Hintergrund

Der Mann, der die SP-Nationalrätin aus dem Club spedierte

Merlin Tchamba, Sicherheitsangestellter im Club Aura, schildert den Vorfall mit Jacqueline Badran.

«Und dies wegen einer so kleinen Sache»: Türsteher Merlin Tchamba.

«Und dies wegen einer so kleinen Sache»: Türsteher Merlin Tchamba. Bild: Dominique Meienberg

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Merlin Tchamba ist 1,90 Meter gross und 110 Kilogramm schwer. Seine Oberarme sind so muskulös wie die Oberschenkel eines Normalbürgers. Die Kopfhaare sind allesamt wegrasiert. Ein Türsteher wie aus dem Lehrbuch. Doch seine Stimme klingt sanft, die schweizerdeutschen Wörter sind mit Bedacht gewählt.

Dieser Mann hat SP-Nationalrätin Jacqueline Badran am Freitag aus dem Eventlokal Aura befördert. Das weiss jetzt die ganze Schweiz, weil die Politikerin es über Twitter verbreitete – und zahlreiche Medien dann darüber berichteten. Doch wie hat der 39-Jährige den Vorfall erlebt?

«Ein Türsteherkollege hat mir berichtet, eine Frau sei zusammen mit einem Mann im Foyer am Fenster am Rauchen. Die Frau war uns Türstehern schon den ganzen Abend durch ihre provokative Art aufgefallen. Ich bin dann zu den beiden Personen hingegangen und habe sie freundlich und anständig darauf hingewiesen, dass es nicht erlaubt sei, hier zu rauchen. Sie sollen in die Raucherlounge gehen. Ihr Begleiter hat darauf die Zigarette ausgemacht, die Frau hat weitergeraucht.»

Aussage gegen Aussage

Tchamba zeigt, wo sich die beiden im Foyer aufgehalten haben. Badran sei auf der Nische vor dem Fenster gesessen und habe ihm entgegnet: «Nein, ich darf hier rauchen, ich bin Nationalrätin.» Auf wiederholte Nachfragen hin bleibt Tchamba dabei: «Sie hat das so gesagt.» Ein Türsteherkollege Tchambas bestätigt, er habe das an dem Abend auch gehört.

Konfrontiert mit diesen Aussagen beharrte Jacqueline Badran gestern auf ihrer Version: «Ich habe das nicht gesagt, ich habe es nicht einmal gedacht.» «Weltwoche»-Journalist Alex Baur, der mit Badran am Fenster geraucht hatte, bestätigt schriftlich: «In meiner Gegenwart hat Frau Badran gegenüber dem Türsteher sich nicht als Politikerin oder in irgendeiner offiziellen Funktion zu erkennen gegeben.»

Es gibt einen weiteren Zeugen: Bastien Girod, Badrans grüner Nationalratskollege, der sich später in den Zwist einschaltete. Auch er bestätigte gestern, er habe nichts dergleichen gehört. Für Badran ist klar: «Aura baut Lügengebäude auf, um Imageschaden abzuwenden.»

Enttäuscht von der Frau

Nach dem Wortwechsel fackelte Tchamba nicht lange. «Ich habe sie mit meinen Armen gepackt und auf der Treppe nach draussen begleitet.» Der Sicherheitsmann steht auf und demonstriert, wie er Badran mit seinen kolossalen Armen nach draussen beförderte. Kein Schwitzkasten, mehr ein Umschlingen mit seinen Armen. Kein Wunder, fühlte sich Jacqueline Badran bedrängt – aus dem Griff gibt es kein Entkommen.

Die Nationalrätin wehrt sich mit den Ellbogen gegen den Rauswurf. Darauf habe er sie noch stärker packen müssen, doch auf die Strasse geworfen habe er sie nicht. «Auf dem Weg nach draussen hat sie mir viele Schimpfwörter gesagt», sagt er. Rassistische Bemerkungen seien aber nicht gefallen.

Der gebürtige Kameruner und dreifache Familienvater Merlin Tchamba lebt seit neun Jahren in der Schweiz. Seit vier Jahren ist er Schweizer und geht auch wählen. Links, die Grünen und die Sozialdemokraten. Die Ironie daran: Tchamba glaubte aufgrund von Badrans Verhalten, sie gehöre der SVP an. Wird er jetzt seine politische Meinung ändern? «Nein, eine Person ändert nicht die Idee einer Partei.» Doch von der Frau ist er enttäuscht, eine Nationalrätin sei in einem gewissen Sinne ein Vorbild der Gesellschaft. Ihr provokatives und freches Auftreten passe nicht dazu. Darum solle Badran zurücktreten.

Noch mehr für Tchamba

Nachdem die Clubleitung beschlossen hatte, der SP-Frau wieder Einlass zu gewähren, feierte diese im Aura weiter. Erst eine Stunde später sei sie dann gegangen, sagt Tchamba. Sie habe ihn beim Verlassen des Clubs nochmals beschimpft. Tchamba steht auf und zeigt den Weg vom Fenster im Foyer zur Raucherlounge – es sind keine 50 Meter. Für Tchamba ist eine derart sture Haltung unverständlich.

«Und dies wegen einer so kleinen Sache.» Die Aura-Sprecherin weilt während des ganzen Gesprächs in der Runde, interveniert aber nicht. Für sie und das Aura ist die Geschichte unangenehm. Noch mehr für Tchamba: «Ich habe schlecht geschlafen, weil ich in den Zeitungen Aussagen über mich lesen musste, die so nicht stimmen. Denn ich bin kein Türsteher, der Leute schlägt.»

Erstellt: 19.03.2013, 07:40 Uhr

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