Es war einmal: Schwarze Kreuze für Bettnässer

Dieses Jahr starten die Bauarbeiten für das neue Kinderspital Zürich in der Lengg. Ein Rückblick auf dessen 150-jährige Geschichte.

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«Erwachsene verlangen oft nur Pflege und weiter nichts, das Kind verlangt Sorgfalt, Mühe, Aufopferung, es bedarf geistiger und leiblicher Nahrung. (...) Es ist oft wunderlich, störrisch, dem gegenüber ein richtiges Verhalten sehr wichtig ist.»

So begründete Oskar Wyss, der Leiter der Poliklinik des Kantonsspitals, 1872 im Zürcher Rathaus, weshalb eine spezielle Spitalpflege für Kinder nötig sei. Der Titel seines Vortrags lautete «Des kranken Kindes Heim», und die Pflegerinnen wurden damals als «Wärterinnen» bezeichnet. Vier Jahre zuvor hatte der Zürcher Arzt Conrad Cramer (1831–1918) eine Stiftung zur Gründung eines Kinderspitals ins Leben gerufen. Er gedachte damit seiner im Kindsbett ­verstorbenen Frau Eleonora.

«Fast zu schön» für ein Spital

Die Gründung der Eleonorenstiftung war die Initialzündung für das am 12. Januar 1874 in den Rebbergen der Zürcher Vorortsgemeinde Hottingen eröffnete Kinderspital. Das dreistöckige Haupthaus wurde von manchen Besuchern als «fast zu schön» für ein Spital bezeichnet. Es hatte dreissig Betten, und Oskar Wyss, der im Volksmund bald schon «Chindli-Wyss» hiess, war sein erster Chefarzt.

Die Trägerschaft des meist einfach Kispi genannten universitären Kinderspitals ist bis heute die Eleonorenstiftung. Und in diesem Jahr beginnen die Bauarbeiten für das neue Spital in der Lengg zwischen Balgrist und Burghölzli – manche fanden, als sie die Visualisierungen des von Herzog & de Meuron entworfenen Neubaus sahen, dass dieser fast zu schön sei für ein Spital. Das Kispi feiert also sein 150-Jahr-Jubiläum und einen Neuanfang. Gestern wurden das Jubiläumsprogramm und das Buch «150 Jahre Kispi» vorgestellt.

Objektive, subjektive und soziale Gesundheit im Einklang.

Die Geschichte des Kispi ist von Platznot geprägt, die immer wieder zu Neu- und Umbauten führte. Stiftungsratspräsident und Alt-Stadtrat Martin Vollen­wyder sprach gestern von den «vereinigten Hüttenwerken». Und die Verantwortlichen des bis heute privaten Spitals plagten ununterbrochen Geldsorgen.

Die Geschichte des Kispi zeigt aber auch auf, wie sich die Medizin in den letzten 150 Jahren verändert hat; nicht nur durch bahnbrechende Entdeckungen wie das Penizillin, sondern auch durch ein ganzheitlicheres Menschenbild. Spitaldirektor Felix Sennhauser sprach von einer «gesundheitsorientierten Medizin», die heute praktiziert werde. Und davon, dass die objektive, subjektive und soziale Gesundheit im Einklang sein müssen.

Das Kinderspital wurde in der Zeitspanne zu einem der führenden Kinderspitäler Europas mit 2200 Mitarbeitenden und 230 Betten – davon 47 im Rehazentrum Affoltern am Albis. Wir blenden für ein paar Streiflichter zurück.

Wärterinnen und Hausammen

Im neuen Kinderspital sollte die Pflege konfessionell unabhängig und daher nicht von Ordensschwestern oder Diakonissinnen übernommen werden. So wurden mittellose Frauen als «Wärterinnen» eingestellt. Diese wohnten im Spital, waren praktisch rund um die Uhr im Dienst und bezogen einen Hungerlohn. Alle 14 Tage hatten sie einen freien Halbtag. Ab 1884 musste man jedoch aus Personalnot doch auf Diakonissinnen zurückgreifen.

Noch 1944 arbeiteten die Krankenschwestern am Kispi 75 Stunden pro Woche, was aber laut Spitaldirektor Guido Fanconi nicht so schlimm sei, da man auch die «mütterliche Seite des Schwesternberufes» berücksichtigen müsse. 1975 nahmen erstmals zwei Pfleger die mittlerweile 15-monatige ­Zusatzausbildung im Kinderspital in ­Angriff. Sie wurden oft gehänselt und als «Hebammeriche» bezeichnet.

In den ersten 50 Jahren prägten vor allem Infektionskrankheiten wie Diphtherie und Pocken den Alltag im Kinderspital – die wichtigste Massnahme dagegen waren «Absonderungsbaracken». In der Zwischenkriegszeit trat dann vermehrt Mangelernährung auf. Um entkräftete Kinder wieder aufzupäppeln, stellte das Kinderspital zwei Hausammen ein, die im Spital wohnten und täglich drei bis vier Liter Muttermilch abpumpten. Damit sei man in der Lage gewesen, jeweils sechs bis acht «elende Säuglinge» über Wasser zu halten», schreibt der Spitaldirektor Emil Feer 1911 im Jahresbericht.

Bei «Blut-Armut» raste die Polizei mit dem Töff ins Kispi.

Gegen Ende der 1890er-Jahre stellte man im Kinderspital eine Zunahme von Mundentzündungen fest. Die Ursache war bald klar: «Letztere Erkrankungen verdanken zu einem grossen Teil ihre Entstehung dem nationalen ‹Nüggi›, der bei uns ja eine Verbreitung gefunden hat wie in keinem anderen Lande», heisst es 1897 im Jahresbericht. «Wir dürfen nicht nachlassen, diesem bequemen, aber verderblichen Unfug zu wehren, wo wir können.»

1948 wurde am Kinderspital erstmals bei einem Neugeborenen das Blut vollständig ausgetauscht, weil dieses mit dem der Mutter rhesus-unverträglich war. In der Folge nahmen Bluttransformationen stark zu. Das Spendenblut kam meist vom Personal des Kinderspitals. Bei «Blut-Armut» wurden aber Stadtpolizistinnen und Stadtpolizisten avisiert, die sofort mit dem Motorrad ins Kispi rasten, um Blut zu spenden.

Schwarzes Kreuz für Bettnässer

Zwischen 1939 und 1942 war eine junge, ambitionierte Frau namens Marie Meierhofer Volontärärztin am Kinderspital. Volontärärzte erhielten lediglich Kost und Logis, bekamen aber keinen Lohn. Die spätere Pionierin der Kinderpsychiatrie fand in Klinikleiter Guido Fanconi zwar einen Förderer, aber auch einen Arzt, der wenig Verständnis für die Psyche des Menschen aufbrachte. So bekamen Bettnässer ein Lob von ihm, wenn sie über Nacht trocken blieben, nässten sie ein, wurden sie gerügt und bekamen ein schwarzes Kreuz in die Patientenkarte.

Wenig Verständnis erhielt Meierhofer auch für ihre Ansicht, dass man die Entwicklung des gesunden Kindes studieren sollte, um mehr über das kranke Kind zu erfahren. Doch war Fanconi nicht unbelehrbar. 1954 rief er die Abteilung für Wachstum und Entwicklung ins Leben, was der Startpunkt der bekannten Zürcher Longitudinalstudie ist. Sein Nachfolger Andrea Prader stellte 1965 einen Kinderpsychiater und eine Kinderpsychologin an, je halbtags.

Noch in den 50er-Jahren waren die Besuchszeiten Mittwoch 14 bis 15 Uhr und Sonntag 11 bis 12 Uhr. Wenn jeweils die Oberschwester das Ende einläutete, sei es zu herzerweichenden Abschiedsszenen gekommen, erinnert sich ein leitender Arzt. Die amtierende Pflegedirektorin Bettina Kuster sagte gestern: «Heute gehört zu einem Kind automatisch auch eine Familie.»

Erstellt: 15.03.2018, 23:00 Uhr

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