Der vergessene Prunksaal

Seit Jahrzehnten dämmert im Innern des Zeughauses mitten in Zürich ein extravaganter Saal vor sich hin. Obwohl sich immer wieder Interessenten melden, kann er nicht vermietet werden.

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Die meisten Fussgänger beschleunigen ihre Schritte, wenn sie durch die oft übel riechende Passage zwischen Kasernenareal und Zeughaushof gehen. Es ist kein Ort zum Verweilen. Dabei verbirgt sich hinter der maroden Fassade der Zeughäuser 3 und 4 ein Prunkstück längst vergangener Tage: der fürs zwinglianische Zürich geradezu extravagante Waffensaal. Ein Repräsentationsort der Extraklasse, ein Schmuckstück der Stadt.

Hier, just oberhalb des ungastlichen Durchgangs, kamen Ende des 19. Jahrhunderts die noblen und herrschaftlichen Gäste Zürichs zusammen, um das stattliche Arsenal an Rüstungen, Hellebarden, Speeren, Kanonen und anderen Kriegsmaterialien zu bewundern.

Zwei riesige Treppenaufgänge zum Saal

Heute gelangt man durch einen Seiteneingang in das Gebäude und muss sich einen Weg bahnen durch allerlei ausrangierte Gegenstände der Verwaltung. Ein beissender Uringeruch nimmt einen im Parterre in Empfang, der durch das Gemäuer hindurch aus der Passage bis in die gut verriegelten Räume dringt. Die meterhohen, gewölbten Fenster im Erdgeschoss sind mit Brettern verbarrikadiert. In den oberen Etagen hat man hierzu transparente Kunststoffplatten verwendet, damit wenigstens ein bisschen Tageslicht in die Räume gelangt.

Im Dämmerlicht lassen sich die Dimensionen des Aufgangs in den Waffensaal ausmachen. Ein grosszügiger Treppenlauf öffnet sich auf einem Absatz nach zwei Seiten hin, von wo aus man in einen gewaltigen Vorraum gelangt. In den Wänden sind Nischen eingebaut, in denen früher mit rotem Stoff hinterlegt die Waffen und Rüstungen aufgestellt waren.

Grosszügige Raumgestaltung: Der Treppenaufgang zum Waffensaal (Bild: Doris Fanconi)

Jetzt blecken die nackten Steinwände aus den gebogenen Aussparungen. Eine Notmassnahme, welche die kantonale Denkmalpflege vor rund zehn Jahren vorgenommen hat. Damals liess sie im Rahmen einer rudimentären Sanierung die Stoffbespannungen von den Wänden entfernen, um weiteren Schäden durch Schimmelpilz vorzubeugen.

Allein der Umstand, dass gleich zwei dieser Treppenaufgänge zum Waffensaal führen – in gespiegelter Form rechts und links der Passage zum Zeughaushof –, lässt einen den Pomp erahnen, mit dem die militärische Schlagkraft Zürichs den Gästen aus dem In- und Ausland zur Schau gestellt wurde.

Schweizer Helden und Munition

Selbstverständlich hat man auch im Waffensaal selbst geprotzt. Durch sechs riesige Rundbogenfenster dringt das Licht in den fast zehn Meter hohen Raum, dessen Kreuzgewölbe auf vier Säulen ruht. Die Farben an den Wänden stammen aus den 60er-Jahren des vorletzten Jahrhunderts. Auf Deckenkassetten sind Schweizer Helden wie Tell oder Winkelried dargestellt – gepaart mit dem Konterfei des ersten verbrieften Bürgermeisters der Stadt Zürich, Rudolf Brun.

Doch die goldenen Zeiten des Repräsentationssaals währten nur rund 30 Jahre. Mit der Eröffnung des Landesmuseums im Jahr 1899 wurde die Waffensammlung dorthin überführt. Danach nutzte das Militär die leer stehenden Räume mit ihrer stattlichen Gesamtfläche von 480 Quadratmetern als Munitionslager. Unzimperlich wurden Wände herausgeschlagen und ein Warenlift eingebaut. Noch heute sind die Überreste dieser martialischen Zwischennutzung zu sehen, die nach dem Zweiten Weltkrieg endete.

Sanierung «sehr dringlich»

Seither liegen die Säle in einem Dornröschenschlaf. Obwohl der Waffensaal auf der Liste der Zürcher Kulturgüter von nationaler und regionaler Bedeutung aufgeführt ist und unter Schutz steht, befindet er sich in einem sehr schlechten Zustand.

Eine Sanierung wurde bereits in einem ersten Nutzungskonzept für die Zeughäuser aus dem Jahr 2000 als «sehr dringlich» eingestuft. Damals hat die eingesetzte Arbeitsgruppe mit rund 14 Millionen Franken Investitionskosten für die Instandsetzung der Räume gerechnet. Dieser Betrag dürfte inzwischen um einiges höher sein, denn der Zahn der Zeit nagt unerbittlich an Gemäuer und Innenausbau.

In sehr schlechtem Zustand: Gemäuer und Innenausbau des Waffensaals. (Bild: Doris Fanconi)

Doch solange die Gespräche zwischen Kanton und Stadt Zürich über eine allfällige Übernahme der Zeughäuser im Baurecht laufen, werden gemäss Markus Pfanner, Sprecher der Baudirektion Kanton Zürich, keine Massnahmen getroffen. Dabei wäre das Interesse an einer Neunutzung des Saals durchaus vorhanden. Wie Pfanner sagt, gehen immer wieder Anfragen von Interessenten ein. Der Waffensaal sei derzeit aber nicht vermietbar. «Zuerst müsste er umfassend saniert werden. Diese Pflicht der Instandsetzung muss der Eigentümer selbst erfüllen. Er kann sie nicht auf einen potenziellen Vermieter überwälzen.»

Es bleibt also abzuwarten, ob die Stadt dereinst die Zeughäuser übernehmen wird. Diese Verhandlungen werden voraussichtlich Ende Jahr abgeschlossen sein. Bis dahin schlummert der Prunksaal weiter vor sich hin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2015, 11:00 Uhr

Die militärischen Anlagen von Zürich

Bis in die 1860er-Jahre waren die militärischen Anlagen des Kantons Zürich über die ganze Stadt verteilt. Die Kaserne befand sich im Talacker, Zeughäuser beim Paradeplatz und im Gebiet der unteren Bahnhofstrasse. Mit der Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848 ging auch eine Modernisierung der Armee einher. Es fand eine Zentralisierung des Militärwesens statt.

Nach dem Rückbau der ehemaligen Festungsanlage Schanzengraben wurde mit der Konzeption und dem Bau einer neuen Militäranlage begonnen. Der Kanton Zürich hat damals das heutige Kasernenareal auf dem Gemeindegebiet Aussersihl im Tausch gegen die Zeughäuser in der Innenstadt erworben. Mit dem Bau der Zeughäuser auf der anderen Seite der Sihl – sie wurden zusammen mit der Reithalle bereits zwischen 1864 und 1869 errichtet, die Kaserne wurde erst ab 1871 erbaut – erfolgte ein eigentlicher Sprung aus der Stadt hinaus über die Sihl. Herzstück der Zeughausanlage war der alte Waffensaal.

Ende 1876 war die Militärkaserne fertiggestellt. 1925 erfolgten eine Aufstockung und eine Verlängerung des südwestlichen Flügels. Seit 1900 flankiert die Polizeikaserne das Gebäude. Als flussüberspannendes Bauensemble aus Reithalle, Militärkaserne und Zeughaus inklusive Brücke, die noch heute in ihrer ursprünglichen Form besteht, war und ist die Anlage absolut einmalig in Zürich. (tif)

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