«Die Architektur hat ein grosses Problem mit Machtmissbrauch»

Die renommierte Architektin Martha Thorne kritisiert die intransparente Haltung der ETH Zürich und schildert, wie sexuelle Belästigung in der Branche begünstigt wird.

«Ein falsches Wort, und die Karriere ist ruiniert»: Martha Thorne.

«Ein falsches Wort, und die Karriere ist ruiniert»: Martha Thorne.

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Martha Thorne, was dachten Sie, als Sie von den Vorfällen an der ETH erfuhren?
Ich war schockiert, als ich zum ersten Mal davon las. An einer Institution von Weltrang, wie die ETH eine ist, darf das nicht vorkommen. Studierende sollten sich in einem geschützten Rahmen wähnen können, in dem Gleichheit und Respekt gewährleistet wird. Die Vorfälle an der ETH – egal wie gross deren Ausmass nun ist – zeigen: Wenn eine Hochschule wissenschaftlich zu den besten gehört, heisst das nicht, dass auch die Gleichstellung auf einem hohen Niveau ist.

Was sollte die ETH besser machen?
Im Falle von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung muss sich die ETH deutlicher distanzieren. Sie muss öffentlich verkünden, dass sie nichts dergleichen toleriert. Mit der Abgrenzung ist es noch nicht getan: Es braucht vertrauensvolle Anlaufstellen, an die sich Betroffene wenden können. Um Machtmissbrauch beizukommen, braucht es zudem einen grundlegenden Wandel. In jeder Aktion, welche die ETH unternimmt, sollte klar werden, dass sie für Respekt und Chancengleichheit steht. Die Vorfälle müssen minutiös aufgearbeitet werden.

Die ETH gibt lediglich bekannt, dass der Professor gegen den Compliance Guide verstossen habe. Details über das Fehlverhalten werden keine genannt. Genügt das?
Die öffentliche Reaktion der ETH zeugt nicht von Transparenz. Mein Eindruck ist, dass es eher darum geht, den Status quo zu erhalten. Die Schule sollte nicht sich selbst schützen, sondern die Menschen, die für sie arbeiten – in diesem spezifischen Fall die Frauen. Mir ist nicht klar, weshalb die ETH nicht transparenter agiert. Was versteckt sie, wenn es doch anscheinend kein Problem gibt?

Vielleicht existieren zu wenig Beweise?
Anschuldigungen über sexuelle Belästigungen sind selten erfunden. Für eine Frau ist es in der Regel äusserst unangenehm, über solche intimen Details zu sprechen, weshalb viele es vorziehen zu schweigen. Es liegt in der Hand des neuen ETH-Präsidenten hinzustehen und die Probleme öffentlich zu benennen. Er muss den Opfern von Machtmissbrauch das absolute Vertrauen geben und sie zum Sprechen ermuntern. Doch die Probleme sind auch strukturell bedingt.

Was meinen Sie damit?
Es gibt ein krasses Machtgefälle zwischen Professoren und Studentinnen. Ein falsches Wort kann eine Karriere ruinieren. Die Architekturszene ist überschaubar – umso mehr fürchten Opfer von Machtmissbrauch, ihre Peiniger anzuprangern, speziell wenn sich diese in einer einflussreichen Position befinden. Die Vorwürfe können sich gegen sie selbst richten. Sie könnten plötzlich schlechtere Noten oder kein Empfehlungsschreiben mehr erhalten. Ein falsches Wort, und die Karriere ist ruiniert. Diese Gefahr besteht leider in einer überschaubaren und sehr vernetzten Szene wie der Architektur.

Sie scheinen keine Angst vor deutlichen Worten zu haben.
Als Dekanin bin ich in einer privilegierten Lage und muss nicht um meinen Job bangen, wenn ich sage: Ja, die Architektur hat ein grosses Problem mit sexueller Belästigung und Machtmissbrauch.

Wie ist die Situation in anderen technischen Departementen wie Physik, Chemie, bei den Ingenieuren?
In diesen Berufen gibt es zwar auch wenig Frauen. Jene, die es schaffen, werden aber als gleichberechtigt akzeptiert. Das könnte daran liegen, dass es sich um rein wissenschaftliche Disziplinen handelt. Das Wichtigste ist, fachlich zu überzeugen. In der Architektur gibt es nebst dem technischen auch den künstlerischen Teil, ein eher diffuses Feld, das mehr Spielraum offen lässt. Die Architekturszene wird seit Jahrzehnten von Männern dominiert, entsprechend haben sich auch die Arbeitsweisen angepasst: Eine fast 24-stündige Verfügbarkeit wird verlangt, während die Frau zu Hause den Haushalt macht. Die Architekturszene wird immer noch durch ein veraltetes Rollenbild geprägt.

Wie setzen Sie sich an ihrer Hochschule für die Gleichberechtigung ein?
Mir geht es darum, weibliche Vorbilder zu schaffen. Mehr als die Hälfte der Dozierenden an meiner Schule ist weiblich. Unsere Anlaufstellen geben Betroffenen nicht nur das Gefühl, dass ihnen jemand zuhört, sondern, dass Gerechtigkeit wirklich angestrebt wird. Wir veranstalten regelmässig Panels zum Thema. Etwas vom Wichtigsten, um Ungerechtigkeiten zu verhindern: Transparenz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2019, 11:08 Uhr

Martha Thorne

Die 66-jährige Amerikanerin ist Dekanin der IE School of Architecture and Design in Madrid und Geschäftsführerin des Pritzker Architekturpreises. Mehrfach protestierte sie schon öffentlich gegen die schlechte Stellung der Frauen in der Architektur-Szene an. Sie ist Gründungsmitglied der AMAE – Association of Women in Architecture in Spain.

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