Der Zürcher Quartierclub der Herzen

Der FC Red Star ist ein Mythos im hiesigen Fussball. Im Cup sorgt er wieder für Furore und empfängt den FCZ im Achtelfinal. Eine Annäherung mit «Mr. Red Star» Marcel Cornioley.

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Es weht ein Hauch von Weltläufigkeit auf der Allmend Brunau. Im Kafi «Usglich» vor den Garderoben des FC Red Star Zürich hängt ein Fifa-Wimpel, auf welchem der Weltverband dem Quartierclub zum 100. Geburtstag gratuliert. Und über der Getränkeausgabe hängt ein Wimpel des grossen Liverpool FC. Es ist nicht ein Fan-Wimpel, erzählt Usglich-Chefin Andrea Gmünder. Er wurde von den U13-Junioren vom internationalen Cordial Cup mitgebracht, der jeweils an Pfingsten im österreichischen Kitzbühel stattfindet.

Damit wäre man schon beim Schwerpunkt des FC Red Star: den Junioren. Der Verein hat sich der fussballerischen Ausbildung von Jugendlichen verschrieben. Dafür geniesst der Club, der eng mit dem FC Zürich kooperiert und den talentiertesten Junioren eine gewisse Durchlässigkeit bietet, überregionalen Respekt und viele Sympathien.

Der 320'000-Franken-Deal

Er hat schon manchen Super-League-Spieler hervorgebracht. Aktuell ist es Adrian Winter, der heute beim FCZ spielt; Pascal Thrier (Ex-St.Gallen) ist bereits wieder kürzer getreten. Für einen Geldsegen sorgte Shani Tarashaj, der als 13-Jähriger zu GC ging und später für 4 Millionen Franken nach Everton verkauft wurde. Ein Spezialdeal mit GC bescherte Red Star vor zwei Jahren sagenhafte 320'000 Franken – ein ganzes Jahresbudget. Vor ein paar Jahren kickte auch der heutige Nati- und YB-Spieler Christian Fassnacht kurzzeitig bei den Red-Star-Junioren.

Ältere Semester erinnern sich noch an Werner Schwaller, Beat Studer oder Renato Brugnoli (alle FCZ), die zu Red Stars «goldenen Generation» der 1980er Jahre gehörten. Zu ihnen zählte auch der prominenteste von allen: Marcel Cornioley.

Der beste 1.-Liga-Club

Der gebürtige Albisriedner kam 1980 als 30-Jähriger zu Red Star. Er brachte zehn Jahre Erfahrung in der Nationalliga A (St.Gallen, YB, GC, Lausanne) und die Referenz von fünf Spielen und noch viel mehr Aufgeboten in der Nati mit. Sechs Jahre lang fungierte Cornioley als Spielertrainer. Der FC Red Star liess ihn aber auch danach fast nie mehr los: Vor zwei Jahren erst ist er nach 15 Amtsjahren als Vereinspräsident zurückgetreten und präsidiert jetzt den Stadtzürcher Fussballverband. Dazwischen war er nochmals Trainer und Vizepräsident von Red Star gewesen, nur unterbrochen von einer Zeit als Verantwortlicher für die Schweizer U21 und Assistent der damaligen Nati-Coachs Daniel Jeandupeux und Uli Stielike.

«Golden» war die 80er-Generation, weil der laut der Ewigen Tabelle mit Abstand erfolgreichste 1.-Liga-Club der Schweiz – das ist heute die vierthöchste, war aber bis 2012 die dritthöchste Stärkeklasse – meist die Aufstiegsspiele in die Nationalliga B bestritt. 1983 gelang gar der Aufstieg – zum zweiten Mal nach 1946. Und im selben Jahr gab es einen legendären Cupmatch gegen die Grasshoppers, denen alles abverlangt wurde und die sich nur knapp mit 2:1 durchsetzen konnten. Es war das GC mit Roger Berbig, Andy Egli, Heinz Hermann und Kurt Jara, die Tore schossen Marcel Koller und Claudio Sulser – allesamt Nationalspieler.

Blazevics Witz

Auf der Allmend mit ihrer überschaubaren Publikumsinfrastruktur versuchten 2400 Zuschauer, irgendwie ein paar Blicke auf die GC-Stars zu erhaschen. Die Rotsterne überzeugten dermassen, dass der damalige GC-Trainer Miroslav Blazevic Cornioley glattwegs zu den Hoppers in die Nationalliga A zurückholen wollte, erzählt der ehemalige Offensivspieler lachend.

Doch Cornioley blieb bei Red Star. Kontinuität, Tradition, Heimat. Das sind die Eckpfeiler der Red Stars, sagt Cornioley. So blieb die Mannschaft, welche in die Nati B aufstieg, in der entsprechenden Saison und auch nach dem sofortigen Wiederabstieg beisammen. Die Rotsterne heissen übrigens nicht wegen einer kommunistischen Vergangenheit so, sondern weil die Clubgründer - katholische Jünglinge - 1905 fasziniert waren von der Dampfschifffahrt und der bekannten Reederei «Red Star Line».

Der Verein ohne Prämien

Beim Verein spielten stets Leute die Hauptrollen, die verwurzelt waren und selber für den Club gespielt hatten. Und die Philosophie kannten und lebten. So war Red Star bekannt als richtiger Amateurverein, der den Spielern kein Geld zahlte, obwohl die Konkurrenz die besten Spieler längst mit üppigen Prämien köderte. Wer zu Red Star ging oder von den Eltern zu Red Star geschickt wurde, tat dies stets aus einem Grund: Weil dort beste Bedingungen herrschen für Junioren. Gute Trainer, gute Platzverhältnisse, ambitionierte Führung.

So kamen immer wieder talentierte Jungkicker aus der ganzen Stadt in die Brunau, wo die drei Quartiere Wiedikon, Enge und Wollishofen zusammenkommen. Inzwischen stammen die über 300 Junioren auch aus Adliswil oder vom linken Zürichseeufer. An der «Keine-Prämien-Politik» hielt der Club über 100 Jahre «knallhart» fest, wie Cornioley sagt. Auch in der Nati-B-Saison. Dafür durften die Spieler jedes Jahr zwei Wochen nach Brasilien oder Kenia in ein «Trainingslager», welches eher Ferien glich.

Die Revolution

Doch vor ein paar Jahren – als die 1. Mannschaft in der 2. Liga Interregional dümpelte – rang man sich nach einem längeren Prozess mit vielen Gesprächen zu einer kleinen Revolution durch: Es wurden Punkteprämien eingeführt – «im vernünftigen Rahmen», wie Cornioley betont. Über Zahlen redet er nicht. In einer guten Saison dürften es für die Stammspieler ein paar wenige tausend Franken sein. «Es ging einfach nicht mehr anders», sagt er und erwähnt die vielen Trainings und Spiele, welche einen erklecklichen Teil der Freizeit der Spieler besetzen. «Trotzdem kommt noch immer niemand wegen des Geldes zu uns.»

Er sagt «uns», obwohl er nicht mehr Präsident des Clubs ist. Seit zwei Saisons spielt der FC Red Star wieder in der 1. Liga – da wo er nach seinem Selbstverständnis hingehört. Im Frühling wäre er beinahe in die nächsthöhere Liga aufgestiegen.

Die magischen Momente

Vereine wie Red Star leben von magischen Momenten. Diese sind am ehesten im Cupwettbewerb möglich, wenn das Losglück dem Kleinen einen grossen Gegner beschert. Wie den FCZ, der in zwölf Tagen auf die Allmend kommt.

Die jüngsten dieser magischen Momente waren im Frühling 1999: Die Red-Stärler überwanden im Achtelfinal des Schweizer Cups Yverdon, bei dem der 20-jährige Ludovic Magnin (heute FCZ-Trainer) spielte und das von einem gewissen Lucien Favre (heute Dortmund) trainiert wurde. Dann trat der Zürcher Quartierclub im Viertelfinal gegen den NLA-Verein Lugano unter Trainer Enzo Trossero und mit Stürmer Blaise N’Kufo an. Und gewann 2:1 - eine Sensation. Erstmals erreichte ein 1.-Ligist den Halbfinal, Red-Star-Trainer Jürgen Seeberger scherzte: «Jetzt wollen wir die Nummer 1 in Zürich werden.» Für Stabilität in der Abwehr sorgte damals der spätere GC- und FCZ-Trainer Uli Forte, der insgesamt fünf Jahre als Spieler und vier Jahre als Spielertrainer bei den Rotsternen war.

Gren, Cabanas und Yakin waren zu viel

Im Halbfinal wartete das GC von Pascal Zuberbühler, Mats Gren, Riccardo Cabanas und Hakan Yakin, das in jenem Jahr Vizemeister werden sollte. Wie der Viertelfinal fand das Spiel im Letzigrund statt. Es kamen 3000 Zuschauer, der Höhepunkt aus Sicht des «Kleinen» war ein von Torhüter Jürg Ellenberger abgewehrter Penalty von Yakin. Der Rest verlief erwartungsgemäss: Das Spiel endete 7:0 für GC. Doch hatte der Zürcher Quartierverein schweizweit für einiges Aufsehen gesorgt und als Underdog manche Herzen erobert.

Das Resultat erinnerte schmerzlich an dasselbe Cup-Duell zwei Jahre zuvor, das allerdings in der Heimarena stattgefunden hatte: Das Rekordpublikum von 2600 Personen sah ihre Rotsterne gegen das GC mit Trainer Christian Gross als Trainer und den Stürmern Kubilay Türkyilmaz und Viorel Moldovan 0:6 untergehen.

Lange haben sie warten müssen, aber jetzt sind die roten Sterne, in deren Reihen mehr als die Hälfte eigene Junioren sind, wieder in freudiger Erwartung eines Cupfights mit einem Grossen. Zuerst ist morgen Samstag aber noch im Ligabetrieb die USV Eschen-Mauren auf der Allmend zu Gast.

Erstellt: 18.10.2018, 22:45 Uhr

Kein Hochrisikospiel: 3500 Zuschauer werden auf der Allmend erwartet

Am 31. Oktober empfängt Red Star den FCZ im Achtelfinal des Schweizer Cups auf der Allmend Brunau. Dass der Match beim 1.-Ligisten stattfindet, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Anlage ist nicht aufs grosse Publikum ausgerichtet, die Sicherheit schwieriger zu gewährleisten. Trotzdem hat der Quartierverein darauf gedrängt, zuhause zu spielen und nicht wie 1999 gegen Lugano in den Letzigrund umgesiedelt zu werden.

«Sportlich betrachtet ist das Spiel gegen den FCZ eine riesige, schier unlösbare Aufgabe», sagt Red-Star-Präsident (und Ex-Spieler) Beat Ziegler. Umso wichtiger war es dem sportlichen Leiter Marc Brechot, vom Heimrecht Gebrauch zu machen. In der Heimstätte – so die Rechnung des Underdogs – könne man den Favoriten eher herausfordern.

Keine Züglete wie 1999

Fussballverband, Grün Stadt Zürich und die Stadtpolizei Zürich gaben ihr Okay. Die Ausgangslage sei nicht vergleichbar mit jener gegen den FC Lugano im Viertelfinal von 1999, sagt Polizeisprecher Marc Surber. Im Spiel zuvor, zwischen dem FCZ und Lugano, hatte es Scharmützel gegeben, und womöglich hatten einige Zürcher und Luganesi noch offene Rechnungen. Diesmal aber fehlen derartige Emotionen. Surber: «Mit dem FC Zürich bestreitet der FC Red Star ein Spiel gegen einen Partnerclub.» Natürlich sei auch in diesem Fall durch die Polizei eine Risikoanalyse erstellt worden, und die Lage werde laufend neu beurteilt.

Die Organisation ist für Red Star eine grosse Kiste. Es wurden 3500 Tickets gedruckt, was mit Abstand Stadionrekord bedeutet. Die 2000 des Heimclubs à 20 bis 25 Franken sind längst verkauft. Von den dem FCZ und seinen Südkurvenanhängern zur Verfügung gestellten 1500 Karten waren gestern Abend noch einige verfügbar. Hinter dem südlichen Tor entsteht hinter dem Abfanggitter eine Stehrampe für 1000 FCZ-Südkürvler, auf den Seiten des Hauptplatzes wird es ebenfalls Erhöhungen geben.

Der Red-Star-Präsident freut sich riesig: «Für den Verein bedeutet das Spiel gegen den FCZ einerseits die Chance, wieder einmal etwas breiter auf sich aufmerksam zu machen.» Anderseits ist es auch Bestätigung und Belohnung für die Spieler, Funktionäre und Trainer der Juniorenabteilung. Auf jeder Stufe werde – ehrenamtlich – Tag für Tag hart und professionell gearbeitet, so Ziegler. Reich wird der Quartierverein mit dem prominenten Gegner nicht. Aufgrund all der organisatorischen Mehrausgaben rechnet Red-Star-Finanzchef Juraj Ivancan mit einer schwarzen Null am Ende des Tages.

Adi Winters Rückkehr

Der FCZ, der jeweils wenige Meter vom Red-Star-Platz entfernt trainiert, trifft im Cup zum dritten Mal auf Red Star. 1978, im Jahr 1 nach Köbi Kuhn, gab es im Letzigrund ein 6:1 zu feiern – die Torschützen vergehen älteren FCZ-Fans auf der Zunge: René Botteron (2), Peter Risi (2), Hanspeter Zwicker und Fredi Scheiwiler. 1995 kam der FCZ mit Libero Urs Fischer auf die Allmend und gewann 4:1. Die Rotsterne haben zwischenzeitlich immerhin zum 1:1 ausgleichen können, nachdem FCZler Daniel Tarone nach einem rüden Foul vom Platz gestellt worden war.

Für Adrian Winter ist der anstehende Cupmatch ein besonderes Spiel. «Die Vorfreude ist gross», sagt der FCZ-Mittelfeldspieler, der 2005 bis 2007 unter Mentor Uli Forte bei Red Star gespielt hatte und den Quartierclub gemäss eigenen Aussagen nie aus den Augen verloren hat. An diese Zeit habe er «durchwegs sehr gute und positive Erinnerungen», sagt der 32-Jährige. «Es war ein sehr familiäres Umfeld, ich habe mich immer wohl gefühlt – und konnte auch sehr schöne Erfolge feiern.» Am übernächsten Mittwoch wird es aber keine Streicheleinheiten mehr geben: «Unser Ziel ist klar: Wir wollen eine Runde weiterkommen.»

Das Cup-Spiel, Stadionöffnung um 18 Uhr, Anpfiff: 20 Uhr, wird auf der Homepage des Fussballverbands live gestreamt: www.cupplay.ch.

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