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«Die Befragung hat ihr Leben zerstört»

Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes haben eine Coop-Kassiererin so befragt, dass sie nun unter psychischen Störungen leidet. Dennoch kam es zum Freispruch.

Thomas Hasler
Eine Coop-Kassiererin wurde verdächtigt, die Kasse manipuliert und 500 Franken veruntreut zu haben.
Eine Coop-Kassiererin wurde verdächtigt, die Kasse manipuliert und 500 Franken veruntreut zu haben.
Gaetan Bally, Keystone

Die heute 55-jährige Frau geriet im Sommer 2014 wegen Testkäufen in Verdacht der Kassenmanipulation und Veruntreuung im Deliktsbetrag von etwa 500 Franken. Zwei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, eine heute 52-jährige Frau und ein 40-jähriger Mann, sollten die Frau dazu befragen.

Nach einer Kontrolle des Garderobenschranks, der Handtasche und einer Kontrolle am Körper wurde die Kassiererin zur weiteren Befragung in die Zentrale gebracht. Laut Anklage wurde der Frau ihre Frage, worum es gehe, lange Zeit nicht beantwortet. Sie habe Zeit, um sich gut zu überlegen, weshalb sie mitgenommen worden sei. Auf weitere Fragen sei ihr mitgeteilt worden, sie habe keine Fragen zu stellen, sondern solche zu beantworten.

Mit Polizei gedroht

Nach teilweise sehr persönlichen, privaten Fragen, auch zu ihren Ausgaben, habe der Mann zu ihr gesagt, sie gebe für das und das Geld aus, dann habe sie kein Geld und stehle daher welches. Man habe ihr mit der Einschaltung der Polizei gedroht. Diese wisse Wege, von ihr Informationen «rauszuholen».

Man habe sie aufgefordert, auf einem Papier drei Gegenstände aufzuschreiben, die sie entwendet habe. Dies tat sie, obwohl sie schwor, dass sie nichts getan habe. Sie schrieb dennoch, was man von ihr wollte, damit man sie gehen lassen würde. Ihre Befragung, so ein weiterer Vorwurf, sei nicht abgebrochen worden, obwohl sich die Frau in einem emotionalen Ausnahmezustand befunden habe.

Ganz arbeitsunfähig

Tatsächlich hatte die Frau, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern mit einer B-Aufenthaltsbewilligung, sehr grosse Angst vor der Polizei, weil sie den Verlust ihrer Aufenthaltsbewilligung befürchtete. Seit den Vorfällen vom Sommer 2014 ist die Frau zu 100 Prozent arbeitsunfähig, wie zwei Gutachter bestätigen.

Die Frau sei im Umgang grob und entwertend behandelt worden. Sie sei «in Anbetracht ihres hohen Verantwortungsbewusstseins und Einsatzwillens durch die Beschuldigung, eine kriminelle Handlung begangen zu haben, quasi an einer psychischen Achillesferse getroffen worden, was auf dem Boden latenter schwerer Ängste eine panikartige Erstarrung und anhaltende schwere psychische Störungen ausgelöst» habe, hielt ein Gutachter fest. Laut dem Rechtsvertreter der Frau wurde sie durch das «traumatisierende Verhör aus der Bahn geworfen. Die Befragung zerstörte ihr Leben».

Aussergewöhnliches Verhalten

Der Einzelrichter am Bezirksgericht Zürich sprach die beiden Beschuldigten von den Vorwürfen der fahrlässigen schweren Körperverletzung und der Nötigung frei. Dass eine unternehmensinterne Befragung zu so schweren psychischen Beeinträchtigungen führe, sei sehr aussergewöhnlich und für die beiden Sicherheitsleute nicht vorhersehbar gewesen.

Die Beschuldigten hätten ja auch nicht gewusst, dass die Frau im Alter von 18 Jahren in ihrem Heimatland der Bombardierung ihres Quartiers ausgesetzt gewesen sei. Und sie hätten auch nicht gewusst, dass die damals 29-Jährige von ihrem Ehemann mit einem Messer mit dem Leben bedroht worden sei.

Die Androhung, die Polizei einzuschalten, sei keine Nötigung gewesen, weil der Hinweis auf dem Hintergrund eines vertretbaren Verdachts ein erlaubtes Mittel gewesen sei. Dass sich der Verdacht nachträglich als unzutreffend erwiesen habe, mache die Androhung nicht rechtswidrig.

Coop hat fristlos gekündigt

Tatsächlich wurde das Strafverfahren gegen die Kassiererin eingestellt. Wie der Rechtsvertreter der Frau vor Gericht sagte, war die Frau wegen einer anderen Arbeit von ihrer Kasse weggerufen und durch eine Kollegin ersetzt worden. Die Kassabons trugen aber fatalerweise weiterhin ihren Namen. Übrigens: Die Einstellung des Strafverfahrens gegen die Kassiererin wollte die Coop-Genossenschaft, welche die Frau nach Aufkommen des Verdachts fristlos entlassen hatte, nicht akzeptieren. Ihre Beschwerde wurde vom Obergericht abgewiesen.

Gegen den Freispruch der beiden Sicherheitsleute hat der Rechtsvertreter der Frau Berufung beim Obergericht eingelegt.

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