Der liebenswerte Finsterling

Martin Stricker war der Bassist einer der wichtigsten Bands dieses Landes. Am Samstag ist er in Zürich gestorben. Eine Würdigung.

Martin Stricker wollte Musik machen, die härter und dunkler war als alles, was es bisher gab. Foto: Boris Müller

Martin Stricker wollte Musik machen, die härter und dunkler war als alles, was es bisher gab. Foto: Boris Müller

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Reden wir von der Gruppe Celtic Frost, müssen wir kurz umreissen, welchen Stellenwert diese Zürcher Band in der Musikhistorie einnimmt. Kurt Cobain von Nirvana soll die Band verehrt haben und trug auf der Bühne T-Shirts aus ihrem Fansortiment. Metallica hatten ein Auge auf sie geworfen, Chronisten behaupten gar, dass Metallicas einstige musikalische Radikalität mitunter der Gruppe Celtic Frost geschuldet sei. Und Gruppen wie Sepultura, Napalm Death aber auch Nine Inch Nails oder Marilyn Manson geben an, dass sie ohne den Einfluss der Schweizer kaum zu ihrem Stil gefunden hätten.

Wenn wir also von jenen wenigen Schweizer Bands sprechen, die in der Musikwelt Weichen gestellt haben, dann sind das nicht Krokus, DJ Bobo oder Gotthard, es sind Bands wie Yello, The Young Gods, Coroner oder eben die finsteren Herren von Celtic Frost.

Einer dieser Herren ist am Samstag mit 50 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Martin Stricker, besser bekannt unter dem Kampfnamen Martin Eric Ain war der Bassist der Band und weit mehr als das. Er war der ruhende, reflektierende Part der Gruppe, ein Mann von einnehmendem Charisma und – trotz seiner imposanten Erscheinung und obschon er sich gerne mit den dunkleren Seiten des Daseins beschäftigte – von anheimelnder Warmherzigkeit.

Töffli oder Bassgitarre

Dass es der Martin Stricker mit der heilen Welt nicht so hatte, dürfte sich tief in seiner Jugend angebahnt haben: Mit sieben kam er vom kalifornischen Santa Barbara nach Wallisellen, war gut behütet, amtete als katholischer Messdiener und kam erst mit dem Übertritt in die Oberstufe vom netten Vorort in die von Jugendunruhen geschüttelte Stadt Zürich. Stricker war wegen sprachlicher Handicaps zunächst ein Aussenseiter, kam hinzu, dass er auf dem Schulweg mehrfach grundlos verhaftet wurde.

Seine Skepsis gegenüber dem System begann zu wachsen – jenem System, das einem den für die Gesellschaft günstigsten Werdegang aufzubrummen trachtete. Zunächst war er beeindruckt von den Punks und den Alternativen, denen er in Zürich erstmals begegnete und die sich die Freiheit nahmen, ihren eigenen Lebenslauf zu gestalten. Er tummelte sich in den freien Stunden in den Plattenläden des Niederdorfs und entdeckte den Heavy Metal. Es waren die Platten mit den dämonischen und bösen Cover, die es ihm besonders angetan hatten. Wenn es eine Welt gab, die sich von jener seiner streng religiösen Mutter diametral unterschied, dann war es diese.

Doch die Musik von Iron Maiden oder Judas Priest erschien ihm bald zu wenig radikal. Zur Firmung konnte er sich zwischen zwei Geschenken entscheiden: Töffli oder Bassgitarre. Er entschied sich für den Bass, und als sein Lehrmeister mit der Bitte an ihn herantrat, die Haare zu schneiden, schmiss er die Ausbildung zum Radio- und TV-Verkäufer nach nur drei Wochen und konzentrierte sich auf die Musik. Und die sollte härter und dunkler sein als alles, was es bisher gab. Den Punk entlarvte er mit all seinen modischen und musikalischen Codes bald als ähnlich autoritär wie die Gesellschaft, gegen die sich dieser richtete.

Schlecht verheilte Narben

1983 nahm Stricker, der sich nun Martin Eric Ain nannte, die ersten Demos mit der Gruppe Hellhammer auf, die er zusammen mit Thomas Gabriel Fischer (alias Tom G. Warrior) gründete. Eine Band, der nur ein kurzes Dasein vergönnt war und die mit vernichtenden Kritiken bedacht wurde. Es war eine bewegte Zeit, als Stricker und Fischer 1984 die Gruppe Celtic Frost gründeten und ihr Debüt-Minialbum «Morbid Tales» veröffentlichten. AC/DC und Motörhead waren das Ausuferndste, was der Metal zu bieten hatte, der Punk lag in Trümmern, die Schatten des Lebens wurden von New-Wave-Bands wie Bauhaus oder The Cure ausgemessen. Und in New York erzeugte die No-Wave-Bewegung um Bands wie Swans oder Suicide Wucht durch Entschleunigung.

Celtic Frost war eine Mengung aus alldem. Die Band wollte den Metal ins Ex­treme weiten und mit den Verheissungen des Jetzt konfrontieren. Der Furor war echt. Ebenso das Interesse am Finsteren. Vor allem ins Gemüt des Sängers Tom G. Warrior hatte das Leben schlecht verheilte Narben eingefurcht. «Wir liessen uns von allem Möglichen inspirieren: von Filmen, Literatur oder Comics», erzählte Stricker kürzlich. «Das Gegrunze kam auch aus Horrorfilmen wie ‹The Exorcist› oder ‹Evil Dead› – beides wichtige Referenzpunkte für uns. Wir sagten uns: Wenn du wirklich böse klingen willst, solltest du nicht singen wie die Wiener Sängerknaben.»

Bildstrecke: Legendärer Metal-Band-Gründer ist tot

Der entzückte Teil der verwirrten Metal-Gemeinde erfand für Celtic Frost das Label Avantgarde-Metal, und ihr 1985 erschienener Zweitling «To Mega Therion» (mit einem kunstreich-morbiden Cover von HR Giger) löste alle Versprechungen ein. Es zählt bis heute zu den einflussreichsten Werken im Felde des Death, Dark und Black Metal.

Martin Stricker war zwar in die Vorbereitungen des Albums involviert, während der Aufnahmen hatte er die Band jedoch temporär verlassen. Persönliche Spannungen zwischen ihm und Tom G. Warrior gehörten zum Tagesablauf, beide Musiker beteuerten jedoch, dass diese Reibungen auch eine der wichtigsten Energiequellen der Band waren. Als dann jedoch noch Streitereien mit dem deutschen Label Noise International hinzukamen, löste sich die Band entnervt auf.

Kurze Auferstehung

2001 begannen Stricker und Fischer wieder zusammenzuarbeiten, woraus 2006 das formidable Album «Mono­theist» resultierte, auf welchem Celtic Frost wieder an ihre besten Zeiten anzuknüpfen vermochten. Im selben Jahr begab man sich auf eine ausgedehnte Welttournee, bevor Celtic Frost zwei Jahre später jedoch endgültig das Zeitliche segnete. Die kurze Auferstehung mit all ihren Dämpfern, den zwischenmenschlichen Defekten innerhalb der Band, wird im Film «A Dying God» von Adrian Winkler dokumentiert. «Ich bin mit einigen Dämonen, die ich in mir getragen habe, ins Reine gekommen», sagte Stricker über sein Mitwirken bei Celtic Frost. Und da blitzt es wieder auf. Das alles überstrahlende Fluidum dieses Mannes. Er wird als Mensch noch viel mehr fehlen denn als Bassist einer der prägendsten Bands dieses Landes.

Erstellt: 23.10.2017, 21:54 Uhr

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