Von Ausgangszonen, Drogen und bösen Nachbarn

Am Tag der offenen Bar- und Clubtür diskutierten Politiker über das Zürcher Nachtleben. Nur bei einem Thema waren sich alle einig.

Debattieren, wo sonst getanzt wird: Podiumsdiskussion im Nachtclub Friedas Büxe.

Debattieren, wo sonst getanzt wird: Podiumsdiskussion im Nachtclub Friedas Büxe. Bild: Dominique Meienberg

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Die Lage von Richard Wolff (AL) ist verzwickt. Der Zürcher Sicherheitsvorsteher, der in den 1980er-Jahren für ein lebendigeres Nachtleben kämpfte, ist heute für dessen Regulierung zuständig. Für einige aus der alternativen Szene gilt er deshalb als Verräter. Andere sehen ihn als Winkelried - einen, der dort Einfluss nimmt, wo er aus Sicht seiner Anhänger am meisten Schaden verhindern kann: bei der Polizeiarbeit. Pragmatismus statt Popularität.

Im Schein der Discokugel wirkt Wolff entspannt. Am vergangenen Samstagabend sitzt er mit einem Bier im Nachtclub Friedas Büxe - als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion. Der Tag der offenen Bar- und Clubtür sollte in diesem Jahr hier ein politisches Ende finden. Am Tisch sitzen drei weitere Stadtratskandidaten: André Odermatt (SP), Michael Baumer (FDP) und Karin Rykart (Grüne). Susanne Brunner (SVP) fehlt krankheitshalber.

«Ich bin ein Fossil des Zürcher Nachtlebens»

Zu Beginn schwelgen die Politiker in der Vergangenheit: «Ich bin ein Fossil des Zürcher Nachtlebens», sagt Wolff. Die Opernhauskrawalle, der Kampf ums autonome Jugendzentrum (AJZ) oder die Etablierung der Roten Fabrik – überall war er dabei. Manchmal habe man sich um die Regeln foutieren müssen. «Zürich war damals eine graue Wüste, was den Ausgang betrifft», sagt Wolff. Dagegen habe man gekämpft. Er nimmt einen Schluck aus der Bierflasche und fügt an: «Nun stehe ich auf der anderen Seite.» Als Sicherheitsvorsteher, der nun schauen müsse, dass die Regeln eingehalten würden. «Das ist doch Realsatire», sagt ein Mann im Publikum. Gelächter im Raum.

Mit Wolffs Werdegang wandelte sich auch das Nachtleben. Mitte der 1990er-Jahre zählte die Stadt rund 80 Nachtcafés; Discos, Restaurants und Bars mit verlängerten Öffnungszeiten. Heute sind es über 600. «In Zürich ist in der Nacht fast mehr los als am Tag», sagt Rykart. Das falle ihr auf, wenn sie nach Einbruch der Dunkelheit mit dem Velo durch Zürich-West fahre – es ist ihr Wohnort. «Zürich ist heute die Partymetropole der Schweiz», sagt Odermatt. An zweiter Stelle folge Lausanne «und danach lange nichts mehr».

Das Angebot ist gross, Probleme sind geblieben oder dazugekommen. Zumindest aus Sicht der Bar- und Clubbetreiber: Übertriebene Regulierungen, klagende Nachbarn oder zu wenig Freiräume - der Katalog ist lang. «Brauchte es vielleicht eine Umerziehung des Nachbarn?», fragt der Moderator und Präsident der Bar und Club Kommission (BCK) Alexander Bücheli. Er spielt auf die Lärmklagen an - einen politischen Dauerbrenner. Nach einem Gerichtsentscheid 2015 ist es für Privatpersonen einfacher, Clubs und Restaurants mit Rekursen einzudecken. Betreiber sehen sich gegängelt, gar in ihrer Existenz bedroht.

«Es braucht keine Erziehung, sondern Dialog», sagt Wolff. An der Langstrasse habe man mit Erfolg einen runden Tisch lanciert. «Ich weiss, es klingt langweilig», sagt der Sicherheitsvorsteher. «Mediation ist das einzige Mittel, das uns weiterbringt.» Die beiden anderen linken Podiumsteilnehmer nicken. «Den einen Nachbarn» - jenen, der sich an allem störe - werde es immer geben, sagt Rykart. «Damit müssen wir leben in dieser Stadt.»

Wer bezahlt für Lärmschutz?

Für Baumer geht die Einflussnahme der Nachbarn zu weit. Letzte Woche hat er im Gemeinderat ein Postulat eingereicht. Darin fordert er den Stadtrat zur Prüfung von Ausgangszonen auf. Und zu fixen Schliessungszeiten, die nicht anfechtbar sind. Sein Ziel: mehr Rechtssicherheit für die Betreiber, weniger Macht den Nachbarn. Odermatt winkt ab. Unter anderem mit dem Argument, dass sich die Ausgangs-Hotspots laufend verschieben würden. Fixe Zonen seien deshalb nicht praktikabel.

«Es braucht keine Erziehung des lärmgestörten Nachbarn, sondern den Dialog am runden Tisch.»
Richard Wolff (AL),
Sicherheitsvorsteher

Bücheli bringt weitere Verbesserungsvorschläge ins Spiel - inspiriert durch andere europäische Ausgangsmetropolen. In London lancierte der Bürgermeister kürzlich den sogenannten Agent of Change - einen Masterplan, um die Kulturräume vor der Verdrängung durch den Immobilienboom zu schützen. Bauträger neuer Wohnungen werden verpflichtet, für Lärmschutzmassnahmen zu sorgen, wenn das Gebäude in der Nähe eines Nachtlokals zu stehen kommt. In Zürich sind die Clubbetreiber für den Lärmschutz selber verantwortlich. Bücheli verweist auf einen Lärmfonds, der in Berlin geschaffen wurde und die Clubbetreiber von hohen Ausgaben entlasten soll.

Viel mehr als Sympathie lassen diese Vorschläge auf dem Podium nicht aufkommen. Das Spektrum der Einschätzungen reicht von «nicht mehrheitsfähig» über «unrealistisch» bis «prüfenswert». Es ist eher der Status quo, der den Politikern vorschwebt. In einem Punkt sind sich aber alle einig: bei der Legalisierung von Drogen. «Ich wünsche mir, dass der gesetzliche Umgang gewisser Suchtmittel auf dieselbe Stufe wie Alkohol und Tabak gestellt wird», sagt Wolff. Es dürfte, zumindest für die nächsten Jahre, ein frommer Wunsch bleiben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2018, 09:48 Uhr

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