Der weltberühmte Wiediker

Der stille Schaffer Köbi Kuhn hatte sich in seinen letzten Jahren zunehmend zurückgezogen. Sein Lebensmittelpunkt blieb dabei stets Wiedikon.

Köbi und Alice Kuhn in einer Aufnahme von 1969. Mit ihr war er von 1965 bis zu ihrem Tod 2014 verheiratet. Foto: RDB, Ullstein, Getty Images

Köbi und Alice Kuhn in einer Aufnahme von 1969. Mit ihr war er von 1965 bis zu ihrem Tod 2014 verheiratet. Foto: RDB, Ullstein, Getty Images

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So schillernd seine Karriere war, so still war sein Ende. Spaziergänge mit seinen Hunden durchs Quartier oberhalb von Birmensdorf. Das Pflegen des Teichs seiner zweiten Frau Jadwiga Cervoni, der direkt vor dem Haus liegt, in dem er am Schluss wohnte. Die Enten und die Fische füttern. Gelegentlich einen Schwatz halten mit seinen Nachbarn Erich und Heidi Karpf, die in der Wohnung neben Kuhns Haus in Winkdistanz lebten. Doch selbst das sei im letzten Jahr weniger geworden, sagt Heidi Karpf nach dem Tod von Köbi Kuhn.

«Er hat sich in letzter Zeit ­zurückgezogen», sagt auch ihr Mann, Erich Karpf. Das Ehepaar stand Kuhn so nahe wie niemand sonst in diesem ruhigen Quartier, in dem man keinen intensiven Kontakt mit den Nachbarn pflegt, wie es eine Frau auf der Strasse sagt. Sich aber freundlich begegne. Insbesondere, wenn einer wie Köbi Kuhn den Weg kreuzt. Man habe ihn stets respektvoll mit «Herr Kuhn» angesprochen.

«Ich habe Köbi jeweils am Teich angetroffen», sagt Heidi Karpf. Und als er noch fit war, noch nicht so gezeichnet von seiner Krankheit, kam es vor, dass man gegen Mittag schon «in den Apéro ging». Ein Bier trinken bei ihr auf dem Balkon. Manchmal habe man auch abends zusammen grilliert, wie Erich Karpf erzählt. Doch über den Verlust seiner Frau Alice und seiner Tochter Viviane gesprochen habe man dabei nicht. Auch nicht über seine Krankheit.

Von der Frau umsorgt

Heidi und Erich Karpf waren froh, als Köbi Kuhn nach dem Tod von Alice nochmals heiratete. Die jüngere Frau Jadwiga Cervoni habe sich um Köbi Kuhn gekümmert. Manchmal habe sie angerufen, wenn er bei ihnen am Nachmittag beim «Apéro» war. Er müsse etwas schlafen, bevor er am Abend das Spiel schaue. Was er auch getan habe. Er habe jemanden gebraucht, der sich um ihn kümmere, der ihn umsorge, sagen die Karpfs. «Er brauchte diese Energie einer Frau, so war auch Alice. Er selber war fast zu gutmütig», sagt Erich Karpf.

Kuhns Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft zeigten sich auch, als seine Frau Alice krank wurde und die Spitex mehrmals pro Woche beim Ehepaar Kuhn ein und aus ging. Dann sind seine Besuche im Restaurant Leuen, etwas oberhalb seines Wohnortes, wo er Stammgast war, häufiger geworden. «Er hat den Ausgleich gebraucht», sagt Hans-Jörg Bernegger, der Wirt des Leuen. Oft ist er nach den Spitalbesuchen eingekehrt. «Es war eine intensive Zeit», sagt Bernegger. Doch sei Kuhn immer positiv geblieben. Er sei eben ein Kämpfer gewesen, das wusste man.

Der Schriftsteller Michael Lütscher hat eine Klub- und Sozialgeschichte des FC Zürich verfasst. Welche Erinnerungen ihm von Köbi Kuhn bleiben, erzählt er im Video. Video: Lea Blum

Am liebsten sei Kuhn vor den Heimspielen «seines» FCZ im Restaurant eingekehrt, dann, wenn die ganze Mannschaft sich hier versammelt. Köbi Kuhn begrüsste alle Spieler. «Er war ein Mann der Leute, ihm war egal, wer ihn ansprach, er behandelte alle Leute mit Respekt», sagt ­Bernegger. Zwei Tage nach seinem Tod ist auf der Titelseite der im Leuen ausgelegten Zeitung zu lesen: «Köbi National ist tot».

«Zürich ist stolz, dass er von Zürich ist. Und Wiedikon ist stolz, dass er ein Wiediker ist.»Benjamin Styger,
Initiant Köbi-Kuhn-Platz

Für Kuhns unbeirrbar bodenständige Art sprachen auch seine Besuche in der Calvados-Bar im Kreis 3, wo er manchmal ein Fussballspiel schaute. Ganz in der Nähe war Kuhn aufgewachsen, in Wiedikon verbrachte er den Grossteil seines Lebens. Und er gehörte hier hin. «Er war einfach da, wie ein ganz normaler Gast», sagt Barchefin Patricia Rey. Auch die anderen Gäste seien nicht hibbelig geworden, wenn er das Lokal betrat, und wegen Autogrammen habe ihn nie jemand bestürmt.

Nur einmal, da sei sie selbst etwas in Aufregung geraten, als er ins Calvados kam, erzählt Rey. Kurz vor seinem Besuch hatten die Betreiber die Bar etwas renoviert und dabei ein Wandbild malen lassen von Kuhn. Als er zufällig vorbeikam, wollte Rey ihm das Bild zeigen. Kuhn habe sich sehr über die Würdigung gefreut, sagt sie. Und umringt von Bargästen habe er vom damaligen Spiel erzählt; es war der Cupfinal gegen Basel, den er mit dem FCZ gewann. Eigentlich dachten die Fussballfans vom Calvados, das Bild zeige ihn mit dem Siegeskopfball. Das stimme aber nicht, korrigierte sie Kuhn. Nach der Szene sei kein Tor gefallen.

«Er war einfach da, wie ein normaler Gast»: Chefin der Sportsbar Calvados, Patricia Rey, vor dem Wandbild. Bild: Andrea Zahler

«Oft hat man nicht bemerkt, was für ein Held Köbi in der Fussballwelt war», sagt Gusti Lenart. Er hat Kuhn über viele Jahre hinweg begleitet. Als Assistenztrainer beim FCZ hat Lenart ihn zum Rennen motiviert, später haben sie sich angefreundet. «Köbi brauchte keine grossen Töne. Er hat als Sportler überzeugt», sagt Lenart.

Zürich treu geblieben

Stadtpräsidentin Corine Mauch nennt ihn einen «Weltklassespieler». Seine Verbundenheit zu Zürich sieht sie darin, dass er «trotz Lockrufen als aktiver Fussballer ausschliesslich für zwei Vereine spielte: den FC Wiedikon und den FC Zürich». Er fühlte sich hier wohl einfach zu Hause, sagt sie. Auch Mauch hat ihn kennen gelernt, wie alle ihn beschreiben: «als freundlichen, bescheidenen Menschen».

Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch über den verstorbenen Köbi Kuhn, den «Köbi National». Video: Lea Blum

«Einen von uns», nennt ihn Benjamin Styger. Der ehemalige TeleZüri-Journalist hat in Wiedikon den Köbi-Kuhn-Platz initiiert, in der Nähe, wo Kuhn lange lebte. Einige Menschen haben dort nach der Todesnachricht Blumen hingelegt. Zurzeit ist der Platz noch nicht offiziell nach dem Ex-Natitrainer benannt. Styger will das ändern und beantragt bei der Stadt, dass Kuhn seinen Platz definitiv erhält – und gewürdigt wird. Styger sagt: «Zürich ist stolz, dass er von Zürich ist. Und Wiedikon ist stolz, dass er ein Wiediker ist.»

Benjamin Styger ist ehemaliger Tele-Züri-Journalist und liess zu Ehren von Köbi Kuhn einen Platz nach ihm benennen. Video: Lea Blum

Im Ortsmuseum gab es deshalb auch eine Ausstellung über den berühmtesten Wiediker. Peter Bichsel, Zürcher Antiquar und Vorstandsmitglied des Museums, erinnert sich besonders an den Eröffnungsanlass. Während bei normalen Ausstellungen meist ein kleiner Kreis von Bekannten zu Gast ist, kamen bei Köbi Kuhn auch die Medien vorbei. Doch im Blitzlichtgewitter stand an jenem Abend vor etwas über zehn Jahren nicht Köbi Kuhn, sondern hauptsächlich seine damalige Frau Alice. Nach vielen Wochen der Krankheit war sie zum ersten Mal wieder unterwegs mit ihm, weshalb sogar die Peoplesendung «Glanz & Gloria» zur Vernissage kam. Während die Medien Alice Kuhn interviewten, stand Köbi Kuhn still daneben.

Erstellt: 27.11.2019, 22:06 Uhr

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