Der «Samurai» will nach Hause

Er war einer der brutalsten in Zürich aktiven Menschenhändler und Zuhälter. Nun wehrt er sich gegen die angeordnete Verwahrung.

Ehemaliger Strassenstrich am Sihlquai: Zu den Straftaten des «Samurai» gehört unter anderem die Förderung der Prostitution. Foto: Digital Image

Ehemaliger Strassenstrich am Sihlquai: Zu den Straftaten des «Samurai» gehört unter anderem die Förderung der Prostitution. Foto: Digital Image

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«Die Tatumstände weisen auf brutale, grausame, sadistische und Menschen verachtende Vorgehensweisen hin», schrieb das Obergericht im Juli 2012 in seinem Urteil zum heute 50-jährigen Ungarn, welcher der Minderheit der Roma angehört.

Seine Straftaten zeigten «das Bild eines gefühlskalten, zu keinerlei Empathie fähigen Täters, der in allen Situationen seine eigenen Interessen über jene der von ihm beherrschten Opfer stellt und der diese wie eine Ware und nicht wie Menschen behandelt».

Von Tätlichkeiten bis zur grausamen Vergewaltigung

Was das Obergericht damals in Worte fasste, belegte der psychia­trische Gutachter Anfang dieses Jahres mit Zahlen. Bei der Frage, ob es sich beim Täter um einen Psychopathen handle, ergab die Psychopathy-Checkliste, «dass nur drei Prozent der Straftäter höhere Werte erzielten».

Und die Analyse des Risikoprofils für sexuelle und gewalttätige Rückfälle von Sexualstraftätern belegte, dass nur bei einem einzigen Prozent aller ­Sexualstraftäter ein noch höheres Risiko besteht.

Die Liste der Straftaten, die der Mann Ende 2007/Anfang 2008 innerhalb weniger Monate beging, ist ellenlang. Sie geht über den gewerbsmässigen Menschenhandel und die mehrfache Förderung der Prostitution weit hinaus.

Er machte sich auch der sexuellen Nötigung, der Gefährdung des Lebens, unzähliger Körperverletzungen, Tätlichkeiten, Drohungen, Nötigungen ebenso schuldig wie einer besonders grausamen Vergewaltigung seiner Lebenspartnerin, die für ihn auf dem Strich anschaffen musste.

Tatmotiv: Bestrafung und Erniedrigung

Auf die detaillierte Schilderung konkreter Taten wird an dieser Stelle verzichtet. Dass er beispielsweise dazu verpflichtet wurde, allein seiner Lebenspartnerin Schmerzensgeld in Höhe von 50'000 Franken zu bezahlen, spricht für sich.

Was er seiner Partnerin und den übrigen Prostituierten antat, lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Bestrafung und Erniedrigung. «Es haben sich uns Abgründe aufgetan», sagte damals der Vorsitzende des Obergerichts an der Urteilseröffnung. «Es ist schwierig, zu verstehen, was Menschen anderen Menschen antun können.»

Nur bei einem Prozent aller
Sexualstraftäter besteht ein noch höheres Risiko eines Rückfalls.

Und dieser Mann will noch während der laufenden Freiheitsstrafe, schon vor Beginn der Verwahrung, vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen werden? Der Mann, der in seinem Heimatland als 17-Jähriger auf die schiefe Bahn geriet? Der in der Folge in Ungarn siebenmal verurteilt wurde und über zehn Jahre im Gefängnis sass – unter anderem wegen Vergewaltigung, Raub und sexuellen Missbrauchs von Kindern?

Dieser Mann, der mehr als einmal Streitereien mit dem Einsatz eines Schwerts löste, was ihm den Übernamen «Samurai» eintrug? Der die Überzeugung vertritt, dass nicht die Anständigen, sondern die Rücksichtslosen ans Ziel kommen? Und von dem seine Mutter sagt, ihr Sohn sei halt «von der Viper gebissen» worden. Soll heissen, dass er im brutalen Gefängnismilieu sozialisiert wurde.

Natürlich ist eine vorzeitige Entlassung grundsätzlich möglich (siehe Box). Der 50-Jährige hat bereits im Februar letzten Jahres zwei Drittel seiner 14-jährigen Freiheitsstrafe verbüsst und deshalb Antrag auf eine bedingte Entlassung gestellt.

Für die gerichtliche Anhörung vor dem Bezirksgericht ist er von der Strafanstalt Bostadel nach Zürich gebracht worden. Die kleine, hagere Gestalt, die wesentlich älter wirkt, wird auch während der ganzen Verhandlung Fussfesseln tragen. Sie scheinen überflüssig. Für eine Flucht fehlte ihm der Atem: Er leidet an einer chronischen Lungenerkrankung.

«Für Delikte habe ich keine Energie mehr»

In seinem schriftlichen Gesuch hatte er dargelegt, wie er sich die Zukunft nach seiner Entlassung vorstellt. «Ich kann Ihnen versprechen, dass ich die Schweiz danach freiwillig verlassen und Ihren Anweisungen Folge leisten werde.» Er könne bei der Mutter oder seinem Bruder leben.

Mit dem gesparten Geld, etwa 3000 Franken, wolle er im Osten Ungarns, an der Grenze zu Rumänien, einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb kaufen. «Die lange Haftzeit und die Folgen davon haben in mir den Wunsch geweckt, in Zukunft deliktfrei zu leben.» Für Delikte habe er keine Energie mehr.

Doch mit dem Wunsch allein ist es nicht getan. Denn für eine bedingte Entlassung braucht es eine «hohe Wahrscheinlichkeit», dass der Täter sich in Freiheit wohlverhält. Und genau daran zweifeln der psychiatrische Gutachter, die Fachkommission zur Überprüfung der Gemeingefährlichkeit von Straftätern und letztlich auch das Bezirksgericht. Sie alle lehnen sein Gesuch um eine bedingte Entlassung ab.

Die diagnostizierten psychopathischen Persönlichkeitszüge oder seine dissoziale Persönlichkeitsstörung sind das eine. Von zentraler Bedeutung ist laut Psychiater aber eher der Umstand, dass es für ihn wie selbstverständlich zum Leben gehört, Straftaten zu begehen. Weil er die Delinquenz als legitimes Mittel zum Gelderwerb ansehe, falle es ihm auch leichter, moralische Grenzen zu missachten.

Als nächste Instanz folgt nun das Obergericht

Vergeblich weist sein Verteidiger darauf hin, dass auf seinen Klienten in dessen Heimatland eine weitere Gefängnisstrafe von über fünf Jahren sowie zwei weitere Strafprozesse warten, sodass er weitere zehn Jahre inhaftiert sein wird. Das sei irrelevant, urteilt das Bezirksgericht. «Massgeblich ist einzig, ob sich der Gesuchsteller mit hoher Wahrscheinlichkeit bewähren würde, wenn er im heutigen Zeitpunkt in die Freiheit entlassen würde.»

Das Gesuch um bedingte Entlassung hatte der 50-Jährige zwar mit der Hoffnung «auf eine wohlwollende Prüfung» verbunden. Seinem Naturell entsprechend handelte es sich dabei aber nicht etwa um eine Bitte. Sein Gesuch schloss er mit den ­Worten: «Ich erwarte eine positive Antwort zu meinen Gunsten.» Es überrascht deshalb niemanden, dass er die negative Antwort zu seinen Ungunsten nicht akzeptiert und ans Obergericht weiterzieht.

Mit Zusatzinformationen aus der SRF-Reportage «Bekenntnisse eines Zuhälters».

Erstellt: 26.08.2019, 22:31 Uhr

Bedingte Entlassung trotz angeordneter Verwahrung?

Wird ein Täter zu einer zeitlich begrenzten Freiheitsstrafe verurteilt, kann er bedingt entlassen werden, wenn er zwei Drittel seiner Strafe verbüsst hat. Zuständig dafür ist im Kanton Zürich das Amt für Justizvollzug.

Eine bedingte Entlassung ist aber auch möglich, wenn der ­Täter zusätzlich zur Freiheitsstrafe auch noch zu einer anschliessenden Verwahrung verurteilt wurde. Für diesen Entscheid zuständig ist jenes Gericht, das ursprünglich die Verwahrung angeordnet hat.

Dass ein eigentlich verwahrter Täter aus dem Gefängnis entlassen werden kann, bevor er die Verwahrung überhaupt angetreten hat, ist im Strafgesetzbuch ausdrücklich vorgesehen. Grund dafür sind die unterschiedlichen Ziele, die mit einer Freiheitsstrafe und einer Verwahrung verfolgt werden.

Sühne und Massnahme

Der Freiheitsentzug ist eine Strafe, mit der ein begangenes Unrecht ausgeglichen, gesühnt werden soll. Ist die Strafe verbüsst, wird die Person deshalb wieder entlassen.

Demgegenüber ist die Verwahrung eine Massnahme. Sie hat nur ein einziges Ziel: die ­Öffentlichkeit vor einem gefährlichen Täter zu schützen. Stellen die zuständigen Fachleute fest, dass der Häftling «sich in Freiheit bewährt», von ihm also keine Gefahr mehr ausgeht, darf die Verwahrung nicht (mehr) vollzogen werden.

Eine bedingte Entlassung vor Antritt der Verwahrung ist auch möglich, wenn der Täter zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe mit anschliessender Verwahrung verurteilt wurde. Wurde aber neben einer Freiheitsstrafe auch eine lebenslängliche Verwahrung ausgesprochen, ist eine bedingte Entlassung ausgeschlossen.

In diesem Fall wird zwar die lebenslängliche Verwahrung aufgehoben. An deren Stelle ordnet das Gericht dann aber nicht eine bedingte Entlassung, sondern eine stationäre Massnahme in einer geschlossenen Einrichtung an. (thas)

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