Der verlängerte Arm der Scientology

Die umstrittene Kirche hat ihre Präsenz auf Zürcher Strassen deutlich erhöht. Sie nutzt dabei ihr vielfältiges Netzwerk von «Tarnvereinen». 

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Die Schaltzentrale der Zürcher Scientology ist in einem unscheinbaren Gebäude mitten in Albisrieden untergebracht – in einer dieser Gegenden, die sich nicht entscheiden können, ob sie Industrie oder Wohngebiet sein wollen. Wer die Scientology-Kirche betritt, passiert erst ein Büro, das den bürokratischen Charme der 50er-Jahre versprüht – Tabu­zone für Unbefugte, reserviert für einen Toten: L. Ron Hubbard, Scientology-Gründer. Hubbard verstarb im Jahr 1986.

Beim Empfang lächelt die Dame: «Willkommen bei Scientology. Was kann ich für Sie tun?» Neben ihr läuft auf einem Bildschirm Scientology-TV. Der Sender wurde im März ins Leben gerufen, um der Organisation weiteren Aufschwung zu verleihen. Links vom Empfang führt der Weg in einen nüchternen, abgedunkelten Nebenraum. Hier sitzt Jürg Stettler in einem schwarzen Lederstuhl.

«Es läuft gut», sagt der Präsident der Scientology-Kirche Zürich. Er ist seit über 40 Jahren Mitglied, war einst Präsident von Scientology Deutschland und ist eine der bekanntesten Scientology-Figuren im deutschsprachigen Raum. «Wir wachsen zurzeit im einstelligen prozentualen Bereich.» Die Zürcher Gemeinde ist mit knapp 1300 praktizierenden Scientologen die grösste in der Schweiz.

Viel mehr Standaktionen

Im öffentlichen Raum ist Scientology viel präsenter als auch schon, die Zahl der von der Stadt Zürich bewilligten Standaktionen ist deutlich gestiegen. 2015 waren es 25 Standaktionen, 2017 waren es mit 58 mehr als doppelt so viele. 2018 dürften es ähnlich viele werden. Von den religiö­sen Akteuren, die bei der Stadtpolizei Bewilligungen erhalten, ist die Scientology die aktivste, vor den Zeugen Jehovas und einer Einzelperson M., deren Identität die Zürcher Polizei jedoch nicht preisgibt.

48 Standaktionen stehen ei­ner Organisation pro Jahr zu: 24 in der Innenstadt (Kreis 1), 24 weitere in anderen Stadtkreisen. Um das Kontingent übertreffen zu können, bedient sich Sciento­logy eines Tricks: Die Kirche stellt die Gesuche im Namen mehrerer Ver­eine. «Wir betrachten jeden Verein als eigenen Gesuchsteller, entsprechend werden die Gesuche auch gesondert geprüft», sagt Mathias Ninck, Sprecher des Sicherheitsdepartements.

Stettler: «Die kontroversen Zeiten sind vorbei»

«Wir sind in der Gesellschaft angekommen», sagt Stettler, «die heissen kontroversen Zeiten sind vorbei.» In den 80er- und 90er-Jahren griffen Kritiker die selbsternannte Religion fast wöchentlich als manipula­tive Sekte oder Geldmacherkonzern an. Andere attackierte Organisationen, wie Hare Krishna oder der VPM, sind in Zürich entweder ganz verschwunden oder bedeutungslos geworden. Die Scientology hingegen zeigt nicht nur Präsenz, sie wächst und bewegt sich mit ih­ren Vereinen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen.

Die Vereine sind Teil des dichten Netzwerks. Ihre Ableger heissen «Sag Nein zu Drogen, sag Ja zum Leben», «Jugend für Menschenrechte» oder «Weg zum Glücklichsein» und sprechen ein junges Publikum an. Auf den ersten Blick haben ihre Aktivitäten nichts mit Scientology zu tun. Auf den Websites der Vereine wird die Kirche lediglich im Kleingedruckten erwähnt, oder ein Hinweis fehlt gar gänzlich.

«Weg zum Glücklichsein»

Meist engagieren sich die Organisationen karitativ oder in der Drogenprävention. Etwa der Verein «Weg zum Glücklichsein», der regelmässig zu «Säuberungs­aktionen» aufruft: Zumeist Kinder und Jugendliche befreien verschmutzte Landschaften von Abfall. Rechtlich sind die Vereine von ihrer Mutterorganisation losgelöst. Ihre Mitglieder seien dennoch meist praktizierende Scientologen, die so L. Ron Hubbards Lehre auf Umwegen an potenzielle Mitglieder herantrügen, sagt Manfred Harrer von der gewaltfreien Aktion gegen Scientology. «Es handelt sich um Tarnorganisationen der Scientology.» So gelingt es den Vereinen, Personen zu erreichen, die der Name Scientology abschreckt.

Narconon etwa, ein Verein, der zu einer drogenfreien Gesellschaft aufruft und weltweit Drogenrehabilitationszentren betreibt, führt Referate an Schulen durch, in denen ehemalige Drogenabhängige von ihrem Kampf gegen die Drogen berichten. In Marthalen ZH trat der Verein gleich mehrfach auf. Die Schulleiterin zeigt sich auf Anfrage überrascht: Man habe nicht gewusst, dass Scientology dahinter­stehe – «sonst hätten wir das Angebot auf keinen Fall gebucht». Scientology-Propaganda habe Narconon aber keine betrieben.

Manfred Harrer warnt, Scientology gehe mit den Vereinen auf Mitgliederfang. «Scientology-Aussteiger haben mir bestätigt, dass die Sekte Personen systematisch kontaktiert, um sie als Mitglieder anzuwerben.» Dazu hätten sie Adressen und Telefonnummern verwendet, die durch die Vereine gesammelt wurden.

«Wenn die Verbindung zu Scientology verneint wird, ist das einfach nicht korrekt.»Susanne Schaaf

Susanne Schaaf, Geschäfts­lei­terin der Informationsstelle Info­sekta, sieht ebenfalls enge Verflechtungen zwischen Sciento­logy und den Vereinen: «Wenn die Verbindung zu Scientology verneint wird, ist das einfach nicht korrekt.» So seien der Info­sekta etwa Fälle von Drogenabhängigen bekannt, die bei einem Narconon-Entzugsprogramm in Italien mit Hubbards Lehre bearbeitet worden seien.

Jürg Stettler, der Präsident der Scientology-Kirche Zürich, bestreitet das vehement. Er habe mit Journalisten eine Wette am Laufen: «Man sollte mir nur ein Mitglied nennen, das den Weg über einen der Vereine zu Scientology gefunden hat. Bis heute hat keiner einen Beweis geliefert.» Auf die Mitgliederdaten der einzelnen Vereine habe Scientology keinen Zugriff.

Liberale Haltung in Zürich

In Zürich fühlt sich die Kirche wohl. Auch weil sie hier auf weniger Widerstand trifft als in anderen Kantonen. Wie etwa in Basel, der zweitgrössten Gemeinde. Nach Reklamationen hatte der Regierungsrat 2007 Auftrit­te von der Kirche nahestehen­den Ver­einen stark eingeschränkt. Oder in Luzern, wo der Regierungsrat der Zielschule die Bewilligung verweigerte. Die Privatschule, die unter anderem auf der Lehre von L. Ron Hubbard aufbaut, hat ihren Standort seit einem Jahr in Ottenbach ZH – staatlich anerkannt durch die Bildungsdirektion.

Im obersten Stock der Scientology-Kirche in Albisrieden führt Stettler durch die Auditing-Räume und erklärt das E-Meter. Das umstrittene Gerät soll Änderungen des elektrischen Widerstands im Körper sichtbar machen. Negative Blockaden würden so aufgespürt, um sie dann mit dem Auditor zu besprechen und zu beseitigen. «Die Me­thode bewährt sich seit Jahrzehnten und ist wichtiger Bestandteil der spirituellen Beratung», so Stettler. Während das E-Meter ausschlägt, verrät er seine Vision: Eine Ideal Org für Zürich, eine Art repräsentatives Musterzentrum, wie es seit drei Jahren in Basel existiert. «Wir suchen nach einem geeigneten Grundstück», sagt Stettler.

Nach 42 Jahren soll es für die Scientology in Zürich erst richtig losgehen.

Grafik vergrössern (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2018, 20:57 Uhr

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