Der Velomanager fährt in Zürich ein

Eric Fassbind hat in Zürich kürzlich sein drittes Hotel eröffnet. Der Hotelier aus Lausanne hat den Röstigraben überwunden – während eines Austauschjahrs mit seiner ganzen Familie.

Romand Eric Fassbind hat sich in die Stadt Zürich verliebt. Foto: Dominique Meienberg

Romand Eric Fassbind hat sich in die Stadt Zürich verliebt. Foto: Dominique Meienberg

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Der Mann hat Lachfalten an den Augen, redet offen, bestellt im Restaurant Neumarkt einen Apfelsaft. Den Treffpunkt hat sich Eric Fassbind ausgesucht, als einen von unzähligen Lieblingsorten in Zürich. Er habe über seine Liebe zur Stadt nachgedacht, wieso ihm Zürich so gut gefalle, fast besser als seine Heimat Lausanne, sagt Fassbind (51), Nachkomme einer altehrwürdigen Hoteliersfamilie. Bei der Erklärung holt er weit aus, erinnert sich an seine Jugend in Lausanne, als dort noch nichts und in Zürich so vieles los gewesen sei. Damals reiste er wegen der Rockmusik in die Stadt, feierte in der Roten Fabrik. Zürich, sagt er, sei wie das Licht im Dunkeln gewesen, das anderen Städten den Weg gezeigt habe. Ein Vorbild halt. Fassbind stützt die Ellbogen auf den Holztisch, faltet die Hände. Er schweigt kurz.

Nach der wilden Zeit in der Roten ­Fabrik nahm Fassbind Zürich jahrelang aber eher aus der Ferne wahr, von der anderen Seite des Röstigrabens. Er arbeitete in Madrid, Paris, Lausanne – bis 2012. An Silvester werweisste seine Familie gemeinsam über Vorsätze für das kommende Jahr. Irgendwann drehte sich das Gespräch um die Schulnoten der Söhne und dass diese dringend besser Deutsch lernen müssten – bis Eric Fassbind sagte: «Weshalb ziehen wir nicht für ein Jahr nach Zürich, als Familie ins Austauschjahr?»

Aus den Reben in die Stadt

Kurz darauf tauschten Fassbinds ihr Einfamilienhaus in der Nähe von Lausanne mit einer Stadtwohnung in Wipkingen – und tauchten ein Jahr lang ins Zürcher Quartierleben ein. «Das haben wir sehr genossen», sagt Fassbind. Sein älterer Sohn startete eine Ausbildung im Hotelfach, sein jüngerer besuchte das Gym­nasium, seine Frau behielt ihre Architekturaufträge in Lausanne.

Während des Austauschjahrs sei seine Liebe zu Zürich so richtig gewachsen und stark geworden, sagt Fassbind. Er mag die Stadt dafür, dass hier vieles weniger förmlich ist als in der Westschweiz. Wenn er in Wipkingen in den Bioladen gehe, würden alle Du sagen, in Lausanne sieze man sich. Und hier werde man freundlich empfangen, wenn man etwas machen wolle, und nicht zuerst misstrauisch beäugt.

Inzwischen lebt Eric Fassbind mit ­seiner Frau zwar wieder im Einfamilienhaus in den Rebbergen, aber seine Söhne sind in der Deutschschweiz. Einer lernt an der Hotelfachschule, der andere studiert an der Universität in St. Gallen – und auch Eric Fassbind ist häufig in Zürich. Sein Familienunternehmen besitzt nun drei Hotels in der Stadt, das Du Théâtre am Seilergraben, das Swiss Night in der Nähe des Kunsthauses und das Züri in der Nähe der Hardbrücke. Letzteres ist mit 167 Zimmern das grösste und jüngste Hotel, das die Familie in Zürich eröffnet hat. Es war früher das Hotel Senator, ein gräulicher 70er-Jahre-Block mit blauen Balkonen. Seit Ende März ist es das Züri, hat eine dunklere Fassade, renovierte Zimmer, alles im Design des bekannten Zürcher Architekturbüros Gigon & Guyer. Insgesamt führt Fassbind somit sechs Hotels, drei in Lausanne, drei in Zürich.

Zwischen den Zürcher Häusern fährt der Hotelier auf seinem hellgelben Citybike hin und her. Dieses hat er auch gegenüber dem Neumarkt abgestellt. Für seine Art, sich von einem Betrieb zum anderen zu bewegen, bezeichnen ihn die Westschweizer Medien als «Velomanager». Fassbind selbst sieht im Velo ein Symbol für seinen Charakter. «Ich bin kein Luxusmensch.» Sonst würde er sich eher mit dem Auto vom einen zum anderen Ort chauffieren lassen. Auch seine Hotels gehören nicht ins Luxus­segment. Es sind alles Drei- oder Viersternhäuser. Er müsse von seinem Geschäft leben können, sagt Fassbind. Das funktioniere zurzeit. Fünfsternhotels seien dafür aber nicht geeignet. «Sie taugen höchstens als Trophäe für reiche Menschen.» Im letzten Jahr hat sein ­Familienunternehmen einen Umsatz von 27 Millionen Franken erwirtschaftet. Allein die Renovation des Züri hat 25 Millionen Franken gekostet.

Kleine, verschlossene Gruppe

In der Branche gilt das Unternehmen der Fassbinds als kleine, verschlossene Hotelgruppe. Kenner nennen sie im ­selben Zug wie die Zürcher Manz- oder Candrian-Gruppe. Es sind solide Gastrounternehmen, die für sich schauen und wirtschaften. Tatsächlich sind die Fassbinds eine alte Hoteliersfamilie, die ­ursprünglich aus der Innerschweiz stammt. Inzwischen führt Eric Fassbind Hotels in Lausanne und Zürich, sein Bruder welche in Genf und Bern.

Obwohl sich Eric Fassbind in Zürich freundlich aufgenommen fühlt, halten sich die hiesigen Hoteliers mit Aussagen zurück. Von offizieller Seite mag sich keiner über den fröhlichen Neuzuzüger aus der Westschweiz äussern. Selbst ­Zürich Tourismus, als höchste Stadtlobby, lässt nur verlauten: Man wolle nichts zur Fassbind-Gruppe sagen. Weshalb die Hoteliers etwas verstimmt sind, hört man nur hinter vorgehaltener Hand. Fassbind sei kein Mitglied des Hotelier-Vereins und mache bei ihnen nicht mit, heisst es. Trotzdem ziehe er bei den Gästen die Übernachtungstaxe ein.

Die Kritik bringt den Hotelier ins ­Grübeln. Zum ersten Mal während des Gesprächs runzelt er die Stirn, schaut ernst. Er sagt, es sei auch niemand von Zürich Tourismus auf ihn zugekommen und habe ihm angeboten, mitzumachen. Er sei bereits Mitglied bei Gastrosuisse, dem anderen grossen Branchenverband, und wolle deshalb nicht zum ­Hotelier-Verein. Und die Taxe erhebe er, weil das auf Online-Buchungsplatt­formen gar nicht anders möglich sei. Nun will er sich bei Zürich Tourismus über ein Mitwirken erkundigen.

In einem Punkt stimmt Eric Fassbind den Zürcher Branchenvertretern zu: Er geht seinen eigenen Weg. Fassbind sagt charmant: «Dann schau ich auf mich und nicht so sehr auf andere.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2017, 20:48 Uhr

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