Der unbewegte Mann

Sie möchten gerne Teilzeit arbeiten, sagen neun von zehn Männern. Die meisten tun es dann doch nicht. Es geht nicht nur um den Status und Geld.

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Kürzlich sorgte ein Artikel für Aufsehen: 50'000 Akademikerinnen in der Schweiz ziehen es vor, zu Hause zu bleiben, weil sie als gut ausgebildete Mütter nur schwer einen Teilzeitjob finden. Laut einer Studie der Boston Consulting Group sind daran veraltete oder inexistente Teilzeitmodelle schuld. Doch wie sieht es bei den Männern aus, wie gross sind ihre Chancen, die Arbeit zu reduzieren, nachdem sie Väter geworden sind?

Anton Huber * und seine Frau haben beide einen Hochschulabschluss. Lange vor dem ersten Kind hatten sie vereinbart, Berufs- und Familienarbeit aufzuteilen. Für Frau Huber ist das kein Problem. Sie ist in einer Branche tätig, in der Teilzeitarbeit möglich ist. Bei ihm sieht es anders aus. Sein Arbeitgeber in Zürich, ein namhaftes Wirtschaftsunternehmen, bietet zwar alles an, was ein moderner Betrieb heute anzubieten hat: Jahresarbeitszeit, Homeoffice, Teilzeitarbeit, Einkaufen von Ferientagen. Selbst eine Reduktion der Arbeitszeit auf 80 Prozent ist prinzipiell möglich.

Doch in der Praxis scheitert Anton Huber. Er arbeitet nach wie vor Vollzeit. Will er nicht, oder kann er nicht?

Fast alles hängt vom Chef ab

Rückblende. Nach der Geburt der Tochter befindet sich Huber in einer Weiterbildung, die er in Absprache mit seiner Frau schon vorher begonnen hat. Weiterbildung wird in seinem Unternehmen grossgeschrieben. Wie stark sie im konkreten Fall unterstützt wird, hängt jeweils vom Vorgesetzten ab. Huber hat mit seinem Chef Pech. Um neben Arbeit und Weiterbildung auch noch Zeit für Kind und Hausarbeit zu haben, will Huber sein Pensum reduzieren. Doch das geht nicht. Er muss Vollzeit weiterarbeiten und für seine Weiterbildung sogar Ferientage einsetzen.

Seine Frau hingegen kann nach einem verlängerten Mutterschaftsurlaub ihre Arbeit auf 60 Prozent reduzieren. Das heisst, alles bleibt an ihr hängen. «Wir hatten kaum gemeinsame Zeit», sagt sie rückblickend. Dabei hatten sich beide vorgenommen, gleichberechtigt zu arbeiten und das Kind zu betreuen.

Meist ist die Geburt eines Kindes der Auslöser, dass Männer weiter Vollzeit arbeiten und Frauen oft den Weg in die Teilzeitbeschäftigung gehen. Letztere bleiben dann oft ein Erwerbsleben lang darin hängen. Die Einbussen von Lohn und vor allem auch Vorsorgeleistungen sind oft drastisch im Vergleich zum Vollzeitpensum. Bei den Männern gibt es durchaus Veränderungen, aber auf einem sehr viel tieferen Niveau als bei den Frauen. Gemäss dem Bundesamt für Statistik hat sich der Anteil der Männer, die Teilzeit arbeiten, innerhalb von zehn Jahren von 10 auf 16,4 Prozent erhöht, bei den Frauen von 55 auf 58 Prozent.

Anton Huber wechselt die Stelle innerhalb des Betriebs, als seine Frau nach der ersten Babypause wieder ins Berufsleben einsteigt. Nach Abschluss des Studiums versucht er erneut zu reduzieren, und zwar auf 80 Prozent, um einen Teil der Familienarbeit zu übernehmen. Doch sein Chef lehnt das Gesuch ab. Huber beginnt, sich erstmals nach einem neuen Job umzusehen.

Unterdessen ist seine Frau befördert worden und muss einen Tag pro Woche mehr arbeiten. Das setzt Huber noch mehr unter Druck. Eine Zeit lang bewältigen beide zusammen ein 180-Prozent-Pensum. Zu viel für alle Familienmitglieder, zumal keine Grosseltern für die Betreuung des Nachwuchses zur Verfügung stehen. «Wenn alle gesund sind, geht es», sagt Huber. «Sobald aber jemand krank ist, sind wir am Anschlag.»

Karrierechancen beeinträchtigt

Inzwischen ist das zweite Kind auf die Welt gekommen. Hubers Wunsch nach einem kleineren Pensum ist noch dringender geworden. «Mit Blick auf die permanenten Sparübungen im Unternehmen sind Stellenprozente ein Machtindikator, kein Teamleiter will Prozente verlieren», sagt er. Doch das ist abhängig vom Geschlecht: «Frauen in meiner Abteilung können nach der Babypause meist weniger arbeiten. Die Karrierechancen hingegen müssen sie sich dann abschminken.» Er weiss von vielen Kollegen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden und gerne weniger arbeiten würden, aber es aus «geschäftlich organisatorischen Gründen» unterlassen.

Huber ist jetzt noch intensiver auf der Suche nach einem neuen Job als früher, obwohl ihm seine Arbeit gefällt. Das ist leichter gesagt als getan. Mit 44 Jahren ist er bereits in einem kritischen Alter. «Wenn ich mich bewerbe, stehe ich immer in Konkurrenz zu sehr viel jüngeren Studienabgängern, die weniger hohe Salärvorstellungen haben.» Und die meisten Jobs, die zu seinem Profil passen, sind Vollzeitjobs. «Das Familienleben kommt eindeutig zu kurz», ist sich das Paar einig. Huber will nun die Branche wechseln, um bessere Chancen zu haben, sein Arbeitspensum endlich zu reduzieren. «Wenn nicht jetzt, wann dann?», fragt er und fügt hinzu: «Ich will die Kleinkinderzeit meiner Kinder nicht gänzlich verpassen.»

*Name geändert (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.04.2016, 20:02 Uhr

«Es ist das überholte Denkmuster: Nur wer im Büro gesehen wird, gilt als fleissig»

2012 hat der Unternehmer Andy Keel das Projekt «Teilzeitmann» gegründet, zu dem auch die grösste Jobbörse für Teilzeitarbeit gehört. Damit will er Teilzeitarbeit salonfähig machen, und dafür scheut er keine Mühe: Keel und sein Team suchen Betriebe auf, um Männer an Mittagstischen für Teilzeitarbeit zu sensibilisieren. Er hält Fachreferate zum Thema. Als ehemaliger Hausmann und inzwischen teilzeitbeschäftigter Unternehmer spricht er aus Erfahrung. Obwohl Keel erst 37 Jahre alt ist, war er einst ein «totaler Karrieremensch». Mit 28 Jahren befand er sich bereits in einer leitenden Funktion. Trotzdem tauschte er 2009 den lukrativen Bankjob gegen das Hausmanndasein.

Heute arbeiten 16,4 Prozent der Männer Teilzeit und 58 Prozent der Frauen. Warum ist die Kluft zwischen den Geschlechtern immer noch so gross?
Der Mann gilt immer noch als der Haupternährer. Er macht Karriere, und die Frau steckt zurück. Wenn der Mann 80 Prozent arbeitet, gilt er bereits als fortschrittlich. Eine Frau, die 80 Prozent arbeitet, gilt hingegen als Rabenmutter.

Warum hat sich in den letzten 30 Jahren so wenig verändert?
Gesellschaftliche Veränderungen brauchen sehr viel Zeit. Männer erklären zwar, dass sie weniger arbeiten wollen. Das ist aber ein bisschen scheinheilig. Wenn sie das tatsächlich wollten, dann wären wir heute weiter. Für die meisten Männer ist es nach wie vor bequemer, eine Frau zu haben, die im Haushalt alles macht und nichts einfordert. Aber auch die Unternehmen müssten ihr Menschenbild verändern und die Frauenförderung endlich ernst nehmen.

Sie setzen sich dafür ein, dass bis 2020 ein Fünftel aller Schweizer Männer Teilzeit arbeitet. Wie realistisch ist dieses Ziel?
Es gibt immer mehr Männer, die nicht nur Wochenend-Papis sein wollen. Als ich die Initiative gegründet habe, waren es 12 Prozent Teilzeitmänner. Heute sind es 16,4 Prozent. Unser Ziel ist in greifbare Nähe gerückt. Das allein reicht aber nicht. Es braucht auch Mut und die Klärung einiger Fragen: Was bedeuten mir Status und Geld? Welche Widerstände gilt es zu überwinden? Was sind meine Wünsche? Schliesslich ist es auch vom Vorgesetzten abhängig.

Was genau sind die Vorteile?
Teilzeitarbeiter haben im Mittel 17 Prozent weniger Absenzen. Sie sind effizienter, motivierter, arbeiten mehr und doppelt so rasch, wenn es gilt, das Kind um 18 Uhr von der Krippe abzuholen.

Angesichts dieser Vorteile: Weshalb führen nicht mehr Unternehmen flexible Arbeitsmodelle ein?
Das hat mit überholten Denkmustern zu tun. Die meisten Chefs sind 50 plus und männlich. Für sie ist die Präsenzzeit nach wie vor sehr wichtig. Nur wer im Büro gesehen wird, gilt als fleissig. Das entspricht nicht mehr der heutigen Lebenssituation junger Eltern. Die produktivsten Mitarbeiter sind zwischen 30 und 50 Jahre alt. Dummerweise ist dies genau das Alter, in dem sie am meisten auf flexible Arbeitszeiten angewiesen sind.

Teilzeitarbeit gilt nach wie vor als der grösste Karrierekiller. Wollen deshalb die Männer nicht wirklich Teilzeit arbeiten?
Es stimmt schon: Männer, die Teilzeit arbeiten, haben die gleichen Nachteile hinzunehmen wie Frauen. Sie verdienen 18 Prozent weniger als ihre Vollzeitkollegen, erhalten keine Lohnerhöhungen, sind in einer Bittstellung. Und Beförderung und Karriere sind meistens kein Thema.

Wie könnte man dies ändern?
Frauen und Männer müssen endlich beginnen, gleichberechtigte Arbeits- und Familienmodelle zu leben; die Firmen müssen dies auch fördern. Dazu zählt, Frauen nach der Babypause nicht zu verlieren, sie aber auch nicht in der Teilzeitfalle zu belassen. Ganz wichtig ist ein Vaterschaftsurlaub. Ein einfacher Schritt wäre, alle Vollzeitstellen mit 80 bis 100 Prozent auszuschreiben, die Arbeit ist auch in weniger Zeit machbar. Die gute Nachricht: Es rechnet sich. Nur wenn die Unternehmen dies in Angriff nehmen, können sie langfristig ihre Fachkräfte behalten. (Tages-Anzeiger)

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