Der oberste Beamte trumpt auf

Bundeskanzler Walter Thurnherr zog am «Tages-Anzeiger»-Meeting im Schiffbau 350 Gäste aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Medien in seinen Bann.

Für einen, der mit seinem Beamtenstatus kokettiert, sprach er recht undiplomatisch: Thurnherr (2.v.l.) zwischen Christoph Tonini, Judith Wittwer und Pietro Supino. Fotos: Urs Jaudas

Für einen, der mit seinem Beamtenstatus kokettiert, sprach er recht undiplomatisch: Thurnherr (2.v.l.) zwischen Christoph Tonini, Judith Wittwer und Pietro Supino. Fotos: Urs Jaudas

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Die wenigsten der geladenen Zürcher VIPs kannten Walter Thurnherr. Als Bundeskanzler amtet er im Hintergrund, man sagt, er kenne in Bundesbern jede Schublade. Und so gilt er als heimlicher achter Bundesrat. Selber nennt sich der CVPler aus Wohlen AG schlicht «oberster Beamter».

Als ihn «Tages-Anzeiger»-Chefredaktorin Judith Wittwer fragte, ob er nicht etwas mit seinem Beamtenstatus kokettiere und seinen Einfluss herunterspiele, sagte Thurnherr: «Doch.» Alle lachten. Und er ergänzte ­trocken: «Ich wäre ja blöd, wenn ich meinen Einfluss laut hinausposaunen würde.»

Mit «Lust und Freude» gesprochen: Walter Thurnherr und Judith Wittwer.

Wer im Schiffbau einen langweiligen Chefbeamten erwartet hatte, erlebte ein rhetorisches Wunder. Thurnherr hat an der ETH Theoretische Physik studiert und löst morgens um 5.30 Uhr mathematische ­Knobelaufgaben. Als Referent glänzte er mit verschmitztem Charme und einem immensen Wissen aus 30 Jahren beim Bund und als Generalsekretär von drei Bundesräten (die ganze Rede im Wortlaut).

Verleger Pietro Supino, Gastgeber zusammen mit Tagi-Chefredaktorin Judith Wittwer, sagte in seiner Begrüssung, die Rolle Thurnherrs sei «vielleicht sogar noch bedeutsamer als jene eines Bundesrats».

«Das hat er alles selber geschrieben.»Pfarrer Christoph Siegrist über Thurnherrs Rede

Geladen waren auch zwei Amtskolleginnen des Bundeskanzlers. Die Zürcher Stadtschreiberin Claudia Cuche-­Curti erlebte «eine eindrück­liche Schilderung des sehr sympathischen gallischen Dorfs Schweiz». Die kantonale Staatsschreiberin Kathrin Arioli attestierte Thurnherr, er habe «auf geistreiche Art den Rank gefunden zwischen Aus-der-Schule-Plaudern und diplomatischer Zurückhaltung».

Grossmünster-Pfarrer Christoph Siegrist als versierter Redenschreiber hat bemerkt: «Die Lust und Freude, mit der Thurnherr gesprochen hat, zeigt: Das hat er alles selber geschrieben.» Und spontan dichtete Siegrist: «Der Humor ist nicht nur der Bruder des Glaubens, sondern auch die Schwester der Politik.»

Dozentin Riccarda Mecklenburg hat sich amüsiert, wie Thurnherr den Wortwitz «auf einsame Spitzen getrieben» hat. Zum Beispiel mit dem Satz: «Hinter jedem starken Mann steht eine staunende Frau.»

Trump – aber Georg, nicht Donald

Apropos Frauen: Auch auf hartnäckiges Nachhaken von Tagi-Chefin Judith Wittwer blieb Thurnherr cool. Vier Frauen im Bundesrat würde es durchaus vertragen, «bei sieben aber würde ich vielleicht etwas anderes ­sagen». Auch auf die Frage, ob nun Karin Keller-Sutter die starke Person im Bundesrat sei, liess er sich nicht aufs Glatteis führen: «Alle sieben sind starke Führungsfiguren.»

Schlagfertig gab sich auch die frühere Aargauer Ständerätin Pascale Bruderer. «Du hast dich selber übertrumpt», sagte sie zu Walter Thurnherr. Dieser hatte es geschafft, mit der Erwähnung von Trump, «meiner Rede vor Zürcher Publikum einen weltläufigen Touch zu geben». Allerdings sprach er nicht vom US-Präsidenten, sondern vom Nazifunktionär Georg Trump. Kripo-Chefin Christine Lentjes Meili lobte das Engagement von Thurnherr als Netzwerker. Das gelte auch bei der Polizeiarbeit. «Nur wenn man sich kennt, kann man etwas gemeinsam lösen.»

350 Gäste aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Medien kamen ans «Tages-Anzeiger»-Meeting.

Für den früheren Preisüber­wacher Rudolf Strahm ist Thurnherr als Bundeskanzler «ein Glücksfall für die Schweiz». Er sei nicht nur ein netter Kerl, sondern auch eine absolute Führungsfigur. Der Zürcher FDP-Präsident Hans-Jakob Boesch verstand die Rede als «eine Liebeserklärung an die Schweiz». Gemäss ACS-­Präsidentin Ruth Enzler bringt Walter Thurnherr «seine geistigen PS voll auf den Boden – und er passt auf, dass er nicht abhebt».

Die grüne Zürcher Stadträtin Karin Rykart zeigte sich beeindruckt von Thurnherrs «Mammuthirn» und davon, wie er in der Lage sei, komplexe Themen in einer offensichtlich selber geschriebenen Rede «witzig und verständlich» zu präsentieren. Der Bundeskanzler hat angeblich ein fast beängstigend gutes Gedächtnis. Die Wissenschafterin und Start-up-Unternehmerin Sabrina Badir fand das Referat «sehr inspirierend und motivierend für Leute, die wie ich netzwerken müssen».


Ein Plädoyer für mehr Engagement

Wie mächtig ist Bundeskanzler Walter Thurnherr? Genau weiss man es nicht, weil die wöchentlichen Bundesratssitzungen, an denen der Bundeskanzler als Stabschef teilnehmen darf, hinter verschlossenen Türen stattfinden. Sein Referat am «Tages-Anzeiger»-Meeting machte indes zumindest eines deutlich: Dieser Kanzler ist mehr als bloss Kofferträger des Bundesrats. Er hat namentlich zu aussenpolitischen Strategien konzise Vorstellungen, und er weiss rhetorisch zu brillieren.

Mit einem geschickten dramaturgischen Kniff führte Thurnherr in seine Thematik ein. Angekündigt war ein Referat über «Trump und unser Verhältnis zur Aussenpolitik», und um Trump ging es dann auch – um einen Nazifunktionär namens Georg Trump nämlich, der 1940 als deutscher Presseattaché in der Schweiz fungierte. Selbiger Trump forderte den Rücktritt verschiedener Schweizer Chefredaktoren wegen nazifeindlicher Berichterstattung. Er scheiterte mit dieser Forderung am kombinierten Widerstand von Medien, Parlament, Parteien und ganz am Ende des Bundesrats – für Thurnherr Anlass, über die eigentümlich zersplitterten Strukturen zu räsonieren, die das aussenpolitische Agieren der Schweiz prägen.

Thurnherr wies auf die komplizierten aussenpolitischen Mitwirkungsrechte der Kantone und des Parlaments hin, dazu auf das gelegentliche Kompetenzwirrwarr innerhalb der Bundes­verwaltung. Er sieht die Vielfalt nicht als Schwäche, gab aber zu bedenken: «Wir sollten aufpassen, dass sich unsere Institutionen nicht noch mehr um die Lufthoheit zanken.» Eine kohärentere Aussenpolitik ist für den Bundeskanzler vordringlich. Mit Leidenschaft warb er für mehr internationales Networking und Engagement. Er liess auch kaum Zweifel daran, dass er den zügigen Abschluss eines Rahmenvertrags mit der EU befürwortet.

Der Tamedia-Verleger Pietro Supino legte demgegenüber den Fokus in seiner Ansprache auf innen- respektive medienpolitische Belange. Er sprach sich gegen eine direkte Medienförderung aus, betonte aber auch die kritische Situation der gedruckten Zeitungen: Die Kosten für die Hauszustellung seien hoch, die Auflagen rückläufig. «Medienpolitische Priorität» müsse daher eine Vergünstigung des Vertriebs über die Post sein. (fre)

Erstellt: 31.01.2020, 14:05 Uhr

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