Dichtestress in Downtown Wiedikon

Der Kreis 3 ist hip, und wer hier lebt, will nicht mehr weg. Kein Wunder liegt den Bewohnern viel an ihrem Quartier.

Im Prenzlauer Berg von Zürich: Der Polyester-Zwingli steht derzeit auf dem Idaplatz im Sihlfeldquartier. Foto: Andrea Zahler

Im Prenzlauer Berg von Zürich: Der Polyester-Zwingli steht derzeit auf dem Idaplatz im Sihlfeldquartier. Foto: Andrea Zahler

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Es ist gerade Siesta-Zeit auf dem Idaplatz im Zürcher Sihlfeldquartier. Jedenfalls fühlt es sich an diesem herrlichen Herbsttag so an. Als würde sich alles ein wenig ausruhen, bevor am Abend wieder Scharen von Menschen hier zusammenströmen, um vor dem Nachhausegehen noch ein Bierchen zu trinken. Auf den Bänken im Schatten der Bäume sitzen ein paar Leute, essen Sandwiches, plaudern über dies und das. Ab und zu versenkt jemand mit einem «Klonk» eine Glasflasche in der Sammelstelle. Sonst ist ausser dem Plätschern des Brunnens nichts zu hören.

Auch die Kinder, die sich üblicherweise hier tummeln, machen gerade ihr Mittagsschläfchen. Der Kreis 3 ist einer der kinderreichsten von Zürich, was man den Geschäften rund um den Platz anmerkt: Im Einrichtungsladen stehen Regale voller Spielsachen, die Buchhandlung führt ein reiches Kinderbuchsortiment, vor dem Velogeschäft stehen reihenweise Like-a-bikes.

Heimkehr ins Quartier

Sehr trendy ist hier alles, individuell, sehr stylish, und das Angebot wird laufend erweitert. Etwa an der Ecke Zentralstrasse/Bertastrasse, wo Anna Müllenbach und Renato Minacci gerade ein neues Geschäft einrichten. Handverlesene oder selbst designte Produkte für die Küche wollen sie hier verkaufen. Dazu gibts Kaffee an der Bar. Die Maschine steht schon in der Ecke, die Theke müssen die beiden noch zimmern.

Für Minacci ist es eine Heimkehr ins Quartier, in dem er aufgewachsen ist. «Ich bin schon als Kind mit meiner Grossmutter in diesen Laden hier gegangen. Damals war es noch eine Metzgerei», erinnert er sich. Ja, der Kreis 3 habe sich verändert. Vor allem der Idaplatz. Aber zum Guten, sagt er. «Natürlich ist hier heute mehr los, und wir finden nicht mehr so leicht Platz zum Pétanquespielen wie früher. Aber es ist schön, wenn Leben einkehrt.»

Autos weg, Expats da

Der Wandel hat eingesetzt, als der Durchgangsverkehr 2009 von der Weststrasse verbannt wurde. Mit der Abklassierung der Strasse waren die Tage der Blechlawinen durchs Quartier gezählt. Downtown Kreis 3 wurde zum Prenzlauer Berg von Zürich. Heute sind mehrheitlich Velos unterwegs, Väter und Mütter schieben ihre Kinderwagen vor sich her, und entlang der verkehrsberuhigten Strecke sind Cafés wie Pilze aus dem Boden geschossen. Stau gibt es höchstens noch vor der Gelateria di Berna auf dem Brupbacherplatz.

Die Kehrseite der Aufwertung: Schon vor der Eröffnung der Westtangente sind die Mietpreise entlang der Weststrasse rasant in die Höhe geschnellt. Das hat sich auf die Zusammensetzung der Anwohnerschaft ausgewirkt. «Mittlerweile hat es viele Expats hier, weil sie sich die hohen Mieten leisten können», sagt Renato Minacci. Wer nur auf Zeit an einem Ort lebe, sei natürlich weniger dort verwurzelt. «Es hat aber nach wie vor auch viele Alteingesessene hier. Diese Mischung macht das Leben im Quartier spannend.» Er sei eben hip, der Kreis 3, sagt Urs Rauber, Präsident des Quartiervereins Wiedikon. «Es ist eine begehrte Wohnlage. Ich kenne niemanden, der hier wieder wegwill.»

Im Friesenberg liegen die «ruhigen Schlafquartiere» für Familien, wie Rauber es nennt. Unten in den zentrumsnahen Wohnungen in den Quartieren Alt-Wiedikon und Sihlfeld leben junge Paare und Neo-Eltern. Dazu bietet der Kreis 3 mit seinen Parks, Friedhöfen, Schrebergärten, Spiel- und Sportplätzen und den Wäldern des Uetlibergs jede Menge Naherholungsgebiete und Grünflächen.

Hohe Genossenschaftsdichte

Tatsächlich hat sich ein Drittel der 5500 Quartierbewohner, die im letzten Jahr umgezogen sind, wieder im Kreis 3 eine Bleibe gesucht. Die Friesenbergler gehören gemäss Statistik Stadt Zürich sogar zu den sesshaftesten Bewohnern der Stadt Zürich überhaupt – nicht zuletzt wohl, weil es dort viel günstigen Wohnraum gibt: Die Hälfte aller Wohnungen am Friesenberg gehört der Familienheimgenossenschaft Zürich.

Überhaupt ist die Genossenschaftsdichte in diesem Stadtkreis hoch. Ein Dutzend Baugenossenschaften verfügt hier über Liegenschaften. Eine der ersten Genossenschaftssiedlungen von Zürich hat die Berowisa – oder «Baugenossenschaft zur Beschaffung billiger Wohnungen», wie sie ursprünglich hiess – bereits um 1900 an der Bertastrasse errichtet, und noch in diesem Jahr eröffnet die Siedlungsgenossenschaft Eigengrund im Sihlfeld-Quartier ihre neueste Überbauung.

Das Spezielle an der Situation in Wiedikon ist, dass günstige Mietwohnungen oft unmittelbar neben teuren Wohnungen stehen. Das sei wichtig für die Durchmischung des Quartiers, sagt Rauber. «Bei uns gibt es keine Monokulturen. Deshalb sind wir nicht im selben Mass von der Gentrifizierung betroffen wie beispielsweise das Seefeld.»

Gerade weil das Quartier so viele Vorzüge hat, sorgen sich einige Anwohner um deren Erhalt. Besitzstandswahrung ist die Devise. Vor allem im Friesenbergquartier, der Zürcher Gartenstadt, gehen beim Thema Verdichtung die Emotionen hoch, und es wird um jede Grasnarbe gekämpft. Laut Rauber haben die meisten zwar Verständnis dafür, dass in Zürich verdichtet werden muss, «solange es nicht im eigenen Quartier passiert».

Moderater Anstieg

Trotzdem macht der Präsident des Quartiervereins keine «alarmistische Stimmung» bei den Anwohnern aus. Es werde in Wiedikon ja auch nicht im selben Umfang gebaut wie derzeit in Affoltern oder in der Manegg. «Grossprojekte stehen bei uns keine an», sagt der Quartiervereinspräsident. Auch in Bezug auf das Bevölkerungswachstum prognostiziert die Stadt für den Kreis 3 nur einen vergleichsweise moderaten Anstieg von rund 50500 auf 57400 bis ins Jahr 2035 – im Kreis 11 mit dem Quartieren Affoltern, Oerlikon und Seebach soll die Anwohnerzahl im selben Zeitraum von rund 75300 auf 93800 ansteigen.

Es ist also eher eine gefühlte Dichte, die zumindest momentan Anlass zu Sorgen bereitet. Ausser an schönen Sommerabenden auf dem Idaplatz. Da kann die Dichte äusserst real werden. Zum Glück gibt es am Folgetag dann jeweils diese Siesta-Zeit, in der sich alle wieder vom nächtlichen Trubel erholen können.

Erstellt: 20.09.2019, 22:27 Uhr

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