Der Schatten ist angerichtet

Die erste Bauetappe des Swissmill Tower am Sihlquai ist abgeschlossen. Der Turm hat seine Höhe von 118 Metern erreicht – und stösst nun weitherum auf Kritik.

Schattenwurf von links: Zu bestimmten Zeiten wird das Flussbad Unterer Letten vom Swissmill Tower beschattet.

Schattenwurf von links: Zu bestimmten Zeiten wird das Flussbad Unterer Letten vom Swissmill Tower beschattet. Bild: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jetzt steht er da. In voller Höhe, schlank und doch mächtig in den Himmel aufragend. Anfang dieses Monats wurde der Getreidesilo des Kornhauses Swissmill am Sihlquai im Kreis 5 aufgestockt. Der Betonturm der Coop-Division hat nun seine endgültige Höhe von 118 Metern erreicht und ist damit eins der höchsten Gebäude der Schweiz.

Kaum ist die erste Bauetappe abgeschlossen, entzündet sich in der Stadt eine Diskussion, die an den heftigen Abstimmungskampf im Frühling 2011 erinnert, als die Zürcher Stimmbürger den privaten Gestaltungsplan mit einer Ja-Mehrheit von 58,3 Prozent annahmen. Einzig die zwei Quartiere Wipkingen und Höngg schickten die Vorlage bachab.

Einer der unermüdlichsten Gegner des Projekts war vor vier Jahren Beni Weder. Der Quartiervereinspräsident von Wipkingen kritisierte zusammen mit Anwohnergruppen und anderen Interessenvertretern in scharfen Voten den massiven Eingriff ins Stadtbild und den Schattenwurf des Silos, der im Hochsommer zu gewissen Zeiten im Flussbad Unterer Letten die Badegäste vergrault. Genau diese Vorhersage sei jetzt eingetroffen, denn erst seit wenigen Wochen zeige der Turm seine Ausmasse. «Zurzeit bekomme ich sehr viele Reaktionen von Leuten, die bis jetzt Stammgäste im Flussbad Unterer Letten waren und jetzt wegen des Schattens wegbleiben.»

Bau des Kornspeichers im Zeitraffer. Video: Quartierverein Wipkingen

Er sei selber oft ihm Flussbad und beobachte den Schattenkegel. «Ab 16 Uhr wandert der Schatten des Silos über einen gewissen Teil des Badegeländes, und diese örtliche Beschattung kann bis zu einer Stunde dauern.» Weder bedauert dies, denn gerade in den Abendstunden, nach dem Feierabend, gebe es viele Leute, die noch schnell ins kühle Nass tauchen und nachher ein wenig Sonne tanken wollen. «Spätestens im nächsten Jahr, wenn der Turm seine volle Breite erreicht hat, können sich Sonnenhungrige eine andere Badi suchen», ist Weder überzeugt.

Badegast D. R. (Name der Red. bekannt) bestätigt: «Für mich ist die Badi keine Option mehr. Leider, denn das älteste Flussbad der Stadt ist in den Abendstunden ein Schattenloch.» Zudem wirke der Silo, wenn man auf dem Steg auf seinem Badetuch liege, wegen seiner Grösse und Höhe beängstigend.

«Der Silo ist sehr präsent»

Dass der Schatten im Unteren Letten durch den Bau des Swissmill-Silos in den Feierabendstunden jetzt vorhanden ist, bestätigt Manuela Schläpfer. «Ist ja auch klar, der Turm ist nicht zu übersehen.» Die Sprecherin des Zürcher Sportamts bedauert, wenn wegen des Schattenwurfs weniger Gäste das Bad aufsuchen. «Es ist enorm schade, wenn die Gäste das Bad deshalb weniger attraktiv finden. Aber es zeigt auch, dass sie sich stark mit dem Bad identifizieren und sich dafür einsetzen.»

Der Bau des Silos verändere schon die Situation im Flussbad Unterer Letten. «Der Silo ist sehr präsent, aber das haben wir erwartet.» Schläpfer betont aber, dass Zürich als Badestadt über ein so vielfältiges Bäderangebot verfügt, das für jeden Geschmack etwas dabei sei. «Wer die Sonne auch nach dem Feierabend sucht, findet diese auch in anderen städtischen Bädern.»

Verschandelung des Stadtbildes

Aber es ist längst nicht nur die Flussbadi, welche vom neuen Turm beeinträchtigt wird. «Das Silomonster verschandelt das ganze Stadtbild. Man sieht im Quartier nicht einmal mehr, wie die Sonne untergeht», ärgert sich Weder. Denn der Schattenkegel erstrecke sich zu bestimmten Zeiten auch über das ganze Quartier. Bis jetzt habe er immer gedacht, dass der Aussenraum für die Wahl des Wohnorts eine grosse Rolle spiele. Mit dem 118 Meter hohen Turm werde ein solcher aber ganz klar abgewertet und dies erst noch mitten in der Stadt.

Weders Fazit: «Ich befürchte, dieser Betonklotz wird in Wipkingen nie akzeptiert werden.» Sobald das Kornhaus den Betrieb aufnehme, werden die Bevölkerung und die ganze Stadt den Mehrverkehr zu spüren bekommen. Zwar liefere Swissmill das Getreide mit der Bahn an, aber nachher werde das Mehl mit Lastwagen in die Zentren ausserhalb der Stadt gekarrt. Und dann wieder in die Stadt hineingefahren zu den Lebensmittelläden. «Das ist doch alles andere als ökologisch.»

Barbara Truog, die Präsidentin des Stadtzürcher Heimatschutzes sagt: «Der Turm steht nun in seiner ganzen Grösse mit ungegliederter Fassade da und konkurrenziert durch seine enorme Höhe die anderen Hochhäuser im Quartier. Vom Schattenwurf auf den Unteren Letten gar nicht zu reden.» Es sei ein Verlust an Lebensqualität für die betroffene Bevölkerung. Der Zürcher Heimatschutz sei nie von diesem Projekt begeistert gewesen. «Aber wir beugen uns dem Volksentscheid, der in diesem Fall sehr klar ausgefallen ist.» Es zeige sich aber mit allergrösster Deutlichkeit, dass auf dem Weg von Abstimmungen nicht immer glückliche Resultate erzielt werden.

Die Leute werden sich an den Turm gewöhnen

Für Marcel Knörr, Architekt und ehemaliger Präsident des Zürcher Heimatschutzes, steht der Turm eindeutig an der falschen Stelle. «Dieser Standort, nur einen Meter neben dem Fluss, ist alles andere als ideal und auch aus Sicht des Gewässerschutzes fragwürdig.» «Was mich aber deutlich mehr stört, ist die städtebauliche Situation: Ein solch hoher Mehlsilo gehört nicht mitten in die Stadt. Die Mehltransporte aus der ganzen Schweiz müssen per Bahn und Lastwagen über die neuen Wohnquartiere im Kreis 5 geführt werden, was ein Unsinn ist.»

Weniger Bedenken hat in dieser Hinsicht Min Li Marti, die damals wie heute zu den Befürworterinnen des Projekts gehört. Die SP-Fraktionspräsidentin und Gemeinderätin fährt fast täglich mit dem Velo am Getreidesilo vorbei und empfindet den Industriebau nicht als massiv oder gar bedrohend. «Natürlich ist der Silo keine architektonische Schönheit, aber dies muss bei einem Zweckbau auch nicht der Fall sein.» Sie bestreitet nicht, dass der Schatten in der Badi da ist, aber es gebe trotzdem immer noch genügend Sonnenplätze im Unteren Letten. Und schliesslich «ist der Kreis 5 ein Industriequartier mit Charme, und da kann man nicht einfach die Industrie daraus verbannen».

Zudem, so die SP-Gemeinderätin weiter, sei Swissmill ein ökologisch vorbildliches Unternehmen, das auf die Bahn setzt. «Ich denke, dass sich die Leute mit der Zeit an den Silo gewöhnen werden», so Marti.

Die zweite Bauetappe des Swissmill-Turms beginnt am 21. September.

Erstellt: 16.07.2015, 23:24 Uhr

Artikel zum Thema

Swissmill-Silo wird auf 118 Meter aufgestockt

Nur der Kreis 10 stimmt gegen den Silo-Turm. Ansonsten ist das Votum der Zürcher klar: Swissmill darf sein Kornhaus zum zweithöchsten Bau der Stadt Zürich aufstocken. Tagesanzeiger.ch berichtete laufend. Mehr...

Zu Besuch auf dem stählernen Riesen

Im Zürcher Industriequartier steht derzeit der höchste Kran der Schweiz. Der «Tages-Anzeiger» machte einen Augenschein in luftiger Höhe. Mehr...

118 Meter in zwei Jahren

Im nächsten Monat beginnt der Bau des Swissmill-Getreidesilo bei der Limmat. Bis im Frühjahr 2015 wird es zum kurzzeitig zweithöchsten Gebäude der Schweiz. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Hochwasseralarm: Touristen im Gänsemarsch auf einem Laufweg auf dem Markusplatz in Venedig. (13. November 2019)
(Bild: Stefano Mazzola/Getty Images) Mehr...