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Die Angst vor einer neuen Drogenszene auf dem Platzspitz

Die Zürcher Regierung will weiterhin, dass der Park nachts geschlossen bleibt. Dabei stimmte die Mehrheit für ein anderes Regime.

Die offene Drogenszene in Zürich ist im kollektiven Gedächtnis noch präsent. (August 1994) Foto: Martin Ruetschi (Keystone)
Die offene Drogenszene in Zürich ist im kollektiven Gedächtnis noch präsent. (August 1994) Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

Der Platzspitz hinter dem Landes­museum wird auch künftig nicht rund um die Uhr begehbar sein. Das geht aus dem soeben veröffentlichten Geschäftsbericht 2016 des Stadtrats hervor. Darin nimmt die Stadtregierung Stellung zu einem Postulat der SP-Gemeinderäte Linda Bär und Michael Kraft, das der Gemeinderat 2014 mit 81 zu 39 Stimmen an den Stadtrat überwiesen hat – mit der Forderung, eine durchgehende Öffnung des Parks zu prüfen.

Die Nachtschliessung des Platzspitz-Parks gilt seit 1993. Nach der Räumung der berüchtigten Drogenszene im Februar 1992 beschloss der Stadtrat den Bau eines Zauns bei den Zugängen und die Nachtschliessung ab 21 Uhr. Damit sollte die Anlage vor einer erneuten Inbesitznahme durch die Drogenszene geschützt werden.

«Diese Menschen verschwinden ja nicht, nur indem man Parkanlagen schliesst. Sie sind da.»

Linda Bär, SP

Wie der Stadtrat im Geschäftsbericht schreibt, sind für ihn noch immer jene Argumente für die Nachtschliessung aktuell, die er 2003 in seiner Antwort auf eine Anfrage der damaligen FDP-Gemeinderätin Doris Fiala nannte. Auch Fiala hatte sich für eine Ausdehnung der Öffnungszeiten über 21 Uhr hinaus starkgemacht.

Die Nachtschliessung sei unverzichtbar, hielt der Stadtrat damals fest. «Was den Platzspitz so attraktiv macht, ist sicher seine sehr zentrale Lage in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs», schrieb er. Dieser Standortvorteil sei aber auch «das eigentliche Handicap, denn es war sicher auch die zentrale Lage, die den Platzspitz einst zum Needle Park werden liess». Der Ort biete sich «mehr als andere Parks für die Bildung von unerwünschten Szenen an». Leider sei die Situation so, dass sich im Nahbereich des Bahnhofs Szenen von Randständigen, vorab Punks und Alkoholikern, gebildet hätten. Diese würden kaum lange zögern, die einladende Anlage nachts zu benutzen – «mit absehbaren Folgen».

Künftig längere Öffnungszeiten

Genau diese Furcht vor einer neuen Szenenbildung führt der Stadtrat nun erneut als Begründung ins Feld. Allerdings zeigt er sich kompromissbereit: «Um das Bedürfnis nach einer längeren Nutzungsdauer aufzugreifen, wurden die Öffnungszeiten für die Platzspitz-Anlage verlängert und denjenigen des Hauptbahnhofs angeglichen», heisst es im Geschäftsbericht. Neu wird der Park im Sommer zwischen 24 und 1 Uhr, im Winter zwischen 23 und 24 Uhr geschlossen; geöffnet wird er morgens zwischen 4.30 und 5.30 Uhr. Bisher schloss ein Sicherheitsdienst den Park im Winter jeweils zwischen 22 und 23 Uhr, im Sommer zwischen 23 und 24 Uhr.

Kritik an Haltung des Stadtrats

SP-Gemeinderätin Linda Bär ist über den Beschluss des Stadtrates «nicht glücklich», wie sie sagt. Sie schätze zwar das Entgegenkommen bei den Öffnungszeiten, finde es jedoch «nicht zeitgemäss», auf die Antwort von 2003 zu verweisen und diese für noch immer gültig zu erklären. In 14 Jahren sollte man andere Antworten auf diese sogenannten Probleme gefunden haben. Zudem habe der Gemeinderat ihr Postulat überwiesen.

Bär kritisiert, dass man Parks an zentraler Lage nur aus Angst schliesse, dass sich dort «Randständige, vorab Alkoholiker und Punks», niederlassen könnten. «Diese Menschen verschwinden ja nicht, nur indem man Parkanlagen schliesst. Sie sind da und haben auch eine Daseinsberechtigung.» Indem man diese Menschen aus den Augen der Öffentlichkeit verbanne, seien sie «nicht einfach weg, sondern versammeln sich anderswo». Bär bedauert, dass der Stadtrat nicht mehr Mut zeige und statt Chancen und Nutzen nur Gefahren sehe.

Offene Drogenszene im Parkidyll: Platzspitz in Zürich im Sommer 1990.
Offene Drogenszene im Parkidyll: Platzspitz in Zürich im Sommer 1990.
Str, Keystone
Selber Monat, selber Ort: Ein Süchtiger setzt sich seinen Schuss.
Selber Monat, selber Ort: Ein Süchtiger setzt sich seinen Schuss.
Keystone
Der Platz hinter dem Landesmuseum ist wieder ein Entspannungsort.
Der Platz hinter dem Landesmuseum ist wieder ein Entspannungsort.
Keystone
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SVP-Präsident Mauro Tuena dagegen begrüsst das Festhalten an der Nachtschliessung. Die Gefahr einer Szenenbildung sei zu gross, der Aufwand für vermehrte Kontrollen und allfälliges polizeiliches Eingreifen stehe in keinem Verhältnis zum Nutzen.

Der Platzspitz gilt als beliebter abendlicher Treffpunkt für Jugendliche und junge Erwachsene. Aus polizeilicher Sicht gebe es derzeit aber «nichts Auf­fälliges», sagt Stadtpolizei-Medienchef Marco Cortesi. Rund um den HB hielten sich naturgemäss viele Leute auf. Laut Mark Schindler, Sprecher von Sozialvorsteher Raphael Golta (SP), hat der Sicherheitsdienst SIP eine erhöhte Präsenz am Platzspitz, stelle derzeit aber keine grösseren Probleme fest. Seit kurzem ist jeweils an Freitagabenden auch das «Sozialmobil» beim Platzspitz präsent: ein Kleinbus, der als mobile Anlaufstelle und Präventionsangebot dient.

Andere Parks sind nachts offen

Im Gegensatz zum Platzspitz bleiben die meisten anderen Parks in der Stadt nachts geöffnet. So etwa die Bäcker­anlage, das Arboretum oder der Beckenhof. «Die andern Parks haben auch nicht eine derart belastete Vorgeschichte wie der Platzspitz», sagt Mark Schindler vom Sozialdepartement. Deshalb dränge sich dort auch keine Nachtschliessung auf.

Wie aus dem Geschäftsbericht des Stadtrats weiter hervorgeht, verzichten seit 2016 auch alle Friedhöfe in der Stadt auf die Nachtschliessung. Grün Stadt Zürich beurteile die Situation als «ruhig und unproblematisch».

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