Der Velobauer Simpel kämpft sich zurück

Philip Douglas hat die Velomarke Simpel kreiert. Trotz der Lieferung von 4100 Armeevelos geriet die Firma in Schieflage – dank neuem Partner soll sie bald wieder auf dem Markt sein.

Philip Douglas 2013 auf einem Simpel-Militärvelo. Nach diesem prestigeträchtigen Auftrag bekam Simpel den Neid der Konkurrenz zu spüren. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Philip Douglas 2013 auf einem Simpel-Militärvelo. Nach diesem prestigeträchtigen Auftrag bekam Simpel den Neid der Konkurrenz zu spüren. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Wer noch bis vor einem Jahr etwas auf sich hielt, fuhr ein Simpel, meist in edlem Schwarz. Wegwärts, Frischluft oder Optimist heissen die Modelle, welche «die führende Schweizer Onlinevelomarke» – so die Eigenwerbung – im Internet anbot und von der alten Käserei in Maschwanden im Säuliamt aus im Direktvertrieb lieferte. Die mit ein paar Mausklicks konfigurierten Velos brachte der Spediteur vorbei. Dank verkapselten Antrieben, witterungssicheren Bremsen und stabilem Rahmen waren die Velos praktisch wartungsfrei. Nun zeigt sich: Simpel-Bikes sind langlebiger als die Firma selbst. Beinahe jedenfalls.

Aus dem kleinen Sympathieträger in der Käserei wurde im hart umkämpften Velomarkt ein scheinbar Grosser.

Die Website von Simpel.ch funktioniert zwar noch. Nur der Hinweis «reduzierte Öffnungszeiten im Sommer» irritiert. Was der Internetpionier nicht schreibt: Gemeint ist der Sommer 2016. Anrufe werden nicht mehr angenommen, Onlineanfragen nicht beantwortet. Und wer an den neuen Firmensitz in der alten Sägerei von Rifferswil pilgert, findet ein Yogastudio statt der preisgekrönten Velomarke. Der im Jahr 2000 gegründeten Firma steht das Wasser bis zum Hals, Simpel ist eine Ruine.

Was ist bloss aus der berühmten Marke geworden, die von den Medien wie ein Designklassiker gefeiert wurde? «Velos für Manager mit Bundfalten», schrieb der «Tages-Anzeiger», weil Simpel die schmierige Kette durch einen Carbon-Zahnriemen ersetzte. Von «stressfreier Urbanität» schwärmte die «NZZ am Sonntag». Endgültig geadelt wurde Simpel 2013: Die Schweizer Armee bestellte 4100 neue Militärvelos. Solid, leicht und mit einem Wartungsvertrag für zehn Jahre. Ein Simpel-Militärvelo darf offiziell das Schweizer Kreuz tragen, nicht so ein Klassiker wie Villiger, Cresta, Tour de Suisse, Allegro oder BMC. Die Armee ist gemäss Kaj-Gunnar Sievert, Sprecher des Bundesamtes für Rüstung, mit ihren Simpel-Fahrrädern zufrieden. Der Service sei gewährleistet.

«Wenn ich das Rad zurückdrehen könnte, würde ich gerne auf diesen Auftrag und den damit verbundenen Trubel verzichten», sagt Philip Douglas. Der 42-jährige Säuliämter war der erste Zürcher, der Velomechanikerlehre und Berufsmittelschule gemeinsam abschloss. Dann arbeitete er als Velokurier, als technischer Leiter einer grosser US-Bike-Firma und als Projektleiter im Internetbereich. Der Anstoss, ein simples, wartungsarmes Velo zu konstruieren und über das Internet zu verkaufen, war «eine Bieridee während einer Party», sagt Douglas. «Ich habe meine Passionen – Velo und Internet – verbunden.»

«Der Neid war enorm»

Mit dem Armeeauftrag drehte der Wind. Aus dem kleinen Sympathieträger in der Käserei wurde im hart umkämpften Velomarkt ein scheinbar Grosser. «Wir wurden weit über unserem Wert gehandelt und durch die Konkurrenz bekämpft – der Neid war enorm», so Douglas.

Der Säuliämter Velopionier hatte schon vor dem Armeeauftrag das Geschäft mit Fahrradflotten in der Schweiz und dann im Ausland aufgebaut und neben der etablierten Firma Simpel die Veloverleihfirma Velobility gegründet. «Ich bin unschweizerisch ambitioniert», sagte der Sohn eines Engländers. Auch hier hatte Douglas zuerst Erfolg, lieferte eine Flotte von 1000 Verleihvelos nach Mainz und eine von 500 nach Kassel – unterstützt vom Bundesverkehrsministerium als Innovationsprojekte.

Beflügelt durch den Armeeauftrag, hat sich Philip Douglas verzettelt. Mit den Erfahrungen aus den ersten Pilotprojekten liess er eine integrierte Antriebskapsel entwickeln und patentieren, eine praktisch wartungsfreie Box aus Tretlager, Antriebsriemen und Hinterradnabe samt Generator und GPS-Sender für den Verleih. Darin hat er viel Zeit und Geld investiert. «Dem Sharingvelo steht in Europa eine gewaltige Zukunft bevor», sagt Douglas euphorisch.

Doch zwischendurch wirkt der kräftige Velopionier, der einst für seinen ruppigen Bikestil bekannt war, heute verunsichert. Die letzten beiden Jahre haben ihm zugesetzt, ihn wirtschaftlich und gesundheitlich ziemlich auf den Boden gedrückt. Mit der Velobility AG musste er im Dezember 2015 Konkurs anmelden. Er sei von Investoren hängen gelassen worden. «Ich war wohl zu früh und zu visionär», sagt er. Er sei immer weitergerannt und habe alle Erträge sofort wieder investiert. Verwalten und aufräumen mussten immer mehr die anderen. «Ich bin nicht kommerziell getrieben und kein Papiermensch.»

Für die Naben fehlt das Geld

Nach dem Armeeauftrag, «der knapp kalkuliert war und mich nicht reich machte», überliess Douglas die Führung der Erfolgsmarke Simpel einem Gründerkollegen und widmete sich seinen Träumen von grossen Mietflotten. Simpel liess er schlittern. Die Firma wechselte von Maschwanden in einen Veloladen nach Zürich, der sich seinerseits nach Bern davonmachte. Dann zügelte Simpel in die alte Sägerei nach Rifferswil. Jetzt sind irgendwo noch ein paar Rahmen gelagert, für den Bezug der teuren Naben von Rohloff und Shimano fehlte am Schluss das Geld. Rund zwanzig Kunden, so Douglas, hätten ihre im letzten Jahr bestellten und bezahlten Velos noch nicht erhalten. «Ich werde alles tun, um diese Velos auszuliefern», sagt Douglas, der sich wieder selber um Simpel kümmert.

«Ich war wohl zu früh und zu visionär.»Philip Douglas

Seit Freitag dürfen enttäuschte Kunden wieder hoffen. Douglas hat mit einer renommierten Zürcher Velofirma, die auch im Onlinebusiness tätig ist, einen Zusammenarbeitsvertrag unterschrieben. Zuerst will er die seit 2016 nicht mehr bewirtschaftete Website aktualisieren und seinen Fans reinen Wein einschenken. «Noch diesen Sommer», so verspricht er, sollen die Kunden dank der neuen Partnerschaft ihre bezahlten Velos erhalten. Für 2018 ist der Relaunch von Simpel geplant.

Jeder Schweizer ist Experte

Philip Douglas, der perfekt Englisch spricht, hat sich wieder aufgerappelt und wird auf den grossen europäischen Velokongressen als Experte für Bikesharing eingeladen. Seine Visionen zu einem florierenden Verleihsystem hat er nach dem Konkurs von Velobility in einer Auffanggesellschaft gebündelt. Seit kurzem bezieht Douglas wieder einen Lohn – aus New York. Und zwar von der grössten Velosharingfirma im englischsprachigen Raum. Seine Aufgabe ist es, in Europa ein Veloverleih­system aufzubauen und seine Erfahrungen auf Produktebene einzubringen.

«In China baut man dieses Jahr 30 Millionen Mietvelos», schwärmt Douglas. Doch er weiss: Die Schweiz ist ein hartes Pflaster. «Der gute öffentliche Verkehr ist die grösste Konkurrenz.» Zudem ist es in der Schweiz mit dem Velo wie mit Fussball und Schule: «Jeder ist Experte.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2017, 22:41 Uhr

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