Er bringt Getränke und zwinkert mit den Augen

Der Zürcher Lieferroboter Adero versetzt die Menschen in Entzückung – so sehr, dass Kinder ihm gefährlich werden können.

Der bringts: Adero wurde für den autonomen Warentransport gebaut. Video: PD

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Hinter der Glaswand wird gerade über die Zukunft des Unternehmens informiert, Innovation ist da ein Stichwort, das unter keinen Umständen fehlen darf. Vor der Glasscheibe gleitet derweil im Schritttempo Adero vorbei. Sitzreihe um Sitzreihe drehen sie die Köpfe nach ihm um. Innovation auf zwei Rädern, ziemlich niedlich noch dazu.

Und da hat Adero der Lieferroboter noch nicht mal all seinen Charme in die Waagschale geworfen. Noch nicht neckisch mit den Augen gezwinkert, noch nicht sympathisch gepiepst (ungefähr wie eine kleine stolze Amsel, die soeben ihren ersten selbst gejagten Regenwurm verspeist hat) oder liebevoll gehupt (dieses Hupen hört sich an, wie ein feiner Stupser sich anfühlt) und auch noch nicht seinen Deckel aufspringen lassen.

Neun Monate für das «Baby»

Studentinnen und Studenten der ETH Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) haben die kleine rundliche Kiste gemeinsam entwickelt. Neun Monate hat das Projekt in Anspruch genommen, Maschinenbauerinnen, Elektrotechniker, Interaction- und Industriedesignerinnen haben daran gearbeitet. Die vier aus dem Team, die Adero durch die Gänge der Redaktion begleiten, sprechen von «unserem Baby».

Adero hat einen konkreten Auftrag. Er soll ab dem kommenden Frühling selbstständig im Circle-Neubau des Zürcher Flughafens Jelmoli-Kundschaft mit Waren beliefern oder ihnen gekaufte Ware hinterhertragen. Darauf ist er ausgelegt: In seinem Transportfach finden drei Einkaufssäcke Platz, zehn Kilo kann er transportieren, Regen mag er überhaupt nicht.

Das funktioniert dann so: Man kauft im Laden oder online ein, vereinbart mit Adero einen Liefertermin und einen Lieferort. Mithilfe eines QR-Codes lässt sich dann im Café, vor der Passkontrolle oder beim Eingang zur Tiefgarage der Deckel öffnen, Adero quittiert mit einem weichen Pieps und lässt den Deckel einen Spalt breit aufspringen. Die Interaction-Designer haben herausgefunden, dass die meisten Kundinnen den Deckel lieber von Hand öffnen, als dass dies ein Motörchen übernimmt.

Saft für moderne Bürolisten

Die heisse Ware an die Journalistinnen und Journalisten wären an diesem Morgen eigentlich Espressi und Cappuccini gewesen – wie gestrig dieses Getränk und seine Verpackung (die Tasse) ist, führt just Adero vor. Bis er von der Kantine die entsprechenden Büros erreicht hätte, wären die Kaffees erstens kalt gewesen und zweitens zu einem guten Teil «übergeschwappt». Zu den Eigenschaften Aderos gehört nämlich, dass er nicht (oder noch nicht) still stehen kann. Ein bisschen vor- und zurückrollen muss er, um das Gleichgewicht zu halten. Also bringt er vitaminreiche Smoothies vorbei, die Kaffees der modernen Bürolisten.

Die ETH/ZHDK-Delegation wird angeführt von Adero, der bald am Flughafen fahren wird. Fotos: Andrea Zahler

Heute ist Adero nicht autonom unterwegs, ein Student lenkt ihn mit einem Controller durch die Gänge und Büros. Hätten ihn die Studenten zuvor in den Lernmodus versetzt, könnte er schon morgen selbstständig Smoothies in die Büros fahren. Man muss ihm einen neuen Weg einmal zeigen, eine Art Vermessungsfahrt mit ihm machen, dank Kameras, Infrarot- und Ultraschallsensoren findet Adero diesen später wieder – und kann dabei auch Gegenständen und Personen ausweichen.

Durch die Menschenmengen am Flughafen navigieren? Adero hat keine Probleme mit Menschen, hingegen könnten manche Menschen Probleme mit Adero haben. Deshalb ist der Roboter auch so niedlich – und deshalb mutet er ein bisschen menschlich an. Es geht darum, dass Menschen erkennen, dass Adero seine Umgebung wahrnimmt und nicht blind herumirrt, also dass die Umgebung Adero akzeptiert.

Unruhe wirkt beruhigend

Bei den Tests am Flughafen hat das recht gut funktioniert. Sicher, es habe Skeptiker gegeben, sagt das Adero-Team. Grossmehrheitlich habe die Umgebung aber so reagiert wie die Tagi-Redaktorin, die mitten in einer Sitzung Adero entdeckt und «Jö, ein Roboter» ruft. Der blinzelt jetzt – und weil man dazu neigt, einer kleinen Kiste mit zwei Augen und ein bisschen programmiertem eigenem Willen menschliche Attribute zuzuordnen, glaubt man: Der Adero ist jetzt ein bisschen verlegen. Kinder übrigens, die sind eine Gefahr für den Roboter: Sie sind im Kontakt mit ihm fast zu überschwänglich.

In einer frühen Phase des Projekts haben sich die Studentinnen und Studenten dazu entschlossen, einen Roboter auf zwei Rädern zu entwerfen und zu entwickeln. Eine «Challenge» hätten sie sich einbauen wollen, begründen sie den Entscheid. Wie balanciert sich der Roboter selber wieder aus? Was passiert, wenn sich beim Beladen der Schwerpunkt verlagert? Was, wenn ein Kunde nach der Lieferung den Deckel zuknallt? ­Adero balanciert aus, schwankt ein bisschen hin und her und steht dann wieder still. Fast still. Auch im Wartezustand zuckelt der ­Roboter stets – könnte man noch etwas verfeinern, sind sich die Ingenieure sicher. Bloss, wollen sie das?

Der vermeintliche Nachteil hat sich in den Tests nämlich als Vorteil erwiesen. Dank der organischen Bewegungen löst der Lieferroboter emotionalere Reaktionen aus. Da suchen wir wieder nach Menschlichem, nach Lebendigem, erkennen eine gewisse Ungeduld im kleinen Kerl, mit der nächsten Lieferung loszusprinten und den Leuten reihenweise den Kopf zu verdrehen.

Erstellt: 14.06.2019, 09:01 Uhr

Autonom unterwegs

Adero ist dafür ausgelegt, dass er in weitläufigen Gebäuden autonom Waren transportiert und ausliefert. Um das Projekt weiterzuentwickeln, überlegen sich die beteiligten Studentinnen und Studenten, ein Start-up zu gründen. Weitere Projekte – aktuelle, fremde und abgebrochene:

Seit Ende 2018 transportiert die Post im Auftrag des Universitätsspitals und der Universität Laborproben per Drohne. Diese startet von einer Dachterrasse und transportiert ihre Ladung bis zum Standort Irchel. Täglich werden rund fünf bis zehn solcher Flüge durchgeführt. Nachdem im Mai ein Quadrokopter abgestürzt war, setzte die Post die Flüge aus.

Die Post fliegt Laborproben für das Zentrallabor über das Zürcher Seebecken. Sie verbindet das ZLZ-Notfalllabor in der Hirslanden-Klinik Im Park mit dem künftigen Standort des Zentrallabors an der Forchstrasse 454 in Zollikon. Die Drohne benötigt für die Strecke rund sieben Minuten – kein Vergleich mit einem Kurier, der sich durch den Stadtverkehr kämpfen muss. Ende Januar stürzte eine Drohne in den Zürichsee.

An den Spitälern in Bern und in Lugano fliegt ebenfalls die Post Laborproben von A nach B.

Die Post testete zeitweise einen sechsrädrigen Roboter. Im März gab sie allerdings den Abbruch der Tests bekannt: Das Gesetz forderte einen menschlichen Aufpasser an der Seite des autonomen Gefährts. 2017 ­kooperierte die Post ebenfalls mit Jelmoli «für die Zustellung auf der letzten Meile».

Der Posttöffli-Hersteller Kyburz in Freienstein im Zürcher Unterland baut ebenfalls autonome Lieferfahrzeuge. Solche Gefährte mit Postfächern fahren in Norwegen Briefe und Pakete selbstständig in entlegene Gebiete. (bra)

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