Der König von Zürich ist tot

Der selbst ernannte Monarch der Limmatstadt, Seine Majestät König Pjotr Kraska von Zürich und Bilbao, ist verstorben.

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Es war die Darstellung seiner selbst, die Peter Kraska stadtbekannt gemacht hatte: Er hatte sich selber zum König von Zürich gekrönt. Noch bis vor kurzem wandelte der korpulente Mann mit der markanten Nase und der hohen Stirn in Anzug und Krawatte und mit einem Aktenkoffer in der Hand durch die Stadt und verteilte seine «Hofnachrichten». Kraska war in jedem Sinne ein Stadtoriginal. Die einen sahen in ihm den infantilen Spinner und Querulanten, die anderen priesen ihn als Künstler und letzten lebenden Dadaisten. Am Montagabend ist Peter Kraska im Alter von 70 Jahren gestorben.

Seine Regentschaft hatte Peter Kraska 1980 angetreten, als in Zürich die Jugendunruhen tobten. Das Konzept für ein Autonomes Jugendzentrum (AJZ) veranlasste damals eine Freundin zur Aussage: «Du bist der König!» Diese Titulierung gefiel dem narzisstisch veranlagten Kraska, der die Monarchie von seinen Aufenthalten im spanischen Bilbao und in Thailand her kannte. Er bestieg den Thron und herrschte über das «Zentrische und A-Zentrische Reich». Vor einem Jahr legte er die Krone offiziell nieder und stellte die Publikation seiner «Hofnachrichten» ein. Notorischer Weissfahrer

Kraska wollte in seiner Kunstrolle als König etwas bewirken und den Weitblick der «vertrottelten Staatsbeamten» fördern, wie er diese einst in einem Interview mit der «Werbewoche» genannt hatte. Mit den öffentlichen Verkehrsbetrieben legte sich Kraska richtig an. Er war ein Verfechter des Nulltarifs, wie ihn der SP-Politiker Jürg Kaufmann 1968 propagiert hatte. Doch kaum war dieser Stadtrat, wurde er für Kraska zum Feindbild. Der König nahm sich das Recht heraus, ohne Ticket zu fahren, verstrickte sich in mehrere Strafverfahren und sass dafür 20 Tage ein. Trotzdem fuhr er weiterhin schwarz – er selber bezeichnete sich als Weissfahrer. Da Kraska sprachlich gewandt war, verlegte er sich aufs Schreiben und betätigte sich als Publizist. Einmal jährlich gab er seine eigene Hochglanz-Postille in einer Auflage von 10 000 Exemplaren heraus. Mit Vorliebe druckte er darin Ausschnitte aus seinen Prozessen ab, die in der Zusammenstellung sehr absurd wirkten. Er schrieb aber auch Anleitungen für die Herstellung von Blanko-Stempelkarten, pries die Vorzüge des spanischen Stierkampfs und reicherte alles mit zahlreichen Fotos von sich und seiner Gefolgschaft an. Mit den Inseraten verdiente Kraska angeblich «gut Geld». Interessierten drückte er gerne eine seiner Publikationen in die Hand, einem Kreis von «Getreuen» schickte er jeweils ein Exemplar zu.

Eine Bürde fürs Kunsthaus

Peter Kraska wuchs als drittes von vier Kindern in Oberleimbach auf und machte auf Geheiss der Eltern die Matura. Insgeheim war ihm aber längst klar, dass er nur als Künstler glücklich würde. Er wurde Schauspieler und begann ab 1966 mit experimentellem Theater. Er arbeitete dabei unter anderem für die «Underground Explosions» zusammen mit dem Musiker Dieter Meier. Der Freund und Journalist Peter Hartmann erinnert sich: «Sie lieferten sich zuweilen einen Wettbewerb, wer verrücktere Kunst machen konnte.» Als begnadeter Mensch habe Kraska sein Ding konsequent durchgezogen. So liess er unter anderem seinen Führerausweis von Andy Warhol signieren und machte das Dokument zum Kunstobjekt. Später wechselte Kraska zum Schreiben, Kritiker lobten sein Debütwerk «Der Grosse Wurf. Ein Gedicht».

Ein ambivalentes Verhältnis verband Kraska indes mit dem Kunsthaus. Freund Hartmann sagt: «Kraska hat sich kaum über etwas beklagt, übers Kunsthaus jedoch schon.» Für die Ausstellung «Dada Global» durfte Kraska 1994 als zeitgenössischer Vertreter des Dadaismus eine Vitrine bespielen. Weil das Kunsthaus das von Peter Fischli entworfene Wappen seines Königtums nicht in die Fischli/Weiss-Retrospektive aufnahm, verbrannte er dieses vor Rodins Höllentor. 2014 indes erwarb die Institution zwei von Kraska bemalte Schweizer Banknoten für die Sammlung.

Seine Familie hatte den Kontakt zu ihm seit der Regentschaft abgebrochen, die wenigen Freunde, mit denen er verkehrte, wussten kaum, wie schlimm es um Peter Kraska stand. So hat ihn der Fotograf Christian Schwarz vor einer Woche neben der Safari-Bar an der Zähringerstrasse, wo Kraska ein Zimmer bewohnte, noch abgelichtet. «Es gab ein trauriges Bild. Aber nichts deutete auf seinen baldigen Tod hin», sagt er.

So zweideutig wie sein ganzes Leben sind auch die letzten Zeilen, die Kraska der Öffentlichkeit hinterlassen hat: «Ich bin von dieser Welt», steht über seinem Namen in der Todesanzeige, die gestern in der «Neuen Zürcher Zeitung» erschienen ist. Seine Urne mit der Asche hat Kraska dem Kunsthaus vermacht. Abgesprochen war das nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2016, 13:41 Uhr

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