Der liberale Geist im Bankenviertel

In der einstigen Kirchgemeinde St. Peter wohnen nur noch 500 Reformierte. Und doch hat sie ein ganz besonderes Gepräge.

«Manchmal ist es hier etwas sehr ruhig»: Pfarrer Ueli Greminger in der Altstadt. Foto: Urs Jaudas

«Manchmal ist es hier etwas sehr ruhig»: Pfarrer Ueli Greminger in der Altstadt. Foto: Urs Jaudas

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Am 12. März dieses Jahres streikte die grösste Turmuhr Europas sieben Stunden lang. Klimastreik. Pfarrer Ueli Greminger bekam dafür Lob und Tadel. Er trug beides mit Fassung und tat in gewisser Weise genau das, was man von ihm erwartete, als die Kirchengemeinde ihn vor zwölf Jahren zum Pfarrer von St. Peter wählte. Denn St. Peter steht für einen liberalen, weltoffenen Geist: Das hat an der ältesten reformierten Kirche der Stadt Zürich Tradition.

Daher rannte der Verein St. Peter offene Kirchentüren ein, als er mit einer nicht gerade nahe liegenden Idee auf ihn zukam. Ziel des Vereins ist es, die Menschen und Organisationen der Altstadt zu vernetzen. Das Projekt, das er initiiert hat, heisst «Werktags in der Kirche St. Peter». Teams aus verschiedenen Firmen sollen ihren Arbeitsplatz vorübergehend in die Kirche verlegen. Den Anfang der geplanten Serie macht der «Tages-Anzeiger». Vereinspräsidentin Annina Hess-Cabalzar erläutert die Idee: «Genauso wie in der Kirche gibt es in der Altstadt einen für viele unsichtbaren ‹Werktag›. Wir wollen mit diesem Experiment sichtbarer machen, wie es sich in Kirche und Altstadt eigentlich lebt und arbeitet.»

Und so sitzen wir, das Ressort Zürich der Tagi-Redaktion, ab heute für drei Tage im barocken Kirchenschiff, telefonieren, diskutieren, googeln und tippen in unsere Laptops. Über uns der Leitspruch: «Du sollst anbätten den Herren Deinen Gott und ihm alleine dienen.» In Ordnung, aber erst einmal dienen wir unseren Leserinnen und Lesern. So gut wir eben können.

Konzertlokal, Zunftlokal

«Der Kirchenraum ist dafür da, gebraucht zu werden», sagt Pfarrer Ueli Greminger. Und wenn die Menschen am Sonntag nur mehr spärlich kommen, müsse man sich eben etwas anderes ausdenken. Auch das habe am St. Peter Tradition. In der festlichen Kirche werden häufig Konzerte gegeben, am letzten Sechseläuten wurde sie zum Zunftlokal, sie bietet Raum für Diskussionsveranstaltungen, und 1874 fand hier eine denkwürdige Volksversammlung statt, in der es um die Genehmigung für ein Krematorium ging. Das Krematorium Sihlfeld A war das erste Krematorium der Schweiz. Der liberale fortschrittliche Geist von St. Peter wirkte.

«Wir könnten auch einfach zur Konzertkirche werden», sagt Greminger. «Das wäre gut und recht, aber auch etwas schade um den Raum, unsere Geschichte und Lage.» Tatsächlich ist hier die Kirche noch im Dorf. Unter der schönen Linde auf der idyllischen St.- Peter-Hofstatt sitzt ein älterer Mann, der einer ­jungen Frau Deutschunterricht erteilt. Daneben liest eine Frau Zeitung. Eine kleine Gruppe Touristen nähert sich dem Kirchenportal, zwei Studentinnen verlassen schwatzend die Traditionsbuchhandlung Beer. Wir hören Geschirr klappern, denn das Servicepersonal von Kaiser’s Reblaube deckt die Tische im ­Innenhof. Bald ist Mittag. Dann werden die Menschen, die rundum arbeiten, über den Platz ­spazieren.

Es sind einige, aber nicht viele. «Hektisch ist es hier selten», sagt Greminger. «Manchmal sogar etwas sehr ruhig.»Doch haben die ehemaligen vier Altstadt-Kirchgemeinden Grossmünster, Prediger, Fraumünster und St. Peter, die in der neuen Kirchenordnung zum Kirchenkreis eins zusammengefasst wurden, aufgrund ihrer historischen Bedeutung eine Sonderstellung. «Zentrumsfunktion», nennt das Greminger. Diese hat mit Tourismus, aber auch mit Identität und Emotionen zu tun. Was dort geschieht, betrifft ganz Zürich.

Auswärtige in der Überzahl

Bei Gottesdiensten, Trauungen, Beisetzungen und Taufen sind die Auswärtigen bei weitem in der Überzahl. Das war anfänglich für den heute 63-jährigen Greminger gewöhnungsbedürftig, war er doch zuvor 23 Jahre lang Dorfpfarrer im weinländischen Henggart. «Dort kannte ich alle und ging in fast jedem Haus ein und aus.» Der St. Peter ist zwar die älteste Stadtkirche überhaupt, ihre Pfarrei umfasste einst die linksufrige Stadt und die ganze Region zwischen Albis und Limmat von Leimbach bis Schlieren. Heute gehört noch, grob skizziert, das Gebiet links der Limmat zwischen Paradeplatz, Selnau und Hauptbahnhof dazu. In ihrem Einzugsquartier wohnen nicht einmal mehr 500 Reformierte. Nur das Fraumünster zählt weniger.

In der Altstadt akzentuiert sich der drastische Rückgang von konfessionell gebundenen Gläubigen, weil immer weniger Menschen dort wohnen. «An der Schipfe und im Selnau wohnen noch einige Kinder, mit denen kann ich das Weihnachtsspiel machen», sagt Greminger. Auch am Rennweg leben ein paar Familien. Und an der Bahnhofstrasse? «Früher gab es pro Gebäude noch eine Abwartswohnung. Doch in ihnen wohnen heute keine Menschen mehr.» Sicher ist, alleine mit seinen «Schäfchen» überlebt St. Peter nicht.

So bewegt sich Pfarrer Greminger zwischen der Bankenwelt und dem Obdachlosenheim Suneboge, in dessen Vorstand er sitzt. Er sucht neue Möglichkeiten, Menschen zu berühren. «Unsere Zielgruppe, liberal denkende, weltoffene Menschen sind meist nicht diejenigen, die üblicherweise am Sonntagmorgen in den Gottesdienst strömen.»

Doch wenn die Menschen nicht in die Kirche kommen, muss die Kirche zu den Menschen gehen. Ueli Greminger schreibt Blogs und Bücher, oder er organisiert Ausstellungen, ­zuletzt über den Humanisten Erasmus von Rotterdam, den hochverehrten Lehrer Zwinglis und Juds. Und er unterstützt Initiativen wie den monatlichen Stammtisch, Gespräche im Kirchturm oder eben offene Türen für die Tagi-Redaktion.

Erstellt: 14.07.2019, 18:44 Uhr

Der Tagi lässt sich auf ein Experiment des Vereins St. Peter ein. Von heute Montag bis Mittwoch arbeiten Journalistinnen und Journalisten des Ressorts Zürich in der Kirche St. Peter. Gäste sind herzlich willkommen.

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