Und dann hebt ein Kran den 24 Tonnen schweren Trog heraus

Ein Riesenbrunnen vom Obersee ziert bald den Hauptsitz der Zürich-Versicherung. Entstanden ist er im Steinbruch in Eschenbach.

24 Tonnen Sandstein auf Reisen: Der zwölf Meter lange Brunnentrog auf dem Weg von Eschenbach nach Winterthur, wo er fertig bearbeitet wird. (Video: Tamedia)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Anblick hat etwas Absurdes an sich. Im Sandsteinbruch in Eschenbach SG steht ein zwölf Meter langer, ein Meter breiter Brunnentrog. Ein wunderbares Stück, seidig glatt die Oberfläche, in die Seitenwände ist ein fast orientalisch anmutendes Muster aus sternförmig angeordneten Rauten graviert. Rundherum ragen die Wände des Steinbruchs 25 Meter fast senkrecht in den Himmel, an einer Stelle rinnt Wasser von oben herunter, dort haben Moos, Algen und Mineralstoffe den Stein grün-gelb-schwarz gefärbt. In einer Spalte sitzt ein winziger Molch.

Es ist Mittwoch, noch zwei Tage, dann wird der Brunnen endlich seiner Bestimmung entgegenschweben. Dann holt ein Kran den 24 Tonnen schweren Trog aus dem Schacht, ein Lastwagen soll ihn, so der Plan, nach Zürich ans Mythenquai transportieren. Und Thomas Müller kann wieder ruhig schlafen. Der kräftige Mann mit den kurzen, grauen Haaren ist Steinmetz und Leiter des Steinbruchs, der zum Natursteinwerk Müller gehört. «Der Trog hat mich manch schlaflose Nacht gekostet», sagt er. Und fügt dann lachend an: «Aber lieber schlaflose Nächte für einen so schönen Auftrag als wegen fehlender Arbeit.»

Hatte wegen des Riesentrogs für Zürich schlaflose Nächte: Steinmetz Thomas Müller. Foto: Samuel Schalch

Der Brunnen, dessen Urheber das Büro Vogt Landschaftsarchitekten ist, wird dereinst einen der drei öffentlich zugänglichen Innenhöfe des umgebauten Hauptsitzes der Zurich-Versicherung am Mythenquai zieren. Er soll mit Wasserpflanzen begrünt werden; für Anlässe kann man ihn mit Platten abdecken, dann wird er zum Tisch. Die Gravur am Rand nimmt darauf Bezug. Sie stellt den stilisierten Rand einer Tischdecke dar.

«Hommage an Zürich»

Dass die Müller Natursteinwerk AG den Auftrag für dessen Produktion erhalten hat, kommt nicht von ungefähr. Der Brunnen, sagt Thomas Grossenbacher, Projektleiter Quai der Zürich Versicherung, sei «ein Highlight für unseren Hauptsitz und eine Hommage an Zürich». Ein beträchtlicher Teil der historischen Bauten in der Stadt Zürich besteht aus Sandstein vom Obersee, auch Bollinger Sandstein genannt. Erkennbar ist er an der gleichmässigen grauen Färbung.

Auch am Hauptsitz der Versicherung dominiert dieser Stein. Die Fassade des fast 120 Jahre alten Hauptgebäudes, ein beeindruckendes Jugendstilgebäude, das derzeit aufwendig renoviert wird, ist daraus erstellt worden. Darum herum entsteht derzeit ein Neubau, der mit Glas und demselben Stein verkleidet wird. Der Boden in den Innenhöfen wird ebenfalls mit Bollinger Sandstein belegt, das Muster wird dasselbe sein wie jenes am Brunnen selbst. Auch diese Steine stammen aus Müllers Steinbruch.

«Was, bitte, macht dieser Brunnentrog hier?» Foto: Samuel Schalch

Bis der Trog – vermutlich der grösste Sandsteinbrunnen, der weltweit je aus einem Stück gefertigt worden ist – an seinem Bestimmungsort steht, wird er einige Menschen einiges an Nerven gekostet haben. Thomas Müller erzählt von seinem 91-jährigen Onkel, der einst selbst den Sandsteinbruch geleitet hat: «Er sagte, ich sei verrückt, einen solchen Auftrag anzunehmen. Das klappe nie.» Er lächelt, zuckt die Schultern. Es wird schon klappen. Es muss klappen. 400 Arbeitsstunden stecken in dem Brunnen. Ginge er kaputt, wären 100’000 Franken vernichtet.

Bisher jedenfalls ging alles gut. Aber es war schon eine Herausforderung, einen derart grossen Quader so aus dem Fels zu schneiden, dass später eine Transportkonstruktion aus Stahlträgern darum herum gebaut werden kann. Das Problem: Einfach mit dem Kran anheben lässt sich ein so langes, schmales Stück Sandstein nicht, es würde allein durch sein Gewicht brechen. Müller hat das Problem gelöst, indem er zuerst einen Block aus dem Fels schnitt, der wie ein waagrechter Hängeschrank fünfzig Zentimeter über dem Boden an der Steinbruchwand hing. Darunter baute er Stützen, bevor er den Brunnen schliesslich von der Wand trennte.

Geduld und Augenmass

Danach hat Müller den Steinklotz mithilfe von Steinmetzen aus dem Werk vor Ort behauen, geschliffen, verziert. Eine Arbeit, die viel Gefühl und Augenmass erforderte, denn die Maschinen, die er hier unten im Schacht zur Verfügung hat, sind für grobe Arbeiten gedacht, sie lassen sich nicht millimetergenau einstellen. In der firmeneigenen Werkhalle wäre das alles einfacher gewesen, bloss sind weder die Halle noch die Kräne dort auf ein so grosses und schweres Stück ausgelegt. Und so hat Müller mit dem Meissel und dem Winkelschleifer den Brunnen noch im Schacht bearbeitet. Allein für die Ornamente brauchte er sechs Tage.

Seit Mai ist der Brunnen fertig – und steht nun im Steinbruch im Weg herum und raubt Müller die Nerven, weil der Steinmetz und sein Mitarbeiter alle andere Blöcke, die sie aus dem Schacht holen, um den Brunnen herum manövrieren müssen. Einmal wäre das fast schiefgegangen, als ein riesiger Brocken gegen den Trog knallte, zum Glück, ohne Schäden zu verursachen. Doch der Abtransport verzögerte sich immer wieder. Jetzt soll es endlich so weit sein.

Vieles im Steinbruch ist Handarbeit. Foto: Samuel Schalch

Während Müller in der winzigen Aufenthaltsbaracke über den Brunnen spricht, klingelt sein Handy. Er nimmt ab, hört zu, sagt «was?» und «warum?», geht hinaus, führt weitere Gespräche, dann kommt er kopfschüttelnd zurück. Es gebe ein Problem mit dem Transport auf den letzten Metern, vom Mythenquai in den Innenhof, erklärt er. Geplant war, den Brunnen noch in der Transportkonstruktion vom Lastwagen zu heben, auf vier Rollen zu stellen und so an seinen Standort zu manövrieren. Eine Arbeit, für die mehrere Stunden eingeplant waren. Der Zugang ist eng, zweimal hätte der riesige Trog ums Eck gezirkelt werden müssen.

Doch jetzt nach einer Neuberechnung der Statik hat der Ingenieur Bedenken. Die Transportkonstruktion bietet genug Halt, um den Brunnen an Seilen an einen Kran zu hängen, möglicherweise ist sie nicht steif genug, um den langen Block auf vier Rollen zu stellen. Müller verwirft kurz die Hände: Der Brunnen müsse raus.

Plötzlich wirkt der Riesenbrunnen ganz klein: Der Steinbruch von oben. Foto: Samuel Schalch

Nach einem weiteren Gespräch kommt die Entwarnung. Und der Brunnen wurde am Freitag aus dem Steinbruch abtransportiert. Bis März wird er in Winterthur zwischengelagert. Wie er dann in den Hof gelangt, ist noch unklar. Klar ist aber: Bis ihn die Öffentlichkeit bewundern kann, wird es ohnehin noch dauern. Der Umbau des Hauptsitzes wird irgendwann zwischen Ende 2020 und Anfang 2021 fertig.

Erstellt: 27.10.2019, 14:10 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...