Der tödliche Krawall vor dem Bezirksgebäude

Vor hundert Jahren kamen bei Ausschreitungen vor dem Bezirksgebäude drei Menschen ums Leben. Das Ereignis brachte den Polizeivorstand ins Gefängnis – und veränderte eine Strasse für immer.

Militär auf dem Paradeplatz in Alarmbereitschaft: Nach dem Landesstreik herrschte eine aufgeheizte Atmosphäre in Zürich. (Foto: Archivaufnahme)

Militär auf dem Paradeplatz in Alarmbereitschaft: Nach dem Landesstreik herrschte eine aufgeheizte Atmosphäre in Zürich. (Foto: Archivaufnahme)

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Es ist Zürichs zweigeteilte Strasse: die Kanzleistrasse im Kreis 4. Zwischen Rotwand- und Ankerstrasse wird sie gestoppt durch einen massiven Gebäudekomplex: das Bezirksgebäude. Metalltore versperren den Durchgang auf der Seite zur Rotwand- und zur Ankerstrasse.

Das war nicht immer so. Auf alten Karten und Fotos ist gut zu sehen, wie die Kanzleistrasse vor dem Bau des Bezirksgebäudes und auch noch mehrere Jahre nach dessen Eröffnung im Jahr 1916 durchgängig begehbar und befahrbar war, der Verkehr führte durchs Bezirksgebäude hindurch – direkt am Gefängnis Zürich vorbei.

Doch 1922 war Schluss damit, die Kanzleistrasse wurde beim Bezirksgebäude abgesperrt. Auslöser war der sogenannte Sturm auf das Bezirksgebäude am 13. Juni 1919: Bei schweren Unruhen kamen an jenem Tag beim Bezirksgebäude drei Menschen ums Leben: zwei Lehrlinge und ein Kantonspolizist; 14 Personen wurden verletzt ins Spital eingeliefert. Der Krawall in der aufgeheizten Atmosphäre kurz nach dem Landesstreik vom November 1918 gilt als einer der blutigsten politischen Konflikte in Zürichs jüngerer Geschichte. Von einer «Blutnacht» schrieb das sozialdemokratische «Volksrecht» am Tag danach.

«Für die Weltrevolution»

Auslöser der Unruhen war die Beerdigung der ermordeten Rosa Luxemburg in Berlin am 13. Juni. Aus diesem Anlass rief die sozialistische Zürcher Arbeiterunion «Arbeiter und Genossen» zu einer Solidaritätskundgebung auf.

«Wir wollen am Tage der Beerdigung von Rosa Luxemburg durch eine mächtige Demonstration unsere internationale Solidarität bezeugen und durch einen grossen Aufmarsch zeigen, dass auch wir bereit sind, für die Weltrevolution einzustehen und zu kämpfen», hiess es auf Flugblättern. «Wir haben auch den Kampf zu führen gegen die Bourgeoisie und die reaktionären Regierungen im eigenen Land.»

Der Zürcher Stadtrat hatte eine Kundgebung auf dem Paradeplatz vorsorglich verboten. Doch der damalige sozialdemokratische Polizeivorstand Alfred Traber (1884–1970) duldete sie trotzdem. Wenig später zog die Menge zum Bezirksgefängnis im Kreis 4. Dort war der kurz zuvor verhaftete Gewerkschaftssekretär Konrad Wyss untergebracht worden. Die Kundgebung wollte dem verhafteten Genossen «ein Ständchen bringen», wie es im Buch «Ich war der Trämler­general» heisst, einem 2011 vom Stadtarchiv herausgegebenen Rückblick auf das Leben Alfred Trabers. Den Übernamen «Trämlergeneral» hatte dieser als ­Präsident der Gewerkschaft der Strassenbahner erhalten.

Nach den Krawallen mit Todesopfern schrieb die sozialdemokratische Tageszeitung «Volksrecht» am Tag danach von einer «Blutnacht». (Foto: Baugeschichtliches Archiv)

Doch vor Ort eskalierte die ­Situation. Die aufgebrachte ­Menge versuchte, den inhaftierten Gewerkschafter gewaltsam zu befreien. Mit Pickel und Brechwerkzeugen versuchten Demonstranten, die Türen aufzubrechen, Steine flogen gegen die Fenster des Bezirksgebäude, eine Dynamitpatrone explodierte, Feuer brach aus.

Irgendwann setzten die Polizisten und Wachmänner im Innern des Bezirksgebäudes ihre Schusswaffen ein. «Und nunmehr schossen die Polizisten in ihrer bedrohten Lage aus den Fenstern verschiedener Stockwerke auf die Menge, wobei eine ganze Reihe von Personen zum Teil schwer ­getroffen wurde», rapportierte die NZZ tags darauf.

Offenbar waren auch einzelne Demonstranten bewaffnet. «Nach einer Meldung der Depeschenagentur sind zahlreiche Schüsse auch aus der Menge ­gefallen», hiess es im Zeitungsbericht. Der verhaftete Gewerkschaftssekretär Wyss wurde übrigens noch in derselben Nacht freigelassen.

Regierung will Schliessung

Wenige Wochen nach den tödlichen Auseinandersetzungen verlangte der Regierungsrat von der Stadt ultimativ Sicherungsmassnahmen am Bezirksgebäude. Dies zeigen Stadtratsprotokolle im Stadtarchiv. «Es hat sich ergeben, dass ein vollständig befriedigender Zustand erst dann geschaffen ist, wenn die Kanzleistrasse dem öffentlichen Verkehr entzogen wird. Dies ist erreichbar, wenn der in die Ankerstrasse mündende gewölbte Doppeleingang durch entsprechend starke eiserne Tore abschliessbar gemacht und der gegen die Rotwandstrasse offene Teil ebenfalls abgeschlossen wird», teilte der Regierungsrat der Stadt mit.

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Der Stadtrat willigte ein. Der Forderung nach einer besseren Sicherung des Bezirksgefängnisses sei «grundsätzlich zuzustimmen», hielt er fest. Allerdings ­beliess er es vorerst bei einer Nachtsperrung. Bei drohenden Unruhen könnten die beiden Tore ja jederzeit geschlossen werden. Die Kosten für die Sicherungsmassnahmen bezifferte er mit 32'000 Franken.

Kritik am Verkehrshindernis

Im Gemeinderat sorgte die Strassensperrung für hitzige Diskussionen. Sozialisten und Kommunisten lehnten die Massnahme ab. Die schweren Eisentore an der Kanzleistrasse seien ein massives Verkehrshindernis, zudem wirke die Abschliessung des Hofes «gefängnisartig», kritisierten sie. In einer Gemeinderatssitzung im Februar 1921 kam es laut der NZZ zu höhnischen Zwischenrufen von links: «Ein paar Gitter mehr!» Doch der Stadtrat gab den Kritikern zu verstehen, der Regierungsrat habe «neuerdings reklamiert, man sollte die Sache endlich zum Abschluss bringen».

Schliesslich wurden die Bauarbeiten Ende 1921 in Angriff ­genommen und 1922 vollendet. Seither ist die Kanzleistrasse beim Bezirksgebäude unterbrochen. Zuerst wurde der Abschnitt zwar nur in der Nacht und an Wochenenden geschlossen, einige Jahre später auch tagsüber. Wann genau dieser Schritt erfolgte, lässt sich nicht mehr eruieren. Laut dem städtischen Tiefbaudepartement reichen die Unterlagen nur bis Mitte der 1950er-Jahre zurück, und damals sei die Kanzleistrasse für den Verkehr bereits nicht mehr durchgängig gewesen.

Politisches Nachspiel

Ein Nachspiel hatte der Sturm aufs Bezirksgebäude für Polizeivorstand Traber. Er wurde wegen fortgesetzter Amtspflichtverletzung zu sechs Tagen Gefängnis und 500 Franken Busse verurteilt; die Gefängnisstrafe musste er absitzen. «Dass ein amtierender Zürcher Stadtrat ins Gefängnis gesteckt wird, ist wirklich ausserordentlich», sagt Nicola Behrens vom Stadtarchiv, der sich eingehend mit dem wenig bekannten Zürcher Stadtrat Traber befasst hat. Traber habe damals übrigens eine Woche Ferien genommen und die Strafe im Bezirksgefängnis in Meilen abgesessen.

Heute vergittert: Die Kanzleistrasse beim Bezirksgebäude Zürich. Foto: Urs Jaudas

Ausserdem hatte Trabers Befehl an die Polizei, sich zurückzuziehen, zur Folge, dass ihm der Stadtrat das Amt des Polizeivorstands wieder entzog und das Vormundschafts- und Armen­wesen übertrug. Laut Behrens hatte der Sozialdemokrat, der 1919 Stadtrat geworden war, das Polizeidepartement von der damaligen bürgerlichen Stadtratsmehrheit «sehr gegen seinen Willen» zugeteilt bekommen.

1921 gehörte Traber zu den Gründern der neuen Kommunistischen Partei, aus der er aber wenige Jahre später bereits ­wieder austrat. Als Kommunist hatte er 1922 keine Chancen, ­wieder in den Stadtrat gewählt zu werden.

Wie beim Platzspitz

Eine Parallele zur Schliessung der Kanzleistrasse im Nachgang des blutigen Krawalls sieht ­Behrens in einer Absperraktion neueren Datums: jener des Platzspitz-Parks hinter dem Hauptbahnhof. Nach der Räumung der offenen Drogenszene im Jahr 1992 wurde der Park geschlossen.

Mit Nachwirkungen bis heute: Nachts bleibt der Platzspitz noch immer zu. Dies führte, wie seinerzeit die Sperrung der Kanzleistrasse, ebenfalls zu ­Kritik auf linker Seite. 2017 forderte die Stadtzürcher SP die Aufhebung der Nachtschliessung des Platzspitz-Parks, allerdings erfolglos.

Erstellt: 06.06.2019, 20:43 Uhr

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