Der Zürcher Finanzplatz in Bildern von 1877 bis heute

Von der ersten Kreditanstalt bis zum grossen Börsenboom: Wie die Stadt zum Finanzzentrum aufstieg.

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Zürich gleich Banken: Diesen Konnex stellt man automatisch her. Die Stadt wäre ohne ihren Bankenplatz nicht dort, wo sie heute ist. Zürich zählt zu den bedeutendsten Finanzzentren der Welt, liegt in Europa hinter London auf Platz zwei. Für die Stadt und die Region ist der Finanzsektor ein zentrales wirtschaftliches Standbein, sorgt für eine hohe Wertschöpfung und stellt zahlreiche Arbeitsplätze.

2015 beschäftigte die Zürcher Finanzbranche mehr als 51'000 Personen, vier Fünftel davon im Bankenbereich. In den letzten 60 Jahren wuchs die Zahl der Banken-Arbeitsplätze stark an, erst die Finanzkrise im Jahr 2008 stellte einen Wendepunkt im Aufwärtstrend dar. Seither geht die Beschäftigung bei den Banken leicht zurück. Auf tieferem Niveau, aber konstanter zeigen sich die Zahlen bei den Versicherungen.

Die Basis zum Aufstieg Zürichs zum Finanzzentrum wurde aber nicht erst vor 60, sondern schon vor über 160 Jahren gelegt. Auslöser dafür war der Bau verschiedener Eisenbahnen. Die Schweiz war im 19. Jahrhundert wirtschaftlich im Rückstand gegenüber dem Ausland, wo die Zahl der Eisenbahnkilometer stetig zunahm. Der Politiker und Unternehmer Alfred Escher befürchtete, dass die Schweiz den Anschluss an die Moderne verpassen könnte. In einer Rede als Nationalratspräsident warnte er 1849:

«Von allen Seiten nähern sich die Schienenwege immer mehr der Schweiz. Bereits wird die Frage, wie sie miteinander in Verbindung gebracht werden sollen, eifrig verhandelt. Es tauchen Pläne auf, gemäss denen die Bahnen um die Schweiz herumgeführt werden sollen. Der Schweiz droht somit die Gefahr, gänzlich umgangen zu werden und in Folge dessen in der Zukunft das traurige Bild einer europäischen Einsiedelei darbieten zu müssen.»

Zwei Jahre zuvor, am 7. August 1847, war die Strecke zwischen Zürich und Baden der Schweizerischen Nordbahn (Spanischbrötlibahn) eröffnet worden – als erste ganz in der Schweiz liegende Bahnlinie. Doch Escher war es zu verdanken, dass in den darauffolgenden Jahren zahlreiche weitere Privatbahnen entstanden. 1852 verhalf er dem Eisenbahngesetz zum Durchbruch, das zu einem regelrechten Boom im Eisenbahnbau führte. In kürzester Zeit entstanden verschiedene Gesellschaften.

Escher begründet den Finanzplatz

Die konkurrierenden Privatbahnen brauchten für ihre Bauvorhaben hohe Summen an Kapital, das die bestehenden Bankhäuser in der Schweiz aber nicht zur Verfügung stellen konnten. Also liehen sich die Eisenbahnunternehmen Geld von ausländischen Kapitalgebern, meist französischen Instituten, was zu einem Abhängigkeitsverhältnis führte. Alfred Escher wollte das ändern und gründete 1856 die Schweizerische Kreditanstalt (SKA), die heutige Credit Suisse. Der Pionier legte so die Basis für den Aufstieg Zürichs zum führenden Finanzplatz.

Seine SKA finanzierte immer mehr private und staatliche Unternehmungen und entwickelte sich als erste Grossbank der Schweiz zu einem wichtigen Geldgeber der Wirtschaft. Zürich verdrängte Basel und Genf in der Folge allmählich von ihrer dominierenden Stellung in der Banken- und Versicherungsbranche.

1876 zog die SKA an den Paradeplatz, wo 1899 auch der in Basel gegründete Schweizerische Bankverein seine Zürcher Filiale eröffnete. Als Ergänzung und vor allem auf die Nachfrage nach Hypothekar- und Gewerbekrediten ausgerichtet, wurde 1870 die Zürcher Kantonalbank gegründet, die im Hypothekarbereich schnell wuchs und die an der Bilanzsumme gemessen bereits sieben Jahre später die grösste Bank der Schweiz war.

Im Windschatten dieser Grossbanken entstanden zur selben Zeit auch heute noch für den Finanzplatz wichtige Versicherungen: die Rentenanstalt (heute Swiss Life), die Schweizerische Rückversicherungsanstalt (heute Swiss Re), die Zürich Allgemeine Unfall- und Haftpflicht-Versicherungs-AG (heute Zurich Insurance Group).

Das notwendige Kapital für die Investitionen in den Eisenbahnbau wurde indes über Inhaberaktien und Obligationen aufgenommen. Diese Finanzpapiere konnten gehandelt werden und bildeten die Basis für den Börsenhandel in Zürich. Die Börsengeschäfte wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an wechselnden Orten abgeschlossen: zuerst im Foyer des Aktientheaters an den Unteren Zäunen, zeitweise auch in der alten Tonhalle.

Das erste eigentliche Börsengebäude wurde 1880 an der oberen Bahnhofstrasse, Ecke Börsenstrasse/Talstrasse eröffnet. Seither wechselte die Börse in Zürich dreimal ihren Standort: in den 1930er-Jahren an den Bleicherweg, 1992 an die Selnaustrasse und im vergangenen Jahr an die Pfingstweidstrasse.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts hielt sich der Umsatz der Börse in Grenzen, auch bedingt durch die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise 1929. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hielt langsam ein professionellerer Umgang mit Kapital Einzug, und das öffentliche Interesse an der Börse nahm ständig zu.

Mit der wachsenden Globalisierung in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren setzte schliesslich der Siegeszug des Börsenhandels ein. Unternehmen begannen sich immer stärker über den Kapitalmarkt zu finanzieren, was den Verkauf von Wertpapieren ansteigen liess. 1995 war die Börse in Zürich weltweit der erste Handelsplatz, der vollständig auf das elektronische Trading setzte. Durch die Umstellung explodierte der Umsatz förmlich.

Im Boomjahr 1997 knackte die Börse erstmals die Umsatzmarke von 1000 Milliarden Franken. Drei Jahre später platzte die sogenannte Dotcom-Blase, die zu einem weltweiten Börsenkrach führte. Doch die Zürcher Börse erholte sich schnell davon und vervielfachte ihren Umsatz bis ins Jahr 2007 auf über 2500 Milliarden. Erst die grosse Finanzkrise von 2008 stoppte den Aufwärtstrend abrupt. Bis 2012 hatte sich der Umsatz mehr als halbiert. Seither erholt sich die Lage wieder.

Von der City in die Aussenquartiere

2017 zog die Börse von der Selnaustrasse im Zentrum raus an die Pfingstweidstrasse im Kreis 5. Es war ein typischer Wechsel. Bis zur Jahrtausendwende konzentrierte sich der Bankenplatz Zürich noch in der Innenstadt rund um den Paradeplatz und die Bahnhofstrasse. Rund die Hälfte aller Bankangestellten arbeitete im City-Quartier. In den letzten 15 Jahren hat sich das geändert.

Besonders augenfällig ist der seither hohe Beschäftigtenanteil in Wiedikon. Dies geht unter anderem auf die Erweiterung des von der Credit Suisse genutzten Uetlihofs zurück, der mit rund 8000 Arbeitsplätzen eines der grössten Bürogebäude der Schweiz ist. Altstetten und Zürich-West mit den Quartieren Langstrasse und Escher-Wyss sind wichtige Standorte für Banken geworden. Bei den Versicherungen wiederum hat Zürich-Nord an Bedeutung gewonnen. An der Thurgauerstrasse und der Hagenholzstrasse in Seebach haben in den letzten Jahren verschiedene Versicherungsanbieter Niederlassungen gegründet.

Der «Finanzplatz Zürich» hat sich dezentralisiert. Mit dem Ausdruck ist heute nicht mehr nur das Gemeindegebiet der Stadt oder gar der Paradeplatz und die Bahnhofstrasse gemeint. In der Regel wird damit die ganze Wirtschaftsregion bezeichnet, die sich aus den Kantonen Zürich, Zug und Schwyz zusammensetzt. So zum Beispiel im Finanzplatz-Monitoring, das Stadt und Kanton Zürich regelmässig in Auftrag geben.

Erstellt: 11.05.2018, 15:56 Uhr

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