Der Balkon, der in die Geschichte einging

Für das Zürcher Stadtleben war das abgebrannte Eckhaus am Bahnhofquai stets das bedeutendste.

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Vielleicht ist es ein Fingerzeig für die Zukunft des Gebäudes. Das Feuer ist ausgerechnet in jenem Hausteil ausgebrochen, der die Bautätigkeit von Adolf Asper um den Zürcher Bahnhof begründete.

1894 baute der für öffentliche Bauten bekannte Architekt das repräsentative Wohnhaus ums Eck zur Brücke über die Limmat hin, Bahnhofplatz 1 und Bahnhofquai 15. Seine Ausstrahlung am Platz war derart dominant, dass das Café Nord am Ende der Häuserzeile in der Erscheinung regelrecht abfiel.

Das pavillonartige Gebäude hatte aber auch sonst Mängel. Im Winter wurde es darin so kalt, dass der Besitzer regelmässig Wolldecken verteilte. Bereits 1895 liessen es die Besitzer abreissen, 1897 weihte Asper den Neubau ein. Dieser Teil wurde vom Brand am vergangenen Samstag nicht beschädigt.

Bier und Blonde

Am Bahnhofquai stand damals noch die Konzert- und Trinkhalle Zum alten Schützenhaus, die 300 Jahre zuvor erbaut worden war. Doch auch sie musste einem Asper-Neubau weichen. 1899 hatte er im Auftrag des Konsumvereins Zürich die beiden Wohn- und Geschäftshäuser Bahnhofquai 9 und 11 fertiggestellt, angebaut an die Eckliegenschaft Bahnhofquai 15 (die Nummer 13 gibt es nicht).

Dort war über viele Jahre die Bierhalle Schützengarten eingemietet. Die Postkarten mit dem gezeichneten Innenleben der Halle wurden in die ganze Welt verschickt. Später mietete sich an dieser Adresse der Club Amber ein. Wer ein blondes Au-Pair suchte, so das Gerücht, wurde dort fündig.

Worte, die verhallten

Für das Stadtleben war der Eckbau (Bahnhofquai 15/Bahnhofplatz 1) stets bedeutender. Als eine der ersten Mieterinnen zog Ende 19. Jahrhundert im Erdgeschoss die Confiserie Schurter ein. Die kleine Zuckerbäckerei vom Central eröffnete da ihre erste Filiale – mit Tearoom, damals noch eine Seltenheit.

Der Balkon darüber ging im Sommer 1968 in die Geschichte ein. Über der Werbetafel mit der Aufschrift «Unfall Winterthur» stand am 29. Juni jenes Jahres Rolf Bertschi, zwischen 1959 und 1985 Kommandant der Stadtpolizei. Neben ihm Stadtrat Albert Sieber, zwischen 1946 und 1970 Polizeivorsteher.

Vom Balkon an der Ecke aus forderte am 29. Juni 1968 um 18 Uhr Polizeikommandant Rolf Bertschi die jugendlichen Demonstranten auf, den Platz zu verlassen.

Unter ihnen Hunderte von Jugendlichen, die vor dem Globusgebäude, wo heute der Coop eingemietet ist, für ein autonomes Jugendhaus demonstrierten. Punkt 18 Uhr griff Bertschi zum Mikrofon und forderte die Jugendlichen auf, den Platz zu räumen. Erfolglos. Darauf setzten die Polizisten Wasser ein, die Demonstranten warfen Steine. Die Fortsetzung ist bekannt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 06:55 Uhr

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