Der Verwandlungskünstler

Heute wird Zürichs Durchmesserlinie gefeiert. Die Geschichte zeigt, dass der Hauptbahnhof Zürich samt Beiwerk eigentlich permanent neu Gestalt annimmt.

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Heute sammeln sich in Zürich die Spitzen von SBB, Verwaltung und Politik. Ein Extrazug fährt sie nach Altstetten; dort soll die neue Durchmesserlinie samt Zubringerbrücken und dem bereits eröffneten unterirdischen Bahnhof Löwen­strasse im HB gefeiert werden.

Wieder einmal ist es vollbracht: ­Zürichs Bahnhof ist neu erfunden.

Den permanenten Wandel dieses öffent­lichen Baus zeigt in Wort und Bild das neue Buch «Hauptbahnhof Zürich». Architekturjournalist Werner Huber führt vor, wie der Bahnhof alle zwei, drei Jahrzehnte nicht mehr genügte, weil die Bedürfnisse rapide änderten.

Visionäre arbeiteten sich jeweils an der Neuprojektierung ab, entwarfen 21-stöckige Hochhäuser, sechseckige Gebäude­formen und so weiter, um bisweilen vor der Kraft des Faktischen zu kapitulieren; oft blieb am Ende, was schon war. Etwa die Wannerhalle, benannt nach Architekt Jakob Friedrich Wanner. Nie für ewig gedacht, hat sie ­sinistre Planspiele überlebt. Hier nun 13 Aperçus der letzten fast 170 Jahre Bahnhofsgeschichte aus Hubers formidablem Buch.

1847
Ein Bahnhof, zwei Hallen
Am 7. August 1847 fährt in Zürich der erste Zug ein, die Spanischbrötlibahn aus Baden. Die Aargauer Delegation wird im mit Zierpflanzen geschmückten Wartsaal begrüsst. Der Bahnhof von damals ahmt die Posthöfe nach, in denen die Postkutschen halten; er hat einen Zaun. Für Ankunft und Abfahrt gibt es separate Perronhallen. In jeder sind zwei Gleise verlegt. Dazu kommt in der Mitte ein ungedecktes Rangierperron.

1850er-Jahre
Neubau am Paradeplatz?
Der erste Bahnhof genügt bald nicht mehr. Die Schweizerische Nordostbahn von Alfred Escher überlegt sich einen Neubau am See dort, wo die Schiffe landen, oder am Paradeplatz, wo mit dem Posthof ebenfalls ein Verkehrszentrum liegt – die frühe Bahn ist Juniorpartnerin älterer Transportarten. Am Ende bleibt es beim bestehenden Standort.

Um 1870
Wanner stürzt in den Keller
Die Eröffnung des neuen Bahnhofs verzögert sich: Eine Choleraepidemie rafft Arbeiter hinweg, Architekt Wanner stürzt auf dem Bauareal in den Keller und bricht sich das Bein, der Deutsch-Französische Krieg bricht aus. 1871 ist es doch so weit. Prunkstück ist die Halle, die bis heute besteht; damals führen aber noch Schienen hinein (siehe Foto).

1880
Bahnhofstrasse fürs Business
Den Prachtbahnhof mit dem See ver­binden: Das ist die Vision der von Paris berauschten Stadtplaner. Würde man die neue Strasse als Gerade rechtwinklig von der Bahnhofhalle ableiten, liesse sie den Paradeplatz links liegen und zielte am See vorbei in die Enge – man verpasst der Bahnhofstrasse also zwei Knicke. Die meisten Bauherren sehen in ihr eine Wohnstrasse, das Quartier bekommt ein Schulhaus. Erst um 1880 etabliert sie sich als Geschäftsstrasse.

1893
Geburt des Hauptbahnhofs
Durch die Eingemeindung von 1893 kommt Zürich zu neuen Bahnhöfen: Wiedikon, Enge, Letten, Stadelhofen, Tiefenbrunnen, Selnau. Der bestehende wird nun «Hauptbahnhof» genannt.

1907
Wer kennt Vicaris Figuren?
Um 1900 wird der HB umgebaut. An der Ostfassade platziert Bildhauer Cristoforo Vicari wenige Jahre nach dem Umbau 1907 eine Doppelskulptur: sitzende Figuren, die den Maschinenbau (Mann) und die Technik (Frau) darstellen. Wer von den heutigen Vorbeihastern hat sie vom Bahnhofquai aus schon betrachtet?

1923
Primus Bon übernimmt
Die Bons: eine Bündner Hoteldynastie, eng verbunden etwa mit dem «Suvretta House» in St. Moritz. 1923 übernimmt Primus Bon im HB Zürich das Buffet mit Räumen erster, zweiter, dritter Klasse. Er baut um und aus, im Nordtrakt der Wannerhalle entsteht die allseits beliebte «Kaffee- und Küchliwirtschaft». Bon führt zeitweise den grössten Restaurationsbetrieb Europas. Mitte Fünfzigerjahre übergibt er an Schwiegersohn ­Rudolf Candrian; die Candrians prägen bis heute die Bahnhofsgastronomie.

1930
Die führerlose U-Bahn
Die 1930 fertiggestellte Sihlpost ist ein Wunder ihrer Zeit. Ein Posttunnel zieht sich unter den Gleisen. Die Brief- und Paketsortierung ist hoch mechanisiert, unter den Decken hängt eine Ringbahn, deren Holzkästen jeweils zehn Kilo Briefe oder Pakete tragen können. Und eine führerlose U-Bahn führt hinüber zum Postbüro im Hauptbahnhof.

1958
Kinobesuch im Bahnhof
In der Wannerhalle öffnet 1958, auf Stahlstützen schwebend, das Bahnhofskino, Motto «1 Stunde Aktualität und Kurzweil». Durch Fenster blickt man vom Foyer aus auf die Reisenden.

1963
Der Kennedy-Stau
1990, im Jahr des S-Bahn-Starts, fahren die Züge vom Uetliberg und aus dem Sihltal ab Selnau durch den neuen Tunnel in den HB; zuvor war bei der Selnau Endstation. Den Arbeiten am Tunnel fällt am Bahnhofplatz das Haus Habis-Royal zum Opfer. Ein Schriftband aus Glühbirnen bietet dort Nachrichten nonstop. Als 1963 John F. Kennedys Ermordung gemeldet wird, bricht der Verkehr auf dem Platz zusammen.

1970
Rolltreppe kann stressen
1970 öffnet die Bahnhofpassage «Shop-Ville». Der Bahnhofplatz gehört nun ganz dem Verkehr, erst 1992 kann man ihn wieder zu Fuss queren. Die Rolltreppen in den Untergrund sind ungewohnt und machen Alten Mühe. Die «Schweizer Illustrierte» erklärt, was eine Rolltreppe ist und wie man auf ihr fährt.

Vor 1989
Der Eistrick
1989 wird der Tunnel für die S-Bahn vom HB zum Stadelhofen eröffnet. Er unterquert die Limmat, bei den Bauarbeiten arbeitete man mit einem Trick: Man fror den Boden ein und trieb den Tunnel unter dem stabilen Eisgewölbe vor.

2014
Tod eines Flügelbahnhofs
2002 entsteht als entlastendes Provisorium bei der Sihlpost ein Flügelbahnhof. Samt Kaffeebar, Kiosk, WCs. Nach der Eröffnung der Durchmesserlinie wird er 2014 abgebrochen – noch so ein «Weisst du noch»-Stoff vom HB Zürich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2015, 19:24 Uhr

* Werner Huber, «Hauptbahnhof Zürich». Scheidegger & Spiess, 240 S., 69 Fr.

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