Doris Fiala zieht den Kürzeren

Warum die Zürcher FDP nur auf Filippo Leutenegger und Michael Baumer setzt und auf ein Dreierticket verzichtet.

Filippo Leutenegger (links) und Michael Baumer steigen für die FDP in den Stadtratswahlkampf. Foto: Urs Jaudas

Filippo Leutenegger (links) und Michael Baumer steigen für die FDP in den Stadtratswahlkampf. Foto: Urs Jaudas

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Wer den Erfolg will, muss die Gunst der Stunde nutzen. Jenen Moment, in dem durch glückliche Fügung fast alles möglich wird. Die FDP befindet sich acht Monate vor den Stadtzürcher Wahlen in einer solchen Lage. Man könnte erwarten, dass eine Partei, welche die Freiheit im Namen trägt, eine solche Gelegenheit packt. Stattdessen stand die gestrige Kür ihrer Stadtratskandidaten im Zeichen der Selbstbeschränkung.

Offiziell gings nur um die Frage, ob man Filippo Leutenegger die prominente Bundespolitikerin Doris Fiala oder den verdienten Lokalpolitiker Michael Baumer zur Seite stellt. 114 FDP-Delegierte stimmten im Renaissance Tower in Zürich-West ab, Baumer setzte sich mit 62 Stimmen durch. Doris Fiala holte 51.

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Viele meinen, dass das Powerduo Leutenegger/Fiala im Schlepptau auch Baumer in den Stadtrat mitziehen könnte. Aber ein Deal der FDP- und der SVP-Parteileitung verbot einen Dreiervorschlag: Die Zahl der Kandidaten soll die Wählerstärken fair abbilden. Also je zwei. Dabei sind die Perspektiven der beiden bürgerlichen Parteien in der Stadt kaum vergleichbar. Die Freisinnigen befinden sich im Hoch. 2014 bauten sie ihren Wähleranteil in Zürich von 14 auf 16 Prozent aus, teils zulasten der SVP. Mit Andres Türler hatten sie den bestgewählten Stadtrat in ihren Reihen, und mit Leutenegger schlugen sie die neuen Kandidaten von SP und Grünen. Die SVP dagegen blieb chancenlos, obwohl sie mit Nina Fehr Düsel eine urban auftretende junge Kandidatin testete.

Es hat nicht gereicht: Michael Baumer schnappte sich vor Doris Fiala die FDP-Kandidatur.

Auch vom Zuzug wohlhabender Wählerschichten in die teurer werdende Stadt profitiert laut dem Politgeograf Michael Hermann allein die FDP. Die Neuzuzüger seien bürgerlich, zugleich aber weltoffen. Das kleinbürgerliche SVP-­Milieu am Stadtrand werde derweil verdrängt. Trotzdem hält die Volkspartei wenig von einer Anpassung an urbane Verhältnisse: Christoph Blocher empfiehlt der städtischen SVP eine eiserne Oppositionshaltung – und wenn das Jahrzehnte im Abseits bedeutet. Zugleich sind die grossen Geldgeber der SVP dem Vernehmen nach aber eher zurückhaltend, wenn es darum geht, den Wahlkampf in der Stadt zu finanzieren.

Es gibt zwei Gründe, warum der Parteivorstand der FDP ohne Gegenstimme eine Zweierkandidatur befürwortete. Erstens hält sich die FDP im Glauben an ein höheres, langfristiges Ziel zurück: die bürgerliche Mehrheit im Stadtrat. Zweitens profitierte sie in den letzten Wahlen vom gemeinsamen Wahlkampf mit zurückhaltenden SVP-Kandidaten.

Beeinflusst hat die FDP auch das Forum Zürich, die Dachorganisation aller Wirtschaftsverbände des Kantons. Traditionell unterstützt dieses bürgerliche Wahlkämpfe – finanziell und strategisch. Im Gegenzug stellt es Bedingungen. Für 2018 hat das Forum deutlich gemacht, dass es das bürgerliche Ticket nur dann mitbezahlt, wenn sich die Parteien auf fünf Kandidierende einigen können. «Die SVP bringt zwei Kandidaten. Die CVP einen. Da bleiben für die FDP noch zwei», sagt Robert E. Gubler, Präsident des Forums Zürich. Mit sechs bürgerlichen Anwärtern würde die Energie des Zusammenschlusses verpuffen. Wäre die FDP auf eine Dreierkandidatur umgeschwenkt und hätte so die bürgerliche Einigkeit gefährdet, hätte man die Lage neu beurteilen müssen. Bedeutende Mitglieder des Forums hätten angekündet, dann ihre Unterstützung zurückzuziehen, sagt Gub­ler. «Viel Geld wäre weggefallen.»

Nicht mehr länger Seitenwagen

Politgeograf Hermann ist der Ansicht, dass die Selbstbeschränkung der FDP den Bürgerlichen insgesamt schadet, weil ein dritter FDP-Kandidat bessere Chancen auf einen Sitzgewinn hätte als die beiden SVP-Kandidaten. Gubler widerspricht: Das Ziel der Wirtschaft sei es, eine wirtschaftsfreundliche Mehrheit aufzubauen. Dazu müsse man auf alle bürgerlichen Parteien setzen. Ähnlich sieht es FDP-Präsident Severin Pflüger: «Wir wollen nicht mehr länger der Seitenwagen der Linken sein. Eine bürgerliche Mehrheit im Stadtrat holen wir nur zusammen mit der SVP.» Deshalb unterstütze die FDP die SVP dabei, ihre über 20-jährige Stadtrats-Absenz zu beenden. Es sei auch nicht illusorisch, in Zürich eine bürgerliche Regierungsmehrheit anzustreben. «Rechnerisch gesehen können wir das locker schaffen, wenn alle bürgerlichen Wähler für die bürgerlichen Kandidaten stimmen.»

Der bürgerliche Zusammenschluss ist diesmal von anderer Qualität als 2014. Damals gab es eine gemeinsame Finanzierung über das Forum, aber die Stadträte Andres Türler und Gerold Lauber (CVP) mochten nicht mit den SVP-Kandidaten Wahlkampf machen. Diesmal haben sich die Parteileitungen von SVP und FDP zusammengerauft – in langen Gesprächen, wie SVP-Präsident Mauro Tuena betont. Eine Dreierkandidatur der FDP hätte das aufgebaute Vertrauen bei seinen Parteigängern zerstört.

Erstellt: 20.06.2017, 23:08 Uhr

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