Der Widder forderte Theus heraus

In neun Monaten sind Widder-Bar und Widder-Restaurant umgebaut worden. Für die Architektin Tilla Theus war das ein Hürdenlauf, bei dem es zu einer kuriosen Situation mit der Denkmalpflege kam.

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Tilla Theus ist im roten Hosenanzug farblich bestens auf die Umgebung abgestimmt. Die Architektin steht in der von ihr und ihrem Team umgestalteten Widder-Bar unweit des Rennwegs in der Zürcher Altstadt. Sie selbst war es, welche vor einem Vierteljahrhundert die acht denkmalgeschützten mittelalterlichen Gebäude zu einem Luxushotel umbaute. Bauherrin und Eigentümerin der Liegenschaften ist die UBS. «Ich musste also mich selbst neu denken», sagt Theus.

Der Umbau des Widders verlangte ihr und ihrem Team alles ab. «Es war wirklich ein komplizierter und hürdenreicher Prozess.» Die «eingezürcherte» Bündnerin, die unter anderem das Fifa-Gebäude und das Gipfelrestaurant Weisshorn in Arosa entworfen hat, baut leidenschaftlich gern historische Gebäude um: «Ich will unbedingt, dass diese Häuser echt bleiben.» Was nicht bedeutet, dass sie möglichst alles beim Alten lässt. Theus hat den Mut zur Interpretation eines Gebäudes. Und sie steht dem dickschädligen Widder in gar nichts nach, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat.

Am Anfang des Widder-Umbaus stand ein Glücksfall in Form der vor zwei Jahren in Kraft getretenen neuen Brandschutzauflagen. Sie verlängerten unter gewissen Bedingungen den Fluchtweg von einst 20 auf 35 Meter. «Der Zugang zu Bar und Restaurant war bisher un­befriedigend, weil ich das Treppenhaus wegen seiner Funktion als Fluchtweg nicht öffnen konnte», erklärt Theus. «Nun schien der ewige Traum des direkten Zugangs zur Bar möglich.» Doch hatte da die Denkmalpflege mitzureden. Und diese winkte vorerst ab.

Theus stand sich selbst im Weg

Die Trennwand darf nicht raus, entschied die Denkmalpflege. Denn eine dendrochronologische Untersuchung eines Eichenbalkens hatte ergeben, dass dieser aus der mittelalterlichen Substanz des Hauses stammt. Nur: Theus hatte vor 25 Jahren diesen Balken selbst verbaut – «ich hatte ihn damals aus dem Hotelzimmer 306 hierher versetzt», erinnert sie sich. Sie lief also Gefahr, dass ihr damaliger Umbau plötzlich unter Denkmalschutz stand, weil sie historische Bauteile neu verwendet hatte. «Glücklicherweise hatten wir alles sauber dokumentiert und konnten belegen, dass die Trennwand neu ist.» Doch war das nicht die einzige Hürde, die es zu nehmen gab. Die Trennwand, die wegsollte, um den Raum zu öffnen, war tragend. Und der mittelalterliche Gebäudekomplex statisch anspruchsvoll, so war beim ersten Umbau im Obergeschoss die ganze ­Decke eingestürzt. Damals hatte Theus die Decke der Bar mit Sichtbeton-Balken mit Widder-Emblemen abgestützt. «Jetzt brauchte ich eine neue Idee, ich konnte doch nicht mich selbst zitieren.»

Den zündenden Gedanken hatte Holger Widmann. Er besann sich auf die zwei Holzstelen von Herr und Frau Widder, die Raffael Benazzi einst schnitzte und die zum Wahrzeichen des Widders wurden. Benazzi sollte einen zusätzlichen massiven Eichenbalken fertigen. Er vereint Herr und Frau Widder und dient als Stütze. «Das Auge hätte gewöhnliche Säulen als Trennwand wahrgenommen», erklärt Theus. «Diese Zwillings­karyatide aber ist Kunst und trägt elegant und wie nebenbei die Last der darüber liegenden Geschosse.»

Bilder: Das Hotel Widder nach dem Umbau

Manches ist schneller erzählt: Die Theke der legendären Bar konnte dank einer neuen Raumeinteilung um eineinhalb Meter verlängert werden, ansonsten wurde sie nur sanft aufgefrischt. Der Aufgang ins Obergeschoss zum Restaurant versah die Architektin mit einer mehrfach gekippten, gehämmerten Aluminiumwand, die das Licht effektvoll streut. Die alte Brandmauer aber bereitete Theus wieder Kopfzerbrechen. Die Lösung zeigt, wie die mittlerweile über 70-jährige Theus tickt: Sie dreht und wendet Ideen, hört nicht auf daran herumzustudieren, bis es passt. Im Fall der Brandmauer passte die Erinnerung an ein Werk von Rudolf Stingel, das sie vor vier Jahren an der Biennale im Palazzo Grassi gesehen hatte: ein silbern schillerndes Bild mit eingeritzten Tags. So entstand die Idee eines überdimensionierten silbernen Gästebuchs, auf dem die Widder-Besucherinnen und -Besucher mit speziellen Stiften ihre Namen oder ihre Botschaften einritzen können.

Etwas gemogelt

Im Obergeschoss ist vorerst Neuland: eine Theke, ein zentraler Tisch, beide mit Einblick in die Küche. Beim Essen den Köchen zuschauen – «hier isst und trinkt das Auge mit», sagt Theus und schreitet weiter in das 1936 von Max Sütterlin gestaltete Widder-Restaurant. «Der Raum ist mit seinen 2,13 Metern einfach zu wenig hoch für heutige Menschen», sagt die nicht eben gross gewachsene Architektin. Und da sie den Raum nicht anheben konnte, hat sie etwas «getrickst», wie sie es nennt. Sie liess die edlen Tische und Sessel, die auch im benachbarten Turmstübli stehen, einfach fünf Zentimeter niedriger bauen.

Im Turmstübli machten ihr gotische Rankenmuster, die sich in einer Nische erhalten hatten, Freude – und Probleme. Sie wollte dem Raum unbedingt mehr Zusammenhalt geben, indem sie das Muster fortsetzen würde. Nur wie, ohne das Original zu kopieren? Sie bat die Restauratoren, mit Kohlestift und lockerer Hand ähnliche Muster direkt auf den Verputz zu skizzieren – als ob der Künstler von einst sein Werk noch nicht fertiggestellt hätte. Diese schüttelten den Kopf, ihre Fertigkeit sei das Nachziehen, nicht das Neuzeichnen. Da sagte sich Tilla Theus – einmal mehr – «selbst ist die Frau», und machte sich mit dem Kohlestift ans Werk. Der neue Widder ist also – kurz zusammengefasst: ein abgekupferter Stingel, ein Original-Theus und viel echtes Mittelalter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2017, 22:51 Uhr

Garage

Die Pop-up-Bar bleibt vorläufig

Eigentlich sollte die Bar in der Garage des Hotels Widder am Augustinerhof bloss die Zeit überbrücken. Im Februar öffnete sie ihre Tore und hätte bis nach dem Umbau als Pop-up-Lokal Garage betrieben werden sollen. Doch der Erfolg führte zum Um­denken. «Wir führen die Garage sicher bis Ende Jahr weiter», sagt Rene Bruggraber, Marketingchef des Widder-Hotels. Allerdings wird sie nur von Donnerstag bis Samstag ab 18 Uhr offen sein. An den anderen Tagen kann sie für private Anlässe gemietet werden. Aber auch dann ist noch nicht Schluss – sofern die Behörden mitspielen. «Wir hoffen auf eine definitive Bewilligung», sagt Bruggraber. Auf einen Gast muss die Garage aber bereits jetzt verzichten: auf den hölzernen Widder von Raffael Benazzi. Der ist Ende September wieder in die Widder-Bar zurückgekehrt.(net)

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