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Überraschung am Prozess gegen «Sprayer von Zürich»

Noch kein Urteil: Der Richter gab Harald Naegeli die Gelegenheit, sich mit der Stadt Zürich zu einigen.

Mit Hut und in Sandalen: Harald Naegeli auf dem Weg ins Bezirksgericht Zürich.
Mit Hut und in Sandalen: Harald Naegeli auf dem Weg ins Bezirksgericht Zürich.
Reto Oeschger

25 Werke listet die Anklageschrift auf. 25 Sprayereien, die viele Zürcherinnen und Zürcher als Kunst ansehen, andere – etwa die Staatsanwaltschaft – als Sachbeschädigung. Unter den Figuren befindet sich auch der «Poseidon», ein Strichmännchen, das eines Tages plötzlich an der Wand am Aufgang vom Limmatquai zum Grossmünster prangte. Entstanden sind die Figuren in den Jahren 2012 und 2013. Urheber soll Harald Naegeli sein.

Heute musste sich der 78-Jährige vor dem Bezirksgericht Zürich für die Figuren verantworten. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, damit einen Schaden von insgesamt über 9000 Franken verursacht zu haben. Dafür sollte er eine bedingte Geldstrafe von 270 Tagessätzen zu 700 Franken erhalten. Anzeige erstattet hatten die Baudirektion sowie Entsorgung + Recycling (ERZ) der Stadt Zürich.

Naegeli klagt an

Doch der Prozess endete vorerst mit einer Überraschung: Der Einzelrichter gab Naegeli und seinem Verteidiger die Möglichkeit, sich mit ERZ in Verbindung zu setzen und abzuklären, ob diese die Strafanzeige zurückziehe. Damit wäre eine Verurteilung vom Tisch. Möglich wurde dieses Vorgehen, weil jene Werke, welche die Baudirektion zur Anzeige gebracht hatte, zwischenzeitlich verjährt sind. Die Stadt Zürich hatte offenbar im Verlauf des Verfahrens bekundet, kein Interesse an einer Bestrafung Naegelis zu haben.

Zu Prozessbeginn war Naegeli freundlich lächelnd und auf dem Velo beim Bezirksgericht Zürich vorgefahren. Vor dem Richter äusserte er sich nicht zu den eingeklagten Werken; während der Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger fertigte er zwei Skizzen an. Im Schlusswort wurde der Künstler aber laut. Er begann es mit den Worten «J'accuse – ich klage an, dass Sie Kunstwerke von wem auch immer zerstören!», er rief diese Worte in den Saal, direkt an den Staatsanwalt gerichtet. Sachbeschädigung sei klar definiert als Zerstörung, Beschädigung. «Wie der Kunst diese Eigenschaften nachgesagt werden können, ist nicht nachvollziehbar.»

Museumsdirektorin aus Düsseldorf begleitete Naegeli

Sein Verteidiger verlangte einen Freispruch. Die Werke stellten keine Sachbeschädigung im juristischen Sinne da, sagte er. Die Polizei unterstelle Naegeli in einem Rapport, dass dieser«die Sachen verschönern wollte», indem er Wandmalereien anbrachte – damit fehle auch der Vorsatz für eine Beschädigung.

An den Prozess begleitet wurde Naegeli unter anderem von Susanne Anna, der Direktorin des Stadtmuseums Düsseldorf. Dieses hatte dem Künstler letztes Jahr eine grosse Werkschau gewidmet. Naegelis Wandmalereien seien aus ihrer Sicht als Kunsthistorikerin «Kunst im öffentlichen Raum», sagte Anna anschliessend an die Verhandlung. Ob sie auch Sachbeschädigung sind, dazu wollte sich Anna nicht äussern.

Zürichs Hassliebe

Mit der heutigen Verhandlung ist die ambivalente Beziehung der Stadt Zürich zu einem ihrer bekanntesten Söhne um ein Kapitel reicher. Diese Beziehung schwankte zwischen Abscheu und Bewunderung. Als 1977 erstmals flüchtig hingesprayte Männchen – oft Augen auf Beinen – an Hauswänden auftauchten, reagierte die Bevölkerung verunsichert. Hunderte Anzeigen gingen ein. 1979 ertappte ein Sicherheitsmann Naegeli auf frischer Tat.

Bildstrecke: «Sprayer von Zürich» ist wieder aktiv

Eines der wenigen Bilder von Harald Naegeli: Der Sprayer von Zürich zeigte seine Werke in der Galerie Kunst im West zugunsten von Pro Natura (2011).
Eines der wenigen Bilder von Harald Naegeli: Der Sprayer von Zürich zeigte seine Werke in der Galerie Kunst im West zugunsten von Pro Natura (2011).
Doris Fanconi © 2017 Pro Litteris, Zürich
Im Grossmünster-Turm: Bereits vor zehn Jahren stand die Idee eines Totentanzes in den Grossmünster-Türmen im Raum.
Im Grossmünster-Turm: Bereits vor zehn Jahren stand die Idee eines Totentanzes in den Grossmünster-Türmen im Raum.
Thomas Burla © 2017 Pro Litteris, Zürich
Alte Geschichte: Die ersten Totentänze entstanden bereits im 14. Jahrhundert. Hier einer aus Schedels Weltchronik (1493).
Alte Geschichte: Die ersten Totentänze entstanden bereits im 14. Jahrhundert. Hier einer aus Schedels Weltchronik (1493).
Holzschnitt von M. Wolgemut
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Naegeli wurde angeklagt, aber er floh noch vor dem Schuldspruch nach Deutschland, wo er bald auf einer eigentlichen Welle der Begeisterung ritt. Naegeli bekam Unterstützung von Joseph Beuys. Bald erschien ein Kunstband mit seinen Werken, er bekam offizielle Aufträge, selbst die deutsche SPD liess ihn eine Wand verzieren. Derweil lieferte sich die Schweiz mit Deutschland einen Rechtsstreit um Naegelis Auslieferung. Die hiesigen Gerichte hatten den Künstler zu einer Gefängnisstrafe von neun Monaten unbedingt verurteilt.

«Undine» erhaltenswert, «Poseidon» muss weg

1984 stellte sich Naegeli den Schweizer Behörden und trat seine Strafe an. Danach ging er zurück nach Deutschland, setzte dort sein Werk fort. Bis er in der Schweiz anerkannt wurde, dauerte es aber noch Jahre. 2004 schien ein Wendepunkt zu sein: Die Baudirektion des Kantons Zürich stufte die 1978 entstandene «Undine», eine der berühmtesten Sprayereien Naegelis, als erhaltenswert ein. Längst gilt der Sprayer als Vorläuferfigur der so genannten Street Art, die Graffiti-Szene verehrt ihn bis heute.

Bildstrecke: War Naegeli auch in Uri aktiv?

In diesen Betonbauten, die den Einheimischen als Lawinenschutz dienen, sind die Figuren hingesprayt.
In diesen Betonbauten, die den Einheimischen als Lawinenschutz dienen, sind die Figuren hingesprayt.
Claudio Schmid
Die typischen Strichmännchen erinnern stark an die Figuren, die früher in Zürich oft zu sehen waren.
Die typischen Strichmännchen erinnern stark an die Figuren, die früher in Zürich oft zu sehen waren.
Claudio Schmid
Der Golzerensee im Maderanertal ist ein beliebtes Ausflugsziel.
Der Golzerensee im Maderanertal ist ein beliebtes Ausflugsziel.
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Dann war Naegeli plötzlich wieder da. Vor einigen Jahren tauchten neue Figuren auf, die ihm zugeschrieben wurden, etwa der erwähnte «Poseidon». Und mit den neuen Figuren war auch die alte Ablehnung wieder zurück, zumindest von Seiten der Stadt. Sie liess die Werke entfernen und zeigte den Sprayer an. Die Stadt unterscheide nicht zwischen Kunst und «normaler» Sachbeschädigung, liess sie mitteilen. Derweil plant das Grossmünster mit Naegeli eine Auftragsarbeit: Der Künstler möchte in der berühmtesten Kirche Zürichs einen Totentanz sprayen.

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