Die Absurdität der Demokratie

Die Opposition gegen das neue Fussballstadion in Zürich missachtet den Wählerwillen und strebt eine neuerliche Abstimmung an.

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Die Schweiz hat Banken und Kühe, Berge und Käse. Sie hat die Demo­kratie. Und die Gegner eines neuen Fussballstadions in Zürich.

Einmal sind es die Anwohner, die dagegen opponieren, oder der VCS, ein anderes Mal ist es die SP der Stadt Zürich oder ein Kreis saturierter Bürger aus dem FDP-Kreis Höngg. 2003 erfinden sie den Begriff des Schattenwurfs, um ein Projekt zu bodigen, zu dem die Stimmbevölkerung mit 63,3 Prozent zugestimmt hat; und reizen den damaligen Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber dazu, von «Ökoterror» zu reden.

Am 25. November 2018 sagt das Stimmvolk wieder Ja zu einem neuen Stadion auf dem Hardturmgelände, trotz heftigen Widerstands, trotz Befürchtungen wegen der Hooligan-Problematik. Die Präsidenten der beiden Clubs, Ancillo Canepa vom FCZ und Stephan Anliker damals noch von GC, setzen für die Fotografen zum Jubelsprung an. Das sieht wenig elegant aus, aber drückt ihre Erleichterung aus: Endlich am Ziel! Endlich bekommt der Zürcher Fussball, was er dringend braucht.

«Die IG Freiräume tut so, als würde ein Stadion im Kreis 5 dem Weltklima so schaden wie das Abholzen des Amazonas.»

Das Pech der Präsidenten zumindest in diesem Fall ist, dass sie in der Schweiz leben, im Land der Demo­kratie und der Referenden. Jetzt, zehn Monate nach der Abstimmung, kommt die IG Freiräume Zürich-West aus dem Busch und wehrt sich gegen das neue Projekt. Sie tut gerade so, als würden ein Stadion und zwei Hochhäuser im ohnehin dicht überbauten Kreis 5 dem Weltklima ungefähr so schaden wie das Abholzen des Amazonas. Sie kann froh sein, dass nicht mehr der Vulkan Ledergerber mit einem Ausbruch droht.

Die IG liefert wieder einmal ein Beispiel dafür, welch absurde Wendungen die Demokratie nehmen kann, wie sie gebraucht werden kann, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Beim Trotzen hilft ihr die lächerlich kleine Hürde von 2000 Unterschriften, um eine neuerliche Abstimmung zu erzwingen. Dabei gehört zum politischen Verständnis von Demokratie nicht zuletzt eines doch auch: die Meinung der Mehrheit zu akzeptieren und damit die Niederlage.

Erstellt: 20.09.2019, 10:08 Uhr

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