Der tägliche Protest auf zwei Rädern

Freiheit oder Irrsinn? Warum Velofahrer Regeln brechen.

Von Verkehrsplanern marginalisiert: Ein Velofahrer im Verkehr beim Limmatplatz.

Von Verkehrsplanern marginalisiert: Ein Velofahrer im Verkehr beim Limmatplatz. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Was haben wir in den letzten zwei Tagen an dieser Stelle doch für pathetische Texte über das Velofahren gelesen und darüber, dass sich Velofahrer nicht puristisch an jede Verkehrsregel halten. Da wurde mit grossen Worten angerichtet: Da die Freiheit des Velofahrens! Dort der pure Irrsinn! Die Wahrheit ist sehr viel banaler. Ich weiss, wovon ich rede, ich fahre jeden Tag eine Stunde zur Arbeit und zurück.

Die Wahrheit ist, erstens, dass auch wir Velofahrer, genau wie alle anderen Menschen, faul sind. Wenn wir uns schon im Dienste der Gesundheit, der Umwelt und der Entlastung der übrigen Verkehrssysteme Hügel hinaufquälen, dann wollen wir nicht sinnlos anhalten müssen. Dann wollen wir den Schwung mitnehmen. Was heisst, dass wir schon mal bei Rot weiterradeln, wenn das gefahrlos möglich ist. Klingt simpel, aber kein Verkehrsplaner verschwendet daran auch nur einen Gedanken.

Kein anderes Verkehrsmittel wird derart nach Gutdünken mal berücksichtigt, mal nicht.

Die Wahrheit ist, zweitens, dass uns die Politik vor allem in der Stadt Zürich zwar ständig signalisiert, wie lieb sie uns hat. Nur nützt uns das nichts, solange wir von den Verkehrsplanern marginalisiert oder als Fleischbremse missbraucht werden. Kein anderes Verkehrsmittel wird derart nach Gutdünken mal berücksichtigt, mal nicht. Es wird kein Automobilist gezwungen, auf einer Hauptverkehrsachse auf dem Trottoir zu fahren oder auszusteigen und sein Gefährt zu schieben. Keinem Fussgänger wird es zugemutet, an den schmalsten und meistbefahrenen Stellen schutzlos auf der Fahrbahn zu gehen.

Uns Velofahrern passiert das ständig.

Dass wir uns nicht an die Regeln halten, ist also Überlebenstrieb, ein wenig Faulheit – und ein täglicher stiller, kleiner Protest gegen die Verkehrsplaner. Wenn Sie, liebe Automobilisten und Fussgänger, sich also über uns beklagen: Wenden Sie sich an die Verkehrsplaner.

Erstellt: 05.04.2017, 17:44 Uhr

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