Der Supermuslim

Kerem Adigüzel hat einen gewagten Traum: Eine Moschee in der Region Zürich, die alle willkommen heisst – auch Homosexuelle.

Nach dem Tod eines Freundes begann er, den Islam kritisch zu hinterfragen: Kerem Adigüzel. Foto: Doris Fanconi

Nach dem Tod eines Freundes begann er, den Islam kritisch zu hinterfragen: Kerem Adigüzel. Foto: Doris Fanconi

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Kerem Adigüzels Lebenslauf ist der eines Musterschweizers: Mathematikstudium an der Universität Zürich mit Nebenfach Informatik, Militärkarriere, aktuell als Software-Entwickler bei den SBB angestellt. Auf seinem Whatsapp-Anzeigebild posiert er mit seiner Frau – gut gelaunt vor einer wehenden Schweizer Flagge. «Ja, ich bin stolzer Schweizer», sagt Adigüzel, «und ich bin dankbar, in einer der besten Demokratien der Welt zu leben.»

Dreimal am Tag richtet sich Adigüzel gegen Mekka und betet. Das macht er auch im Militär, wo er sich jeweils in ein improvisiertes Gebetszimmer zurückzieht. Das kam nicht immer gut an, löste Misstrauen aus. Adigüzel erinnert sich an den Vorgesetzten, der einst vor versammelter Truppe bellte: «Güzel, Sie sind eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit!» Adigüzel liess sich nicht provozieren, denn er wusste – eine aggressive Reaktion würde die Meinung des Vorgesetzten noch bestärken. Seine Antwort: «Eher würde ich mir die Zunge abschneiden, als militärische Geheimnisse auszuplaudern.» Die Entschlossenheit beeindruckte den Vorgesetzten, er liess ihn fortan gewähren. Adigüzel brachte es bis zum Offizier. Wichtiger erschien ihm aber, dass er als das akzeptiert wurde, was er auch privat ist: ein stolzer Schweizer und gläubiger Muslim zugleich.

Eine für alle

Heute ist Adigüzel 30 Jahre alt und steht vor einer grossen Aufgabe: der Eröffnung einer Moschee. Eine, die keine Gräben kennt. Darin will Adigüzel vereinen, was sich scheinbar nicht vereinen lässt: Schiiten und Sunniten, Homosexuelle und streng gläubige Muslime, Frauen und Männer im selben Gebetsraum. Es wäre die progressivste Moschee der Schweiz. Gemäss seiner Auslegung ist der Koran ein «friedfertiges Buch». Eines, das den Austausch mit Andersgläubigen fördert. Vereinbar mit den rechtsstaatlichen Prinzipien der Schweiz.

Der Weg dahin ist steinig – das ist Adigüzel und seinen Mitstreitern inzwischen klargeworden. Die Gründung des Vereins «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» war für August geplant, wurde jedoch auf Herbst verschoben – auch aufgrund inhaltlicher Differenzen. Bei der Suche nach einer geeigneten Liegenschaft erhielt die Gruppierung schon rund ein Dutzend Absagen. Etwa aus Bern, Aarau und Zürich – jene Stadt, die Adigüzel bevorzugen würde. In Zürich sei die muslimische Gemeinde ebenso vielfältig wie zerstritten. Ein vereinendes Gotteshaus: umso wichtiger.

Adigüzel wirkt angepasst. Für muslimische Vertreter ist er ein unbequemer Zeitgenosse. Selbst für solche, die als offen gelten. Zum Beispiel Mustafa Memeti, der sich in Bern am interreligiösen Projekt «Haus der Religionen» beteiligt. Der Imam spricht sich dezidiert gegen Homosexuelle in Moscheen aus. Adigüzel verlangt, dass gemässigte muslimische Vertreter aus ihrer «Wohlfühloase» ausbrechen: «Wir haben den Konservativen zu lange das Feld überlassen.»

Wer als Muslim gegen konservative Glaubensbrüder vorgeht, der betritt ein Minenfeld. Das musste zuletzt Seyran Ates erfahren, die erste weibliche Imamin Deutschlands, die in diesem Sommer in Berlin eine liberale Moschee gründete. Bis heute gingen Hunderte Morddrohungen gegen sie ein, sie lebt unter Polizeischutz. «Ich erwarte, dass ich zur Zielscheibe werde», sagt Adigüzel. Er wisse aber auch, dass er vielen Leuten aus dem Herzen spreche. «In erster Linie junge Muslime, die sich nicht der Diktatur des konservativen Islam unterwerfen lassen wollen.»

«Das ist mein persönlicher Jihad», sagt Adigüzel. Er meint damit den Kampf ohne Waffen, nur mit Worten.

Auf die Unterstützung prominenter Islam-Kritikerinnen kann er zählen. Etwa Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam: «Ich kenne Adigüzel persönlich und bin von seiner Aufrichtigkeit überzeugt.» Rund 85 Prozent der Muslime in der Schweiz würden sich nicht mit den bestehenden Moscheen identifizieren können. «In den meisten Moscheen herrschen patriarchalische Strukturen. Sowie ein Diskurs, der sich offen gegen demokratische Prinzipien und gegen die soziale Integration der Muslime richtet», sagt Keller-Messahli.

Die Politologin und Frauenrechtlerin Elham Manea ist vom Projekt überzeugt: Sie glaube, dass die Zeit für eine «inklusive Moschee» gekommen ist – eine, die integriert und nicht ausgrenzt. Die Zahl der europäischen Muslime, die sich gegen den konservativen, oftmals demokratiefeindlichen Islam auflehnten, steige an. Zum Beispiel die Kinder der Einwanderer, die meist besser integriert seien als ihre Eltern: «Sie wollen Teil der Gesellschaft sein, in der sie leben, ohne dafür ihren Glauben zu opfern», sagt Manea.

«Das ist mein Jihad»

Für sein Vorhaben gründet Adigüzel einen Verein. Mit dabei sind etwa muslimische Schriftsteller, Philosophen oder Theologen aus der Schweiz und dem nahen Ausland. Auch eine Christin hat sich angeschlossen. Adigüzel ist das Gesicht der Bewegung und bereit, den Kampf auch in der Öffentlichkeit auszutragen. «Das ist mein persönlicher Jihad», sagt Adigüzel. Er meint damit den Kampf ohne Waffen, nur mit Worten. Sein Schlachtfeld ist der Diskurs. «Ich halte die Gegenpositionen der Konservativen aus, bis sie überwunden sind.»

Adigüzel und die Schweiz: Das ist purer Zufall. Sein türkischer Vater war ein international anerkannter Geophysiker, den es 1985 aus beruflichen Gründen in die Schweiz verschlug. Zwei Jahre später kam Adigüzel in St. Gallen zur Welt. Seine Eltern praktizierten einen gemässigten Islam, liessen ihm aber die freie Wahl, was die religiöse Ausübung betraf.

Es war ein Schicksalsschlag, der ihn näher zu Gott brachte. Und gleichzeitig gewisse islamische Gebote hinterfragen liess. Auslöser war der Tod eines engen Freundes. Von den Veranstaltern der Trauerfeier wurde den Anwesenden mitgeteilt, dass Beileidsbekundungen nach drei Tagen nicht mehr erlaubt seien. So verlangt es das sunnitisch geprägte Trauerritual. Adigüzel war schockiert über die religiös begründete Vorgabe, wie man zu trauern habe. «Mir erschien das grotesk, und ich begann, mich vertieft mit islamischen Gesetzen auseinanderzusetzen», sagt Adigüzel. Das war 2005. Das Foto seines Freundes trägt er noch heute im Portemonnaie.

Radikale Tendenzen in Zürich

Später, während des Studiums, wuchs seine Skepsis gegenüber gewissen muslimischen Kreisen. Er besuchte in seiner Freizeit unterschiedliche Moscheen in Zürich. Manchmal stellte er salafistische und wahabistische Tendenzen fest. Etwas unterschwellig Radikales, das ihn irritierte. Etwa dann, wenn subtil zum Gotteskrieg aufgerufen wurde. Nicht von den Imamen selbst, sondern von anonymen Hintermännern, die im Hinterhof zur «Solidarität» aufriefen: «Mit den Brüdern und Schwestern, die im Krieg gegen imperialistische Mächte gefallen sind», sagt Adigüzel.

Störend empfand er den Umgang mit Randgruppen, wie mit Schwulen und Lesben: «Es fielen abfällige Bemerkungen.» Darüber, dass der Koran und die Homosexualität nicht vereinbar seien. Er kenne religiöse Homosexuelle, die es heute meiden, in eine Moschee zu gehen. «Nur, weil sie Angst haben. Das kann Gott unmöglich so gewollt haben.» Dennoch: Adigüzel glaubt nicht, dass Homophobie ein islamspezifisches Problem ist: «In allen Religionen gibt es die gleichen Abfälligkeiten.» Er richte sich in dieser Frage nach dem rechtsstaatlichen Prinzip der Schweiz. Die «Gottergebenheit» – deutsch für Islam – gebe in dieser Hinsicht den Menschen das Selbstbestimmungsrecht.

Adigüzel erledigt alles in der Freizeit. Tagsüber: berufstätiger Bürger. Danach: religiöser Aufklärer. Und dazwischen noch Ehemann.

Adigüzel ist ein Autodidakt. Arabisch brachte er sich selbst bei, Sprachkurse und ein Aufenthalt in einem Sprachinstitut in Kairo halfen ihm dabei. Das war Ende 2012. Mittlerweile ist er bereits als Koranübersetzer tätig und veröffentlichte ein Buch: «Schlüssel zum Verständnis des Korans». Er ist Mitgründer der Informationsplattform Alrahman.de, die mit Texten und Podcasts ein breites, junges Publikum im gesamten deutschsprachigen Raum erreicht. Das tut Adigüzel alles in seiner Freizeit. Tagsüber: berufstätiger Bürger. Danach: religiöser Aufklärer. Und dazwischen noch Ehemann.

Adigüzel gelingt der Spagat scheinbar mühelos: Ein gottesfürchtiges Leben führen – inmitten einer Gesellschaft, die mehr nach dem Leistungsprinzip denn nach religiösen Werten strebt. Er glaubt an sein Projekt und daran, dass die Gesellschaft dadurch ein wenig toleranter werden kann. Seine wichtigste Inspirationsquelle sei Gott. Die Basis für sein praktisches Handeln liefert ihm der Koran, der mit dem Schweizer Rechtsstaat vereinbar sei. Adigüzel ist überzeugt: «Die Schweiz ist islamischer als Saudiarabien.» Sein Heimatland, auf das er so stolz ist als Standort der geplanten Moschee: «Wenn nicht hier, wo dann?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2017, 14:49 Uhr

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