Dicke Luft im 500-Millionen-Bau

Die Zürcher Hochschule der Künste logiert seit knapp zwei Jahren auf dem Toni-Areal. Zufrieden mit dem Prunkbau sind aber weder Dozenten noch Studenten.

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Das Toni-Areal sollte die grösste Schweizer Kunstschule in neuem Glanz erstrahlen lassen. Das grosse Gebäude in Zürich-West vereint heute alle Departemente der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK). Noch vor zwei Jahren waren diese auf 37 Standorte verteilt. Die Kunsthochschule wird dadurch besser wahrgenommen. Verwaltungsdirektor Matthias Schwarz nennt das «Hollande-Effekt», wenn er heute vom Toni-Areal spricht: Als vor gut einem Jahr der französische Präsident gemeinsam mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga zur Eröffnung seine Aufwartung machte, verlieh dies der Hochschule ein internationales Flair. Schwarz findet das «gigantisch». «Das wäre vor dem Umzug nicht möglich gewesen.»

Das Toni-Areal gab der Kunsthochschule eine Corporate Identity, eine einheitliche Identität und Ausstrahlung. Das begrüsste der Kantonsrat 2008, als er den Kredit über 182 Millionen Franken für den Innenausbau und das Mobiliar der einstigen Joghurtfabrik absegnete. Das Parlament betonte die «Wirtschaftlichkeit» des Grossprojekts: Mit der Konzentration auf einen Standort und der «nutzerfreundlichen Infrastruktur» würden die Kosten pro Studienplatz um «9 Prozent gesenkt werden», betonte es. Für den Umbau war die Allreal AG, Generalunternehmerin und Besitzerin, verantwortlich. Investitionsvolumen: knapp 500 Millionen Franken.

Kosten pro Student gestiegen

Durch die Konzentration der Kunsthochschule auf einen Standort sind die Staatsbeiträge pro Student allerdings nicht kleiner geworden. Im Gegenteil: Nach dem Einzug ins Toni-Areal im Sommer 2014 stiegen sie von jährlich 31'300 Franken um fast ein Viertel an. Im vergangenen Jahr betrugen sie mehr als 41'600 Franken pro Kopf. Doch Verwaltungsdirektor Matthias Schwarz ist überzeugt, dass es in den kommenden Jahren keine Mehrkosten mehr geben wird: «Die Kurve wird flach gehalten.» Der Anstieg sei allein durch die höheren Raum- und Nutzungskosten zu erklären. Vor dem Umzug sei an den verschiedenen Standorten kaum noch in die Infrastruktur investiert worden, was die Mietkosten tief gehalten habe. Die gesamten Kosten für das Toni-Areal betragen heute jährlich rund 22 Millionen Franken, dazu gehören Miete, Zinsen und Abschreibungen. Vorher hatte der Kanton für die 37 Standorte der Kunsthochschule lediglich 10,5 Millionen Franken bezahlt.

Die höheren Bildungskosten lassen sich mit Zürichs Ambitionen im hart umkämpften Bildungsmarkt durchaus rechtfertigen. Als Gegenwert hat die Kunsthochschule eine bessere Positionierung und die Bevölkerung ein neues Stadtviertel erhalten. Schon vor der Fertigstellung des Umbaus im Jahr 2014 eröffneten im einst toten Quartier viele Restaurants, Imbissbuden und Hotels. Sie alle profitieren nun vom neuen Publikumsmagneten an der Pfingstweidstrasse, wo rund 5000 Studentinnen, Studenten und Dozenten ein und aus gehen. Als Krönung winkt den Toni-Architekten von EM2N nun «die Auszeichnung für gute Bauten», die von der Stadt im September vergeben wird.

«Es herrscht Schickeria total»

Nach fast zwei Jahren gibt es über den Prestigebau aber noch eine andere Geschichte zu erzählen. Sie handelt von rebellierenden Studenten und streikender Haustechnik. Der Umzug ins Toni-Areal hat Verlierer hervorgebracht. Als solche fühlen sich viele der bildenden Künstlerinnen und Künstler. Sie vermissen seit dem Umzug die wertvollen Lagerräume. Die Ateliers sind heute teilweise über Wochen ausgebucht, und aus Hygienegründen ist die Arbeit der Künstler eingeschränkt. Sie dürfen zum Beispiel nicht mit Gips oder Zement hantieren. Ein Unsinn für Künstler, die frei mit verschiedenen Materialien experimentieren sollten. Zugleich führt die Haustechnik zu Beeinträchtigungen im Betrieb, die teils groteske Züge annehmen. So mussten im vergangenen Winter Augensalben verteilt werden, weil für viele die trockene Luft nicht mehr auszuhalten war.

«Die Funktionalität wurde der durchgestalteten Architektur geopfert. Es herrscht Schickeria total», sagt Thomas Müllenbach. Der emeritierte Professor protestierte 2008 mit einem Flugblatt gegen den Standortwechsel, den er als «monströse Zentralisierungsveranstaltung» bezeichnete. Solche Kritik wurde nicht geduldet. Die Kunsthochschule erteilte ihm einen Verweis und entzog ihm ein Leitungspensum. Um das zu verhindern, zog Müllenbach bis vor Bundesgericht. Dieses gab ihm recht. Bis zu seiner Pensionierung blieb er Dozent – ein Jahr davon verbrachte er im Toni-Areal: «Das Projekt wurde von Anfang an zur Chefsache erklärt, ohne dass im Vorfeld eine inhaltliche Diskussion stattgefunden hätte», sagt er. Vor dem Einzug hätten einige seiner Kollegen kein Verständnis für seine Bedenken gehabt. «Heute sagen mir viele, dass es noch viel schlimmer sei, als ich es vorausgesagt habe.»

Kritik aus der Führungsetage

Inzwischen sind die kritischen Stimmen bis in die oberen Etagen zu vernehmen. Hansuli Matter, Direktor des Departements Design, war am mehrjährigen Planungsprozess für das Toni-Areal beteiligt. «Ich würde einiges anders machen, wenn ich heute nochmals von vorne anfangen könnte», sagt er in einem Interview auf dem Toni-Blog. Etwa die verstärkte Einbindung von anderen Künstlern aus Theater, Musik oder von Mitarbeitern aus der Administration. Dann würde es heute mehr Räume, Ateliers, Werkstätten und Bürozonen geben, die flexibler nutzbar wären, sagt er. Departemente würden sich heute zurückziehen, weil sie das Gefühl hätten, ihre Heimat verloren zu haben. «Die Frage ist, ob wir einen Schritt zurückgehen oder einen Schritt nach vorne wagen, um das Problem zu lösen.»

Ein Zurück gibt es aber nicht. Der Mietvertrag zwischen dem Kanton und der Generalunternehmerin Allreal wurde für 20 Jahre abgeschlossen. Dessen ist sich auch Clifford Bruckmann bewusst. Das Vorstandsmitglied der Studierendenvertretung hat vor allem Mühe mit dem «fortschreitenden Harmonisierungsdrang». «Alle Departemente werden unter dem Begriff Künste gleichgesetzt.» Dabei seien die Unterschiede zwischen den Studiengängen frappant, die Bedürfnisse an die Infrastruktur teils grundverschieden. «Ich wünschte mir, die Hochschulleitung würde die Bedürfnisse der Studierenden nach aussen tragen, statt nur die politischen Entscheidungsträger ruhigzuhalten.»

Verwaltungsdirektor Schwarz hat ein gewisses Verständnis für die «Zentralisierungsängste». Er betrachtet den Einzug ins Toni-Areal als Zäsur und zugleich als Chance für mehr Interdisziplinarität zwischen den Departementen. «Zuvor lebten wir in Einzelwohnungen, heute in einer WG. Jetzt müssen wir uns auf Spielregeln einigen.» Eine gewisse Ordnung sei wichtig. Er nimmt damit auch Bezug auf den Protest des Departements Kunst und Medien, das vor gut zwei Wochen mit einer Mal- und Sprayaktion die Wände des 7. Stocks bemalte. Das Toni-Areal ist regelmässige Gaststätte für öffentliche Anlässe. Etwa heute Abend bei der Übergabe des kantonalen Architekturpreises 2016. Er sagt: «Da müssen und wollen wir eine gute Falle machen.»

Erstellt: 27.06.2016, 23:10 Uhr

Nasenbluten wegen der trockenen Luft

Die Mängelliste in der ZHDK ist lang. Das sind die wichtigsten Punkte.

Das Toni-Areal zählt mit 1400 Räumen zu den grössten öffentlichen Gebäuden des Kantons Zürich. Es ist eine hochtechnologisierte Anlage mit eigenwilligem Innenleben. Sie birgt seit zwei Jahren immer wieder Schwierigkeiten.

  • Kaputte Türen: Wegen der Brandschutzmassnahmen öffnen sich viele Türen auf unterschiedliche Weise. Viele Neuankömmlinge sind überfordert und reissen die Türen falsch auf. Die Folge: kaputte Türöffner und Magnethalter.
  • Mangelnde Belüftung: Die trockene Luft führte dazu, dass im Departement Musik Dutzende Luftbefeuchter angeschafft werden mussten, um die Instrumente zu schützen. Vor allem in Wintermonaten klagen Studenten und Mitarbeiter über Unwohlsein, trockene ­Augen oder sogar Nasenbluten. Gemäss Studiengangleitung hat sich die Lüftungsituation auf einem «befriedigenden Niveau» eingependelt. Nach einer langfristigen Lösung wird gesucht.
  • Überfordertes Badge-System: Angehörige der Kunsthochschule erhalten je nach Studiengang verschiedene Zugangsberechtigungen. Das erfordete System ist so komplex, dass es häufig zu Schwierigkeiten mit den Schlüsselkästen kommt, wie zum Beispiel zu Blockaden. Die Prozesse werden gemäss Schul­leitung aber laufend «optimiert».
  • Störrische Storen: Die Sonnenstoren bewegen sich im Toni-Areal automatisiert – nach undurchschaubaren Regeln: «Die Storen werden trotz Nebeldecke heruntergefahren, dann 20 Zentimeter hoch, nach drei Sekunden wieder um einen Meter nach unten korrigiert, um zuletzt 70 Zentimeter nach oben gezogen zu werden. Dieser Vorgang wiederholt sich alle paar Minuten», erzählt ein Student. Gemäss Studiengangleitung handelt es sich um ein «lernendes System». So hätten die Bewegungen seit Einzug markant abgenommen.
  • Ein Konzertsaal mit Nebengeräuschen: Der grosse Konzertraum im 7. Stock ist Prunksaal und Ärgernis ­zugleich. Von den vorbeirauschenden Zügen nur durch eine Wand getrennt, verunmöglichte dies zu Beginn Aufnahmen in CD-Qualität. Die Akustik musste aufgerüstet werden. Investitionskosten in unbekannter Höhe.
  • Dumm gelaufen: Manche nennen sie den «Walk of Shame» – die Treppe zum Haupteingang. Die ungünstige Stufenlänge verhindert eine natürliche Gangart. Vereinzelt kam es zu kleineren ­Unfällen. Die Treppe bewegt die Gemüter offenbar so sehr, dass sich schon Dutzende bei der Studienvertretung über sie beschwerten. Martin Sturzenegger

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