«Die Bevölkerung will die Wende»

Die Winterthurer SP-Politikerin Yvonne Beutler kandidiert für das Stadtpräsidium – gegen Amtsinhaber Michael Künzle.

«Wenn man Vertrauen bekommt, muss man bereit sein, Verantwortung zu tragen», sagt Yvonne Beutler. Foto: Dominique Meienberg

«Wenn man Vertrauen bekommt, muss man bereit sein, Verantwortung zu tragen», sagt Yvonne Beutler. Foto: Dominique Meienberg

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Im letzten Sommer lehnten Sie eine Kandidatur als Stadtpräsidentin ab mit der Begründung, Sie wollten Ihren Sohn aufwachsen sehen. Gilt das nicht mehr?
Wenn sich die Ausgangslage ändert, muss man auch die Offenheit haben, einen Entscheid zu hinterfragen. Ich habe seit Sonntag viele Gespräche geführt mit der Partei, mit Weggefährten, vor allem aber mit der Familie. Am Ende entschieden wir: Doch, wir packen das.

Was gab den Ausschlag?
Die Bevölkerung hat ein klares Zeichen abgegeben, dass sie eine andere Politik möchte. Wenn man so viel Vertrauen bekommt, muss man bereit sein, die Verantwortung zu tragen. Ich bin bereit, die Führung dieser Stadt zu übernehmen.

Im zweiten Wahlgang am 15. April wird kein No-Billag-Effekt mehr spielen. Schmälert das Ihre Chancen?
Mein Wahlresultat zeigt, dass die Bevölkerung meine Art zu politisieren unterstützt. Das ist unabhängig vom No-Billag-Effekt. Die Bevölkerung weiss, wen sie vor sich hat.

Inwieweit hat das enttäuschende Resultat von Michael Künzle Ihren Entscheid erleichtert? Hatten Sie zuvor Respekt, ihn anzugreifen?
Als ich mich im letzten Sommer gegen eine Kandidatur entschloss, war das für mich der richtige Entscheid. Jetzt ist die Ausgangslage die, dass die Wende im Stadtrat gelungen ist und ein zweiter Wahlgang stattfindet. Nun kandidiere ich mit Überzeugung als erste Stadtpräsidentin von Winterthur.

Was machen Sie besser als Michael Künzle?
Ich trete nicht gegen ihn als Person an. Ich trete an, damit jene, die sich für einen Wechsel ausgesprochen haben, eine Stadtpräsidentin wählen können, die diese Politik und diesen Wechsel verkörpert.

Die SP hat Künzle im Wahlkampf heftig angegriffen. Worauf muss sich Winterthur nun einstellen?
Ich habe im Stadtratswahlkampf das Kollegialitätsprinzip stets gewahrt und werde das auch weiter so handhaben.

Dennoch, für die Stimmung im Gremium dürfte Ihre Kandidatur eine Belastung sein.
Ich habe Michael Künzle schon gestern informiert, weil mir auch in Zukunft eine gute Zusammenarbeit wichtig ist. Sicher, die Situation ist speziell. Aber wir sind professionell genug, dass wir damit umgehen können.

Im Gemeinderat gibt es ein Patt zwischen Linken und Bürgerlichen. Was heisst das für Sie?
Entscheidend für mich sind die Gewinne der SP. Sie hat drei Sitze gewonnen: Die Zeichen der Bevölkerung sind deutlich.

Ursprünglich hatten Sie auch damit argumentiert, als Finanzvorsteherin noch einiges erreichen zu wollen.
Solide Finanzen sind die Basis, dass sich eine Stadt gut entwickelt. Das wird mir auch weiterhin ein Anliegen sein.

Für manche Unternehmer sind Sie als SP-Politikerin ein rotes Tuch, wie der von Unternehmer Jan Schoch angekündigte Wegzug aus der Stadt zeigt. Wie wird sich das auswirken?
Ich glaube, mein Wahlresultat beantwortet die Frage. Wäre nicht bekannt, dass ich undogmatisch und sachlich politisiere, hätte ich nicht weit über die Mitte hinaus Stimmen erhalten. Herr Schoch war wohl hauptsächlich wegen der Abwahl von Josef Lisibach erzürnt.

Werden Sie versuchen, die Firma Schoch zu halten?
Herr Schoch muss selbst entscheiden, wie er sich und seine Firma positioniert.

Und wie werden Sie Winterthur positionieren?
Genau so, wie das die Wählerinnen und Wähler entschieden haben. Wir sind angetreten, weil wir für eine fortschrittliche, urbane, soziale und ökologische Politik eintreten.

Was heisst das konkret?
Für mich ist es zum Beispiel ein Anliegen, dass eine Familie in ihrem Quartier bezahlbaren Wohnraum findet. Als Stadt unterstützen wir Genossenschaften finanziell.

Was hat das Gewerbe zu erwarten?
Zu einer soliden finanziellen Basis gehört, dass es den Unternehmen gut geht. Eine konstruktive Zusammenarbeit mit ihnen ist für mich selbstverständlich.

Sind Steuersenkungen in Sicht?
Der Steuerfuss wird jährlich durch das Parlament festgelegt und hängt davon ab, wie sich die Finanzen entwickeln.

Der letzte SP-Stadtpräsident, Ernst Wohlwend, wurde mit der Zeit als «verbürgerlicht» kritisiert. Haben Sie keine Angst davor?
Ich habe ein sozial-liberales Profil und sehe keine Veranlassung, meine Grundwerte zu ändern. Sie gehören zu mir.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2018, 22:00 Uhr

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