Der «Staatsfeind Nummer 1», der die ETH besiegte

Jürg Brechbühl wollte in Zürich studieren und wurde abgewiesen. Jetzt gewann er vor Gericht – wie schon in Dutzenden anderen Verfahren.

Jürg Brechbühl erlitt bei einem Verkehrsunfall eine Hirnverletzung. Seither habe er schon über ein Dutzend Gerichtsverfahren gewonnen, sagt er. Foto: Christian Pfander

Jürg Brechbühl erlitt bei einem Verkehrsunfall eine Hirnverletzung. Seither habe er schon über ein Dutzend Gerichtsverfahren gewonnen, sagt er. Foto: Christian Pfander

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«Staatsfeind Nummer 1». Es gibt Leute, die würden diesen Titel wenig schmeichelhaft finden. Jürg Brechbühl dagegen nennt sich selbst so und ist, so hat man das Gefühl, stolz darauf. «Kein Berner gewinnt seit so vielen Jahren so viele Gerichtsverfahren gegen Behörden wie ich», sagt er.

Es ist ein sonniger Nachmittag im Herbst. Jürg Brechbühl sitzt am Stubentisch seines Reihenhauses in Horben bei Eggiwil (BE). Er blickt zurück auf Wochen, die nervenaufreibend waren, die ihn aber auch in seiner Überzeugung bestärkten, dass es sich lohnt zu kämpfen. Seine Gegnerin diesmal war die ETH Zürich. Dort hatte er sich für den Master-Studiengang in Umweltnaturwissenschaften beworben. Die Leitung lehnte ihn ab: Er werde zu lange brauchen, um das Studium abschliessen zu können.

Der Unfall

Jürg Brechbühl ist anders als andere Studenten. Nicht nur wegen seines Alters von 55 Jahren, sondern auch wegen eines unverschuldeten Verkehrsunfalls, bei dem er eine Hirnverletzung erlitt. Er nimmt einen Schluck Wasser, bevor er zu erzählen beginnt. Es geschah in einer Regennacht im Februar 1995. Brechbühl war mit vielleicht 80 Stundenkilometern auf der Autobahn unterwegs, als ihm ein anderer Automobilist mit 130 ins Heck krachte. «Nach dem Aufprall sass ich 10 Sekunden bewusstlos am Steuer.» Der Wagen fuhr weiter. Irgendwann hörte Brechbühl seine Freundin auf dem Beifahrersitz schreien: «Halt an! Halt an!» Er fuhr auf den Pannenstreifen, stoppte – und realisierte erst später, was passiert war.

«Plötzlich war ich beim einfachsten Problem überfordert. Wenn ich eine Packung Reis verschüttete, wusste ich nicht, was ich machen sollte.»Jürg Brechbühl über seine Zeit nach dem Unfall

Nach dem Unfall tat Brechbühls Genick «höllisch weh». Die Ärzte diagnostizierten ein Schleudertrauma. Doch je mehr Zeit verging, desto schlechter ging es ihm. Irgendwann war auch den Ärzten klar: Die Hirnverletzung ist schwerer als zuerst angenommen.

Die Müdigkeit

Bis zur Unfallnacht studierte Jürg Brechbühl Biologie an der Uni Bern. Danach musste er das Studium unterbrechen. «Ich war beim einfachsten Problem überfordert. Wenn ich in der Küche eine Packung Reis verschüttete, wusste ich nicht, was ich machen sollte.» Auch heute, 24 Jahre später, sind die Folgen des Unfalls omnipräsent. «Ich ermüde extrem schnell», sagt Brechbühl. An belebten Orten, in fremden Umgebungen funktioniere er nach zwei bis drei Stunden kaum noch und müsse sich zurückziehen und ausruhen.

Erst nach jahrelanger Rehabilitation konnte er das Biologie-Studium in Bern wieder aufnehmen. Vor knapp zwei Jahren schloss er es ab, das Diplom hängt eingerahmt im Wohnzimmer.

Die Beschwerde

Letztes Jahr bewarb sich Brechbühl für den Master-Studiengang an der ETH. Bei der Beurteilung griff die ETH-Leitung auf ein Arztzeugnis aus dem Jahr 2016 zurück. Laut diesem ist Jürg Brechbühl nur zu 20 Prozent studierfähig, er bräuchte für das Studium demnach ungefähr zehn Jahre. Die maximale Studiendauer beträgt aber vier Jahre. Deshalb lehnte ihn die ETH-Leitung ab.


Ist Zeit seines Erwachsenenlebens fasziniert von künstlichen Ökosystemen: Jürg Brechbühl. Foto: Christian Pfander

Das liess sich der Diplombiologe nicht bieten. Er nahm einen Anwalt, legte Beschwerde ein – und hat tatsächlich recht bekommen. Brechbühl habe den Tatbeweis erbracht, das Studium innert deutlich weniger als zehn Jahren abschliessen zu können, schreibt die Beschwerdekommission in ihrem Urteil. Vor ein paar Jahren besuchte Brechbühl an der ETH nämlich bereits ein sogenanntes Mobilitätssemester. Er erreichte dort Noten zwischen 5,5 und 6,0, sammelte 23 der üblichen 30 Kreditpunkte. Seine Studierfähigkeit in diesem Semester betrug also 77 Prozent. Deshalb entschied die Beschwerdekommission, dass Brechbühl studieren darf. Und dass ihm die ETH überdies 10'000 Franken für die Anwaltskosten überweisen muss.

Der Medienrummel

Die ETH-Leitung hat das Urteil akzeptiert. «Warten Sie einen Augenblick», sagt Jürg Brechbühl, geht die Treppe hoch ins Büro, kommt mit einem kleinen Stück Papier wieder herunter und streckt es dem Besucher entgegen. «Immatrikulationsbestätigung» steht darauf. Vor ein paar Wochen hat das erste Semester begonnen. Der Einstieg an der ETH sei gut verlaufen, berichtet Brechbühl. Die Studierenden, die seine Töchter und Söhne sein könnten, würden ihn akzeptieren. «Sie haben rasch gespürt, dass ich neugierig bin und die Vorlesungen mit mir lebendiger werden.»

Jürg Brechbühl fühlt sich von den Mitstudentinnen und Mitstudenten an der ETH akzeptiert. (Bild: ETH Zürich/Alessandro Della Bella)

Versöhnt ist Jürg Brechbühl deswegen nicht. In seinem Blog «Geit's no? Neues vom Staatsfeind No. 1» wie auch in den Zürcher Medien, die über seinen Sieg berichteten, macht er mehr denn je Stimmung gegen die ETH. Er wirft der Eidgenössisch-Technischen Hochschule vor, behinderte Menschen systematisch zu diskriminieren. Die ETH wehrt sich gegen diesen Vorwurf.

Das «Lumpenpack»

Einem grösseren Publikum ist Jürg Brechbühl auch durch seine Leserkommentare bekannt. Auf Medienportalen äussert er sich zu allen möglichen Themen, von Herdenschutzhunden über Elternabende bis zu Kreditkartengebühren. Der Tonfall ist zuweilen so angriffig, dass man sich fragt: Stösst er Menschen bewusst vor den Kopf? Er sagt es so: «Ich schreibe bewusst pointiert, damit ich wahrgenommen werde.»

Auch diverse Berner Amtsstellen kennen Brechbühls Angriffslust. Er selbst berichtet, wie er in den vergangenen 23 Jahren mehr als ein Dutzend Gerichtsverfahren gewonnen hat. Gegen die Uni Bern, das Inselspital, die IV-Stelle, die Steuerverwaltung, die Justiz- und Polizeidirektion und einige mehr. «Jedes Mal ging es um Rechte, die jedem Einwohner zustehen.» Unzimperlich schreibt Brechbühl in seinem Blog über die «Behördenmafia, die meint, sie seien die gnädigen Herren und wir die Untertanen». Manchmal überschreitet er auch die Grenzen des Anstandes, etwa dann, wenn er Behörden in der Öffentlichkeit pauschal als «elendes, besoffenes, bekifftes, abgefucktes Lumpenpack» bezeichnet.

Die Familiengeschichte

«Ja», weiss Jürg Brechbühl, «ich bin hart zu den Leuten, aber noch härter zu mir selber.» Seit dem Autounfall habe er unzählige Probleme lösen und Kämpfe austragen müssen – etwa mit der Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers, die nicht habe zahlen wollen. Ganze 15 Jahre dauerte dieser Rechtsstreit. «Dann war die Versicherung bezwungen und musste abdrücken», sagt Brechbühl. Auch dank diesem Geld kommt er heute finanziell über die Runden.

«Ja, ich bin hart zu den Leuten, aber noch härter zu mir selber.»Jürg Brechbühl über seine angriffigen Blogeinträge

Im Gespräch am Stubentisch wirkt Jürg Brechbühl versöhnlicher als in seinen Blogeinträgen. Immer wieder schenkt er sich Wasser nach, manchmal ringt er um Worte. Das sei ebenfalls seiner Hirnverletzung geschuldet, sagt er. Irgendwann während des Nachmittags kommt das alte Buffet aus Holz zur Sprache, das hinter dem Stubentisch steht. «Das ist ein Erbstück der Familie», sagt Brechbühl. «Wissen Sie, ich bin der Erste in unserer Familie, der studiert hat.» Seine Grossmutter zum Beispiel, Jahrgang 1909, sei mit sieben Geschwistern in einem winzigen Häuschen in der Berner Länggasse aufgewachsen. Jedes Kind habe nur eine Scheibe Brot pro Tag zu essen bekommen, derart knapp dran sei die Familie gewesen.

Die Vision

Brechbühls Eltern waren sehr naturverbunden. Früh wanderten sie nach Ostafrika aus, lebten fünf Jahre in Äthiopien. Politische Diskussionen waren in der Familie Alltag: «Die raschen, zerstörerischen Veränderungen in der Dritten Welt, die Auswüchse der kommunistischen Planwirtschaft, die Mitschuld unserer Linksintellektuellen, die Naivität der Schweizer, die gar nicht mitbekommen, was draussen in der Welt abläuft.» Dieses politische Familienklima hat Brechbühl geprägt, bis heute.

Und wie geht es nun weiter für ihn? Zeit seines Erwachsenenlebens sei er fasziniert von künstlichen Ökosystemen, sagt Jürg Brechbühl. Er erzählt von einem Projekt in Kenia, wo eine Zementfirma Kalk abgebaut hatte. Nach der Stilllegung war im Steinbruch kein Leben mehr. Dann begannen Menschen, ein künstliches Ökosystem aufzubauen, in dem jetzt wieder Bäume wachsen und Tiere leben. «Das ist meine Vision», sagt er. An der ETH könne er sein Wissen über solche Ökosysteme vertiefen. Deshalb habe er für das Studium gekämpft. Nur deshalb.

Erstellt: 07.11.2019, 11:28 Uhr

Das sagt die ETH

Jürg Brechbühl hat durchgesetzt, an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich Umweltnaturwissenschaften studieren zu können. Seither platziert er in Medienberichten und in seinem Blog den Vorwurf, die ETH würde Menschen mit Behinderung systematisch diskriminieren.

«Dieser Vorwurf ist unhaltbar», schreibt die Hochschule in einer Stellungnahme. An der ETH würden zahlreiche Menschen mit körperlicher, psychischer oder kognitiver Einschränkung studieren. Für sie gebe es eine eigene Beratungsstelle, die bei der Organisation des Studiums helfe. «2018 fanden 80 Beratungsgespräche mit über 60 Studierenden statt», so die ETH. Zwei Beispiele: Ein Student mit unvermittelt auftretenden Bewegungsstörungen sei nicht zum Chemiestudium zugelassen worden, weil eine Gefährdung im Labor bestand. Gemeinsam habe man nach einem risikolosen Studiengang gesucht und den Studenten dort zugelassen. Für einen anderen Studenten, der einen Elektro-Rollstuhl benötige, sei eigens eine Arbeitsgruppe eingesetzt worden, damit er mit dem Rollstuhl überall hinkomme. (maz)

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