Der orange Mostindianer

Die Wahlwerbung von CVP-Stadtratskandidat Markus Hungerbühler fordert das Parteisekretariat heraus: 4,5 Tonnen schwer und 42 Seiten dick. Eine Stilkritik.

Savoy, Sprüngli, die Hand lässig im Hosensack: Im Wahlprospekt von Hungerbühler passt alles zusammen.  Fotos: PD

Savoy, Sprüngli, die Hand lässig im Hosensack: Im Wahlprospekt von Hungerbühler passt alles zusammen. Fotos: PD

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Wenn der Briefkasten wieder mal verstopft ist, steckt die SVP-Wahlzeitung oder der Ikea-Katalog drin. Unter dem Slogan «Gleiche Rechte für alle» will nun auch CVP-Stadtratskandidat Markus Hungerbühler seinen Altpapierberg. Er hat ein fettes, oranges Wahlmagazin produziert, 42 Seiten dick und 257 Gramm schwer, das grad noch knapp durch den Briefkastenschlitz passt. Auflage: 15'000 Stück, 4,5 Tonnen schwer. «Das ist viel zu schwer für die alten Holzböden auf unserem Sekretariat», sagt CVP-Geschäftsführer Charles Schnyder von Wartensee.

Windelwickelnder Wahlwerber

Markus Hungerbühler? Das ist jener Kandidat, der eben einen Monat lang die Windeln seines kleinen Töchterchens gewechselt hat, das von einer Leihmutter in den USA ausgetragen wurde. Homosexuell, Historiker, Thurgauer, Gemeinderat, Geschäftsführer des Baumeisterverbands und 42. Er möchte im Zürcher Stadtrat Nachfolger von Gerold Lauber werden. Als Bau-Chnuschti untermauert er seine Ambitionen mit diesem solid dimensionierten Wahlwälzer. Auf den ersten 26 Seiten müssen wir nichts über ihn lesen, sehen Hungi dafür 19-mal mit edlen roten und blauen Krawatten des Londoner Labels Hackett. Auf Seite 9 beweist eine Nahaufnahme, dass Hungi die Häcki-Krawatten gekonnt doppelt knotet. Den passenden Text liefert Bligg: «Mode chamer chaufe – aber Style, das mumer ha.»

In grosszügigen Bildkombos schreitet Hungerbühler, stilsicher krawattiert, durchs Stadthaus, unterquert auf dem Münsterhof Filippos Sonnensegel, posiert in gekonntem Ausfallschritt auf Valser Quarzit, vor Sprüngli, Savoy, Oper und Münster – die eine Hand lässig im Hosensack und die andere meist am Handy. Alles passt. Und so zeigt sich Hungerbühler auf dem weniger gediegenen Central in kariertem Holzfällerhemd und offener Jacke. Auffallend für einen Politiker: Hungerbühler posiert als Model – auf keinem Bild spricht er mit dem Volk.

Erst auf Seite 27, wenn anderen das Geld für Wahlwerbung längst ausgegangen ist, wirds ein ganz klein wenig persönlich. Zum Thema Lust und Freude nennt Hungerbühler Zürich – wow! Sowie Reisen, guter Wein und – was wohl? – Krawatten. Für Frust sorgen echte Schlangen und solche auf den Strassen. Auf weiteren zwei grosszügigen Seiten folgen Hungis Lieblinge: Büsis, Kängurus, Quöllfrisch-Bier, Ghackets und Hörnli, das Zunfthaus zur Waag, der Flughafen – und natürlich die Krawatte. Dann folgt ein Rezept für Bündner Gerstensuppe und Reisetipps nach Stockholm, Barcelona und Krakau. Auf Seite 34 stellt sich Hungerbühler endlich knapp vor: als Mostindianer, der sich in Zürich integriert hat. Und er zählt seine Engagements auf – CVP, ACS, Gewerbeverband, Studentenverein und Homosexuelle Arbeitsgruppe.

Der Frauennichtversteher

Auf den letzten Seiten gibt Hungerbühler das Sandmännchen mit einem Gutnachtgeschichtchen für seine Tochter und beantwortet essenzielle Fragen aus den Tagebüchern von Max Frisch. Zum Beispiel: «Warum müssen wir die Frauen nicht verstehen?». Antwort: «Weil ich schwul bin, mich verstehen auch nicht alle.» Den Abschluss der Monsterbroschüre machen eine CVP-Werbung sowie das Inserat des «Fashionpartners», ein bekannter Kleider-Shop.

Auf die Frage, was der orange Wälzer kostet, sagt Hungerbühler: «Keine Ahnung.» Klar ist: Für die gesamten Stadt- und Gemeinderatswahlen lässt die CVP 250'000 Franken springen. Politisch wird Hungerbühler dann doch noch. Auf einem separaten Hochglanz-Flyer in Kartondicke erklärt er seinen Slogan «Gleiches Recht für alle». Der gelte «ausnahmslos, auch für Hausbesetzer und Chaoten».

Erstellt: 09.11.2017, 23:42 Uhr

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