Der Auszug von Manor verschärft das Problem an der Bahnhofstrasse

Mit dem Manor verschwindet ein weiteres Warenhaus an Zürichs Luxusmeile. Experten sehen darin auch eine Chance.

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Über 35 Jahre lang war Manor ein Kundenmagnet an der Bahnhofstrasse. Nun schliesst das Warenhaus auf Ende Januar 2020, womit die Einkaufsmeile nach Franz Carl Weber ein weiteres Traditionsgeschäft verliert. Einen Alternativstandort hat Manor noch nicht. Esther Girsberger, Geschäftsführerin IG Manor Bahnhofstrasse, sagt: «Es ist ein Stich mitten ins Herz der Zürcher Innenstadt.»

Die Lage im Detailhandel hat sich in den letzten Jahren durch den Onlinehandel verschärft. Das spüren vor allem Warenhäuser wie Manor, die mit sinkenden Umsätzen kämpfen. Darunter leiden auch andere Geschäfte an der Bahnhofstrasse. Laut «Bilanz» gab es seit 2012 über 40 Mieterwechsel. Besonders an der unteren Bahnhofstrasse verlängere sich die Suche nach neuen Mietern. Manor führte zudem seit Jahren mit der Besitzerin Swiss Life einen Mietstreit.

Gegen den Einheitsbrei

Experten sehen das Manor-Aus weniger düster und sprechen von einer Chance für den prestigeträchtigen Standort. Er zählt zu den höchstfrequentierten in der Schweiz. Neue Konzepte könnten dem Einheitsbrei von Anbietern entgegenwirken und weiter Kunden anziehen.

Robert Weinert von Wüest Partner sagt: «Flagship-Stores und neue Läden könnten zu einer neuen Vielfalt beitragen.» Michael Dressen vom Immobiliendienstleister CBRE Schweiz hat einen bestimmten Mietermix vor Augen. «Gemischt genutzte Flächen aus Retail, Gastronomie, Büros, Co-Working und Hotel könnten die Innenstadt nach Ladenschluss beleben.» Urs Küng vom Immobiliendienstleister Partner Real Estate sagt: «Der Detailhandel muss sich an die neue Generation anpassen.»


Warum muss Manor an der Bahnhofstrasse raus?


Nach einem jahrelangen Streit und zahlreichen Verhandlungsversuchen mit der Vermieterin Swiss Life verlässt Manor den Standort an der Bahnhofstrasse. Die Warenhauskette hatte für die Liegenschaft einen gültigen Mietvertrag bis 2014. Swiss Life wollte ab dann den Mietzins von rund 6 auf 19 Millionen erhöhen.

Dagegen klagte Manor und bekam sowohl vom Mietgericht wie vom Zürcher Obergericht in einem Punkt recht: Der von der Swiss Life offerierte Mietzins hätte nicht den «marktüblichen Vertragskonditionen für ein Warenhaus» entsprochen. Swiss Life zog dieses Urteil ans Bundesgericht weiter.

Laut Gesetz kann ein Mietverhältnis bei Geschäftsliegenschaften bis maximal sechs Jahre erstreckt werden. Ein entsprechendes Gesuch von Manor ist vor dem Obergericht hängig. War die Swiss-Life-Offerte tatsächlich ungültig, würde die Erstreckungsfrist für Manor erst am 31. Januar 2025 enden. War die Offerte aber gültig, könnte die Erstreckungsfrist schon am 31. Januar 2020 enden.

Warum kündigt man die Schliessung trotzdem jetzt an?


Für Manor könnte das mögliche Ende der Mieterstreckung am 31. Januar 2020 deshalb ein «entscheidendes Datum» sein. CEO Jérôme Gilg sagt: «Danach sind juristisch gesehen zu viele Fragen offen, und das finanzielle Risiko für Manor wäre zu gross.» Gilg sagt: «Wir haben zudem den Eindruck, dass uns Swiss Life definitiv nicht mehr an der Bahnhofstrasse will.»

Was kostet Manor die Schliessung des Standortes Bahnhofstrasse?


Manor rechnet mit einem Umsatzverlust im Bereich eines hohen zweistelligen Millionenbetrags.

Gibt es bereits mögliche Alternativstandorte?


Gut möglich, dass Manor bis Ende Januar keinen passenden Ersatz für das Geschäft an der Bahnhofstrasse findet. «Die Suche könnte noch Monate, vielleicht sogar Jahre dauern», sagte CEO Jérôme Gilg vor den Medien. Manor schreibt, man suche derzeit intensiv nach einem Standort «im Herzen der Stadt.» Bis wohin dieses Herz für Manor reicht, konkretisierte Jérôme Gilg: Man suche in der Zürcher Innenstadt – Oerlikon käme beispielsweise als Standort nicht infrage.

Entscheidend bei der Suche seien weiter der Mietzins, die Grösse und die Kundenfrequenz. Richtwert seien die aktuell sechs Millionen Kundinnen und Kunden pro Jahr, die den Manor an der Bahnhofstrasse besuchen. Das bedeutet zum Beispiel: «Die Kundenfrequenz an der Europaallee ist für Manor zu niedrig», sagte Gilg.

«Die Kundenfrequenz an der Europaallee ist für Manor zu niedrig»: Manor-CEO Jérôme Gilg (rechts) an der Medienkonferenz. Foto: Keystone

Thematisiert worden sei auch die Liegenschaft an der Sihlstrasse 3 – dieser sei aber mit 2500 Quadratmetern zu klein. Manor sei zwar offen für kleinere Formate als die aktuellen rund 11'000 Quadratmeter Verkaufsfläche, sagt Gilg. Weniger als 5000 Quadratmeter kämen aber nicht infrage.

Eine ähnliche Frequenz wie an der Bahnhofstrasse hat Manor auch am Bellevue und am Bahnhof Stadelhofen gemessen. Möglich, dass Manor da auf die Liegenschaft an der Theaterstrasse 12 spekuliert. Globus muss dieses Gebäude 2022 verlassen, weil es saniert wird. Die Liegenschaft bietet rund 6600 Quadratmeter Fläche, ein Drittel davon wird derzeit als Büroflächen genutzt. «Das Gebäude prüfen wir auch», sagt Filialleiter Stephan Böger.

Das Globus-Provisorium, die Liegenschaft Du Pont, die ehemalige Fraumünsterpost und auch die Sihlporte hat Manor bereits früher als Alternativstandorte abgelehnt.

Was geschieht mit den 480 betroffenen Mitarbeitenden?


Die 480 Mitarbeitenden, von denen 290 für Manor und 190 in eingemieteten Firmen arbeiten, wurden am Montagmorgen über den Entscheid informiert. Manor versucht, möglichst viele Mitarbeitende an den 16 Standorten rund um Zürich unterzubringen – derzeit sind da 90 Stellen offen. Die Warenhauskette hat in den Filialen einen Einstellungsstopp angeordnet. Für die 7 Lernenden sucht das Unternehmen ebenfalls nach Lösungen. Zudem ist Manor in Kontakt mit Coop und Migros sowie der Swiss Retail Federation.

Die Vermieterin Swiss Life kritisiert die mögliche Entlassung von Mitarbeitern: «Leider hat es das Management von Manor unterlassen, rechtzeitig einen alternativen Standort zu finden», schreibt der Konzern. Die Leidtragenden dieser fehlenden unternehmerischen Voraussicht seien die Mitarbeitenden von Manor.

Der Streit um das Gebäude sei seit langem bekannt, kritisiert auch die Gewerkschaft Unia in einer Mitteilung. Manor hätte genug Zeit gehabt, um Alternativen für das Personal zu finden. Man werde eine mögliche Massenentlassung nicht akzeptieren. Manor müsse seine Verantwortung gegenüber den Angestellten wahrnehmen und Lösungen für ihre Weiterbeschäftigung finde, schreibt die Gewerkschaft.

Manor unterbreitete Swiss Life ein Kaufangebot. Warum wurde dieses abgelehnt?


Manor hat Swiss Life im Sommer ein Kaufangebot für das Gebäude in der Höhe von 535 Millionen Franken unterbreitet. Die Swiss Life lehnte das Angebot ab.

Ein Verkauf der Liegenschaft würde der Geschäftsstrategie und den Interessen der Kundinnen und Kunden von Swiss Life zuwiderlaufen, kommentiert der Lebensversicherungskonzern das Angebot. Die Mieterträge seien von grosser strategischer Bedeutung. Zudem hätten die Berechnungen von Swiss Life einen wesentlich höheren Verkaufswert ergeben. Die Kaufangebote von Manor seien allesamt unrealistisch gewesen. Sie hätten dem einmaligen Standort und dem aktuellen Marktumfeld keine Rechnung getragen.

Das Oscar-Weber-Warenhaus an der Bahnhofstrasse in Zürich, aufgenommen am 2. Juli 1983. Foto: Keystone

Was passiert mit dem Gebäude an der Bahnhofstrasse?


Die Swiss Life will die Liegenschaft grundlegend sanieren, die Fassade erneuern und die Nutzung neu ausrichten. Für das Projekt hat Swiss Life bereits eine Baubewilligung erhalten. Künftig entstehen im Erdgeschoss sowie ersten Unter- und Obergeschoss etwa zehn Ladeneinheiten. In die oberen Geschosse kommen Büroflächen. Die Swiss Life rechne mit Investitionen von gut 100 Millionen Franken und einer Bauzeit von zwei Jahren, sagt Mediensprecher Florian Zingg.

Was sagt die Stadt?


Der Wegzug von Manor aus der Zürcher Bahnhofstrasse sei ein grosser Verlust, sagt die Zürcher Stadtentwicklerin Anna Schindler zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Damit verschwinde das letzte ursprüngliche Warenhaus in diesem Quartier. Die Stadt könne aber im Einzelfall wenig ausrichten, ausser den Dialog zu suchen. «Es war schön, an dieser Lage mit Manor noch ein richtiges Warenhaus zu haben», sagte Schindler. Jelmoli und Globus hätten ein anderes Konzept. Deshalb sei der Wegzug von Manor gerade auch aus Sicht der Versorgung ein grosser Verlust. «Wir bedauern das sehr.»

Was passiert mit den hängigen Verfahren?


Gesamthaft sind noch fünf gerichtliche Verfahren hängig. Die Warenhauskette Manor hat die Gerichte am Montag über ihren Entscheid informiert. Was genau mit den Verfahren passiert, ist Gegenstand von Verhandlungen mit der Vermieterin Swiss Life.

Was passiert mit den Waren und dem Inventar?


Man werde den Betrieb bis Ende Januar den Umständen entsprechend ganz normal aufrechterhalten, sagt Manor CEO Jérôme Gilg. Er gehe davon aus, dass man bis dann nicht mehr ganz so viele Waren haben werde. Was mit dem Inventar passiere, könne er noch nicht sagen.

Erstellt: 23.09.2019, 15:06 Uhr

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