Die Besorgten vom Zürichberg

Ein Teil der Bevölkerung in Fluntern und Oberstrass kritisiert den geplanten Ausbau des Hochschulquartiers. Er hat Angst vor einer «chinesischen Mauer».

Die Ansicht des Hochschulquartiers vom Zürichberg aus könnte sich in den nächsten Jahrzehnten deutlich verändern. Foto: Dominique Meienberg

Die Ansicht des Hochschulquartiers vom Zürichberg aus könnte sich in den nächsten Jahrzehnten deutlich verändern. Foto: Dominique Meienberg

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Leuchtturm, grosser Wurf, Jahrhundertprojekt – um den geplanten Ausbau des Hochschulquartiers zu beschreiben, sind den Verantwortlichen nur die erhabensten Worte gut genug.

Wer sich gegen Berthold (so der offizielle Projektname) wehrt, gilt deshalb schnell als Kleingeist, Verhinderer, Anti-visionär. Besonders schwierig wird es, wenn die Gegner am Zürichberg wohnen. Die Reichen kämpften einzig um ihre Aussicht, heisst es dann. Dafür schreckten sie nicht davor zurück, Spitalbetten zu verhindern.

Um diesen Verdacht zu beseitigen, betonen die Berthold-Kritiker, dass sie nicht aus egoistischen Motiven handelten («Bis die Häuser stehen, bin ich längst tot»); dass sie das Vorhaben nicht grundsätzlich verhindern wollten; dass sie Uni und ETH positiv gegenüberständen und selbst dort studiert hätten.

Das folgende Aber zielt auf vier Punkte: 1. Städtebau, 2. Platzverbrauch, 3. Erschliessung, 4. Kommunikation.

«Grobe Klotzerei»

Kaum einer kennt den Zürichberg besser als Heinz Oeschger. Der Architekt, ein grosser Mann, der gerne das Wort «kultiviert» braucht, hat mehrere Studien zur Architektur von Fluntern und Oberstrass verfasst. Seit den 70er-Jahren beteiligt er sich an den Debatten zum Quartier. Sein Architekturbüro, in dem schon sein Vater arbeitete, liegt an der Voltastrasse. Vom kleinen Balkon blickt man direkt über Unispital, Uni und ETH.

Seine Schlagworte («grobe Klotzerei», «chinesische Mauer», «blindes Planungsvollgas») unterlegt Oeschger mit städtebaulichen Ausführungen. Der Zürichberg sei seit jeher «vertikal organisiert» gewesen. Wie in allen europäischen Städten kommunizierten Hanglagen und die Ebene miteinander, man sehe von unten nach oben und umgekehrt. «Diese Verbindung würde Berthold abklemmen», sagt Oeschger. Die geplante Sternwartenstrasse bilde eine «nach oben gedrückte, autistische» Achse, die Häuser an ihrer Seite schöben einen Riegel quer durch den Hang. Dieser schneide die Quartiere von der Stadt ab, mache sie zum «Hinterland».

Der Fehler der 70er-Jahre

Hochhäuser an Hanglagen seien ein «No-go», sagt Oeschger. An ihren Bergseiten entstünden durch den schrägen Winkel «Schluchten». Mit dem Frauenspital-Turm habe der Kanton in den 70er-Jahren einen breit verurteilten «Schandfleck» an den Zürichberg gestellt. Nun wolle man diesen Fehler in viel grösseren Ausmassen wiederholen.

Laut Oeschger wäre es einfach, die Schräglage besser zu bebauen. Als Beispiel führt er das GLC-Gebäude der ETH an, das derzeit unterhalb der Voltastrasse entsteht. Dieses «schlüpfe» vorbildlich in den Hang hinein. Der Berthold-Masterplan dagegen sei städtebaulich «äusserst unsensibel», man habe die riesigen Volumen willkürlich verteilt. «Ich hoffe auf eine Überarbeitung. Die viel zu breiten und hohen Türme müssen weg», sagt Oeschger.

Es gibt zu wenig Trams

Anwältin Maja Baumann wohnt mit ihrer Familie in der Nähe von Oeschgers Büro. Baumann bezweifelt, dass Uni, Unispital und ETH tatsächlich 350 000 weitere Quadratmeter Fläche bräuchten. «Man bekommt den Eindruck, dass sehr grosszügig bestellt wurde.»

Auch der Verkehr macht Baumann Sorgen. Schon heute seien Trams und Busse im Hochschulquartier zu Spitzenzeiten extrem voll. Viel mehr Menschen hätten keinen Platz. Die Grünen und der VCS teilen diese Einschätzung: Weil dem Hochschulquartier ein S-Bahnhof fehle, gestalte sich die Erschliessung schwierig. Dieses Problem anerkennt selbst der Regierungsrat. Der öffentliche Verkehr könne nicht ausreichend ausgebaut werden, um die durch Berthold entstehende Nachfrage zu bewältigen, heisst es in der neusten Studie. Schon vor zehn Jahren kam der Kanton zu einem ähnlichen Schluss: Mehr als 150'000 Quadratmeter zusätzliche Fläche vertrage der ÖV im Hochschulquartier nicht.

«Sie hören nicht zu»

Ideen, um das Problem zu lösen, gibt es einige: einen unterirdischen S-Bahnhof an der Durchmesserlinie, Verlängerung der Polybahn, eine grosse Treppe vom Central hoch, bessere Velowege.

Ein weiterer Punkt, den die Gegner bemängeln, ist die Kommunikation. «Juristisch läuft sie vorbildlich», sagt Maja Baumann. Die Behörden informierten regelmässig. «Doch sie hören uns nicht wirklich zu, gehen nicht auf uns ein.» Dass es auch anders gehe, habe die Planung des GLC-Gebäudes gezeigt. Dabei habe die ETH Forderungen der Anwohner vorbildlich miteinbezogen.

Der Widerstand besteht bisher aus voneinander unabhängigen Initiativen. Dazu gehört auch eine Gruppe aus ehemaligen ETH-Dozenten, viele davon Architekten und Raumplaner. Auch sie halten Berthold für viel zu gross, der Mensch sei bei der Planung vergessen gegangen. Morgen treffen sie sich mit Kantonsvertretern zu einer Aussprache.

Kritik der Grünen

Die betroffenen Quartiervereine tauschen sich seit drei Jahren mit den beteiligten Institutionen aus. «Wir befürworten die Stärkung des Forschungsstandorts im Zentrum», sagt Martin Schneider, Präsident des Quartiervereins Fluntern. Dafür stelle man aber drei Bedingungen: mehrere vertikale Fusswege, welche die Neubauzone queren; Erdgeschossnutzungen, die das Quartier rundherum beleben; eine Rückführung der von Uni und ETH genutzten Häuser in «quartierverträgliches» Wohnen.

Die Hochhäuser am Hang hält Schneider, der ebenfalls Architekt ist, persönlich für machbar. «Die Volumen sind gigantisch, aber eine solche Höhenentwicklung gehört auch zur Verdichtung.» In jüngster Zeit bewerteten viele Bewohner von Fluntern die geplanten Höhen sehr kritisch, sagt Schneider. «Aber hell entsetzt sind bis jetzt wenige.»

Von den politischen Parteien haben sich bisher nur die Grünen kritisch geäussert. Regierungs- und Stadträte von SVP, FDP und SP treiben das Grossprojekt voran. Die SP, als stärkste Partei in der Stadt, habe sich noch keine Meinung gebildet, sagt Kantonsrat Andrew Katumba, der in der Baukommission derzeit über den Masterplan berät. «Persönlich bin ich dafür, habe aber noch grosse Fragen.» Auch für Katumba bleibt die Erschliessung ungeklärt, der Masterplan komme zu spät und sei überfrachtet.

Am Podium am Montag Abend wird der grüne Gemeinderat Markus Knauss als einziger Skeptiker auftreten. Seine fünf Mitstreiter sind alles Berthold-Befürwortet. Umgekehrt wird das Verhältnis wohl im Publikum aussehen. Bei der letzten ähnlichen Veranstaltung fielen alle Voten negativ aus.

Podiumsdiskussion, Montag, 2. November, 19 bis 21 Uhr, Kunsthaus Zürich, Vortragssaal, Heimplatz 1. Mit dabei sind der kantonale Baudirektor Markus Kägi (SVP) und der städtische Hochbauvorsteher André Odermatt (SP).

Erstellt: 01.11.2015, 19:02 Uhr

Berthold

Keine Volksabstimmung vorgesehen

Letzten Herbst stellten Kanton, Stadt, Universität und ETH ihre «Vision» für das Hochschulgebiet vor. Um 40 Prozent wollen sie die Nutzungsfläche von Universität, ETH und Unispital erhöhen. Zahlreiche neue Gebäude würden entstehen, eine neue Strasse, neue Pärke und Plätze. Mehrere denkmalgeschützte Häuser müssten weichen. Das Vorhaben reicht bis 2040, bereits 2023 sollen die ersten Neubauten für das Unispital stehen. Berthold wird mehrere Milliarden Franken kosten.

Momentan berät die Baukommission im Kantonsrat über den Masterplan für Berthold, die Verhandlungen werden noch Monate dauern. Den Gestaltungsplan, der die Vorgaben des Masterplans konkretisiert, kann der Regierungsrat ohne Parlament festsetzen. Eine Volksabstimmung ist nicht vorgesehen, beide Pläne unterstehen aber einem möglichen Referendum.

Ohne die Unterstützung einer politischen Partei würde das Sammeln der nötigen Unterschriften die Gegner allerdings stark fordern. Nach Master- und Gestaltungsplan würden die einzelnen Gebäude geplant. Bei der Festsetzung der Baulinien kann dann auch die Stadt Zürich mitreden. Gegen einzelne Bauausschreibungen sind zudem Rekurse möglich. (bat)

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