebzigerjahre sind das Jahrzehnt der sexuellen Liberalisierung, die auch – das belegt der Stadtplan – eine bedenklich-krude Seite hat. Auch diese Karte im neuen Atlas spiegelt also beiläufig und ehrlich ihre Zeit.

Diccon Bewes: Mit 80 Karten durch die Schweiz. Eine Zeitreise. Verlag Hier und Jetzt. 224 S., 74 Fr.

Erstellt: 04.11.2015, 07:42 Uhr

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