Der Kult-Automat ist weg

An der Goldbrunnenstrasse klafft seit einigen Tagen eine Lücke. Der legendäre Fotoautomat steht nicht mehr da. Das hat viel mit seinem Erfinder zu tun.

Der metallene Unterstand an der Golbrunnenstrasse steht noch, aber der Photo-Automat fehlt. Für immer.

Der metallene Unterstand an der Golbrunnenstrasse steht noch, aber der Photo-Automat fehlt. Für immer. Bild: Samuel Schalch

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Die Kiste war Kult, der Streifen mit den vier Schwarzweissfotos im Querformat aus dem Automaten eine Rarität. Von weit her pilgerten die Zürcherinnen und Zürcher für so einen Streifen an die Nebenstrasse beim Goldbrunnenplatz. Teenager, Eltern mit ihren Kindern, Künstler und viele andere sind dem Reiz des Automaten verfallen.

Doch seit einigen Tagen klafft da eine Lücke. Der metallene Unterstand des Automaten ist leer. Die Fans rätseln, was mit dem Automaten geschehen ist. Ob er repariert wird. Oder ob er nun definitiv nicht mehr betrieben werden kann, weil das Papier nicht mehr hergestellt wird. Auf Facebook macht das Gerücht die Runde, dass der Automat «weggentrifiziert» wurde, es derjenige sei, der vor dem Kulturhaus Kosmos an der Langstrasse stehe.

Als er noch da war: 2004 stand sogar noch ein Sofa davor (Bild: TA)

Bloss: Das passt zeitlich und auch sonst nicht ganz zusammen. Vor dem Kosmos steht nämlich seit vergangenem September ein Fotoautomat. Einer Zeit also, als es im Automaten beim Goldbrunnenplatz noch geblitzt hat. War der Kosmos-Automat über die Wintermonate an der Fassade zur Lagerstrasse hin platziert und gut sichtbar, steht das Exemplar aber seit kurzem neben dem Eingang zum Foyer und ist besser sichtbar. Zudem ist es ein anderes Automatenmodell. Schwarzweiss sind auch diese Bilder, sie kommen aber im Hochformat aus der Maschine.

Älteres Modell

Herr über die Kiste vor dem Kosmos ist Patrick Frank, hauptberuflich Kulturtheoretiker und Komponist für moderne Musik. Als Einmannbetrieb bewirtschaftet er auch den Automaten vor dem Konzertlokal Helsinki an der Geroldstrasse. Er sagt: «Das Modell vor dem Kosmos stammt ursprünglich aus Spanien, ist noch älter als jenes am Goldbrunnenplatz.» Bei seinen Modellen ist insbesondere der Chemikalienwechsel komplizierter.

Zum Haus hat der Erfinder des Automaten einen engen Bezug. Bild: Samuel Schalch

Der verschwundene Fotoautomat an der Goldbrunnenstrasse hingegen war das letzte Exemplar aus dem Imperium von Martin Balke, heute 85-jährig. Zusammen mit seinem Bruder hatte der Zürcher mit amerikanischen Wurzeln 1967 mit der Produktion der Automaten begonnen. Zu den Blütezeiten hatte ihre Schnellphoto AG rund 150 Automaten in 20 Kantonen stehen und verzeichnete einen Umsatz von 3,5 Millionen Franken. Im Schwarzweissautomaten gemeinsam Bilder zu machen, war ein Stück Jugendkultur. Vor 15 Jahren begann das Unternehmen sukzessive, die Automaten abzubauen und teilweise zu verschrotten. Seit 2007 war das Exemplar an der Goldbrunnenstrasse das letzte seiner Art.

Kalkulierter Abtransport

Martin Balke schenkte seinem letzten eigenen Fotoautomaten einzig deshalb ein längeres Leben, weil ihm das Mehrfamilienhaus an der Goldbrunnenstrasse gehört und er auch jahrelang da gewohnt hatte. Zum Schutz der Anwohner hat Balke auch eine Zeitschaltuhr in den Automaten einbauen lassen – von 22 Uhr bis 8 Uhr ging im Automaten nichts. Er sagt: «Irgendwann kommt der Moment, in dem man sich von Dingen trennen muss.» Balke verkauft nämlich das Haus. Den Automaten hat er deshalb am Montag von jungen Automatenfans abtransportieren lassen, die sich in Berlin um derlei Maschinen kümmern. Einen kleinen Trost gibt es dennoch: Je ein Exemplar steht noch in den Kellern des Landesmuseums und des Museums für Kommunikation in Bern.

Kult in Schwarz und Weiss: Die Fotostreifen liegen noch in den Schubladen einer ganzen Generation (Bild: Dominique Meienberg)

Patrick Frank konnte und wollte Balkes Exemplar nicht übernehmen, weil er sich mit der Technik dieser Automaten zu wenig auskennt. Aber auch er plant eine Veränderung: Schon lange ist sein Wunsch bei der Stadt Zürich deponiert, auf dem Kanzlei-Areal vor dem Xenix einen Automaten aufzustellen. Noch fehlt das definitive Ja von der Immo-Abteilung. Ist es einmal da, Frank hofft in den nächsten Wochen, wird er den Automaten vom Kosmos aufs Kanzlei-Areal verschieben. Das Exemplar vor dem Kulturzentrum ist defizitär, insbesondere am neuen Standort im Foyer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2019, 17:05 Uhr

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